der blaue reiter

Michael Haussmann: Sartre
Kupferstich, 1987



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Sartres Freiheit


Sartre war ein Grenzgänger: Verfasser philosophischer Literatur und literarischer Philosophie. Was sein Werk gleichsam „im Innersten zusammenhält“, ist ein emphatischer Begriff von Freiheit, der sich auch in einer tief verwurzelten – in mehreren Dramen und Werktiteln artikulierten – Empfindlichkeit gegen alle Formen der Einschließung manifestiert.

Jean-Paul Sartres (1905–1980) Werk ist nicht nur sehr umfangreich, sondern auch extrem vielschichtig. Sein Gewicht ergibt sich nicht zuletzt aus dem Spektrum der Textsorten, in denen Sartre sich ausgedrückt hat. So hat er philosophisch-systematische Grundwerke verfasst (wie Das Sein und das Nichts oder Kritik der dialektischen Vernunft), aber auch eine beachtliche Anzahl von Theaterstücken, eine Reihe von Erzählungen und mehrere Romane, die immerhin zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur geführt haben; die Annahme dieses Preises hat Sartre bekanntlich 1964 mit einer spektakulären Geste abgelehnt.

 

Hölle heißt Eingesperrtsein.

 

Die berühmtesten Abschnitte aus seinem Roman Der Ekel entwickeln philosophische Grundfragen, während manche Passagen von Das Sein und das Nichts geradezu poetischen Glanz ausstrahlen. Mit Hegels Geschichtsphilosophie sei die „Tragödie in die Philosophie eingebrochen, mit Kierkegaard die Biographie als Farce oder Drama“. Spätestens seit damals – so argumentiert Sartre in gewisser Nähe zu Brecht – sei eben „das Theater philosophisch“ geworden „und die Philosophie dramatisch“.
Einen besonderen Gipfel erreichte Sartres Werk in seinen exemplarischen Porträts und philosophