der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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Heimat


Heimat wurde und wird bis zur Unkenntlichkeit verklärt und verkitscht, von den unterschied-lichsten Ideologien stilisiert, benutzt und missbraucht. Mythologisch aufgeladene, sentimentale Erinnerung gehört ebenso zum Begriffsfeld Heimat wie banale geografische Ortsbestimmung. Das, was mit Heimat gemeint ist, schwingt zwischen intim Persönlichem und Weltpolitik, ist Anspruch auf Zugehörigkeit wie Fluchtpunkt und Anlass zum Aufbruch. Heimat ist Projektionsfläche der unterschiedlichsten Sehnsüchte – vor allem der nach einer heilen Welt; sie kann Geborgenheit vermitteln, aber auch als Gefängnis empfunden werden, ist Antrieb zur Bewahrung des Überlieferten wie Triebkraft zur Veränderung. Manch einer gerät in Sonntagsstimmung, wenn er dem Begriff Heimat begegnet, andere würden ihn am liebsten zur Ablage an ein historisches Wörterbuch verweisen. Während die einen an der Enge der Heimat leiden, kranken die anderen am Verlust derselben, werden heimwehkrank – kurz: Heimat ist ein vielschichtiger Begriff.
Der Widerstreit von Heim- und Fernweh spiegelt sich auch in der Philosophiegeschichte. „Das ganze Unglück der Menschen besteht darin, dass sie nicht in der Lage sind, ruhig in ihrem Zimmer zu bleiben“, schreibt Blaise Pascal, der wie Parmenides, die Stoiker oder Mystiker wie Meister Eckhart die Menschen zur Einkehr bei sich selbst auffordert. Demgegenüber leben Vertreter der philosophischen „Schule der Bewegung“ wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx oder Ernst Bloch von der Sehnsucht, von der inneren Unruhe, vom Fortschreiten in die Utopie. Dass etwas fehlt, wissen die einen wie die anderen.
Sei es auf Reisen, auf der Flucht oder im Exil – nirgendwo wird einem derart bewusst, was Heimat, was Herkunft meint, wie fern dessen, was Heimat bezeichnet. Heimat definiert sich vor allem in der Auseinandersetzung mit dem Fremdartigen, dem Anderen, auch dem Fremden und Anderen in uns selbst. Keine Fremde ohne das Bewusstsein von Selbst und Heimat, keine Heimat ohne die Sehnsucht nach dem Anderen, ohne Verlangen nach der Fremde. Aber was, wenn es nicht mehr richtig anders werden will im Anderswo? Was, wenn der Horizont des Anderen, des Besonderen nicht mehr auszumachen ist, fragt Elmar Schenkel im Beitrag Das ferne Nahe. Wozu noch in die Ferne streben, wenn wir uns mittels der modernen Medien jeden beliebigen Ort dieser Welt in Echtzeit in die gute Stube holen können, sich die Hotels, Einkaufszentren und Lebensmittel global agierender Konzerne überall auf der Welt gleichen, mithin der Antritt einer Reise nicht mehr ein Aufbruch von der Heimat in eine andere Welt, sondern nur mehr beliebige geografische Körperverlagerung bedeutet? Die Heimat schaffende Potenz des Reisens jedoch, so die These von Elmar Schenkel, kommt weniger im Reisenden selbst zum Tragen, als vielmehr an den Orten, die er bereist. Ist es doch nur allzu oft so, dass der Fremde die Freunde in der Ferne auf Dinge aufmerksam macht, die diesen derart zur Selbstverständlichkeit geworden sind, „dass sie sehr oft etwas an ihrem eigenen Ort zum ersten Mal sehen, weil der Gast sie danach fragt … So kann der Fremde Heimat aufwerten, ja sie erst zu einer machen.“
Zur Heimat gehört, dass sie als solche auch bewusst erlebt wird: „Was Heimat ist, kann man nicht ermessen, solange man in ihr weilt. Man lernt es erst, wenn man sie verloren oder verlassen hat“, schreibt Christoph Türcke unter dem Titel Heimat wird erst. Heimat, so Türcke, wird in der Kindheit konkret, sie ist die erste Umgebung, der Menschen nach ihrer Geburt an- und einwachsen. Es ist die kindliche Umgebung, die so erlebt wird, als verstünde sie sich von selbst. Neugeborene sind so gesehen heimatlos; Geburt, die Austreibung aus dem Mutterleib, ist geradezu das Gegenteil von Heimat. Auch wenn diese meist keine heile Welt ist, repräsentiert doch nichts heile Welt so sehr wie die konkrete Heimat des Kindes.
Demgegenüber ist Hartmut Rosa der Überzeugung, dass die Dynamik der globalisierten Welt Heimat im Sinne einer fraglos gegebenen Beziehung zu einer als vertraut empfundenen Umgebung für den modernen Menschen unerreichbar macht: Die Welt, die Räume, unsere sozialen Beziehungen verändern sich schneller, als wir sie uns anverwandeln können – Heimatlosigkeit scheint unser Schicksal. Für das, was in früheren Epochen die Weltbeziehung und mithin den Heimatbegriff prägte, für jenes „Miteinander-Verwachsen“ von Subjekt und Welt, fehlt schlicht die Zeit. Wir wissen uns überall zu Hause, fühlen uns aber fremd, so Rosa unter dem Titel Heimat im Zeitalter der Globalisierung.
Die Tatsache, dass Nähe und Ferne heute Begriffe sind, die ihren Bezug zum Raum verloren haben, begreift der Medientheoretiker Vilém Flusser als Chance, Migration als Modell für die Zukunft. Die Heimatlosigkeit erlebt er als ein Freisein-zu-Etwas. „Heimat sind für mich die Menschen, für die ich Verantwortung trage“, zitiert ihn Nils Röller im Beitrag Heimat und Freiheit. Seine Haltung der Bodenlosigkeit entwickelt Flusser analog zum Kant’schen Freiheitsbegriff, demzufolge der menschliche Wille nicht an von außen gesetzten Zielen orientiert ist, sondern auf die Fähigkeit des Menschen zielt, sich selbst Gesetze, mithin auch sich selbst eine Heimat zu schaffen. Dementsprechend versteht er die Kultur eines Landes als „Sprachgewebe“, an dessen Webstuhl der Migrant, der er selber zeitlebens war, leichter arbeiten kann als der Einheimische, weil der Migrant die Sprache seines Gastlandes nicht durch den Schleier der muttersprachlichen Sentimentalität mit all ihren Erinnerungen an den kindlichen Spracherwerb wahrnimmt.
In der Tat wird mit der Heimat nur allzu oft etwas verteidigt, was man nie besaß. „Ich weiß, wo ich bin, fühle mich aber nicht dort“, schreibt Bernhard Waldenfels in seinem Beitrag Der Ort der Heimat. Heimat, die jemandem gehört und zu der jemand gehört, so Waldenfels, „lässt sich nicht denken auf dem Hintergrund des vorgestellten und schließlich mathematisierten Raums der klassischen Physik … Heimat gibt es allenfalls für Wesen, die den Raum bewohnen, die also selber leiblich in ihm verankert sind und ihm den Charakter einer Umwelt aufprägen.“ Erst mit der Entleiblichung des Subjekts, die mit der Mathematisierung der Natur einhergeht, verwandelt sich der Leib in ein pures Körperding, das neben anderen Dingen im Raum vorkommt. „Hier“ ist nicht der Ort, wo etwas sich befindet, sondern da, wo sich jemand befindet, der sich seines Da-Seins bewusst ist. Im Hier-Sagen gewinnt das Hier-Sein erst seinen eigentümlichen Sinn, so Waldenfels.
Rüdiger Görner gibt zu bedenken, dass Heimat das nur scheinbar Eigene ist. Mit Hölderlin fragt er im Essay Im Wort wohnen, ob Welt und Heimat ein Gegensatz seien. Versteht man Heimat als eine Grundverfasstheit des menschlichen Daseins, komme man unweigerlich zu dem Schluss: Wo immer ich mein Gepäck auspacke – „Ich bin, also heimate ich“. Friedrich Hölderlin, der Rast- und Heimatlose, der nirgends wirklich heimisch werden konnte, der sich stets zwischen allen Heimaten befand, kannte nur eine Heimat, so Görner – jene im Wort.
Entsprechend beschreibt Karen Joisten den Menschen als ein „Zwischen“, als ein Wesen, das sein Leben lang gezwungen ist, zwischen seinem Heim und seinen Wegen zu pendeln. Grundstruktur des Menschen sei nicht die „Geworfenheit“ (Martin Heidegger) und auch nicht die „Geborgenheit“ (Otto Friedrich Bollnow). In der Wendung „Heim-Weg“, so Joisten im Beitrag Zur „Heimat“ verurteilt?, komme die Doppelstruktur des Menschen zum Ausdruck: Der Mensch besteht aus einer heimischen und einer weghaften Seite, steht unablässig im Konflikt zwischen Behaustheit und Unbehaustheit, ist mithin beständig unterwegs – unterwegs zu sich.
Christoph Martin Wieland hingegen sieht den Philosophen als Weltbürger, der „alle Völker des Erdbodens als ebenso viele Zweige einer einzigen Familie“ ansieht; seine patria, sein Vaterland, ist der Kosmos. Der Kosmopolit, so Jutta Heinz im Beitrag Wo ist der Weise zu Hause?, „ist bei Wieland nicht mehr und nicht weniger als ein Mensch, der von seiner Anlage, seiner biologischen und mentalen Grundausstattung, seinem Habitus her mehr in der Philosophie als irgendwo anders zu Hause ist“. Dementsprechend heißt es bei Novalis: „Die Philosophie ist eigentlich Heimweh, ein Trieb, überall zu Hause zu sein.“ Die Philosophie des Kosmopoliten aber ist in der Welt zu Hause, seine Heimat braucht keinen Stolz, keinen Patriotismus, kein Blut, wie es die Vaterländer fordern.
Dass Heimat zum Modebegriff geworden ist, führt der Regisseur Edgar Reitz darauf zurück, dass wir uns mit unserer so befleckten nationalen Geschichte mit „Heimat“ gerne ein kleines Stück Unschuld erobern würden. In dem deutschen Wort „Heimat“, so Reitz im Interview, „schwingt vor allem die Erfahrung mit, dass man sie verlässt oder verloren hat. Wenn man sie durch äußere Einwirkungen und ohne eigenes Dazutun verliert, bleibt ein Schmerz des Verlusts zurück. Aber ich glaube, der Verlust, den man dabei erleidet, ist vor allem der Verlust der Hoffnung, sie verlassen zu können – so widersinnig das klingt. Heimatvertriebene werden insofern verletzt, als man ihnen die Entscheidung zu gehen weggenommen hat.“ Die Weggeher, Wegläufer und Heimatlosen bilden für ihn die Hefe der Welt; es sind die Neudenker, die Schöpferischen. Denn der Preis für Heimat ist ein Verlust an Freiheit.
Für Hermann Bausinger hingegen ist Heimat ein umfassendes, lebensweltliches Synonym für Freiheit im Sinne von Gestaltbarkeit. Der Heimatbegriff ist für ihn kein politisches Beschwichtigungsangebot, keine Besänftigungslandschaft, in der die Spannungen der sozialen Wirklichkeit aufgehoben sind. Dem geflügelten Wort Johann Jacobys „ubi bene, ibi patria“ (wo es uns wohl geht, das heißt, wo wir Menschen sein können, ist unser Vaterland) folgend, plädiert Bausinger für ein aktives Heimatverständnis, das eine offene Gesellschaft nicht mehr ausschließt. Heimat erwächst für ihn nicht aus einer alten Chronik, einem Stadtwappen oder einer Landschaft. „Heimat besteht für mich aus der Möglichkeit, mich in einem mir bekannten Kreis zu verwirklichen“, so Bausinger unter der Titel Heimat? Heimat! Mit Bezug auf Simone Weil fordert er ein aktives Bemühen um Einwurzelung, „denn schon immer, und in unseren bewegten Zeiten mehr denn je, kommt es auf das Wurzelschlagen an, also auf einen Prozess, der festen Halt nicht voraussetzt, sondern erst schafft … Die eigentliche Aufgabe ist es, Heimat und Welt zu versöhnen.“

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur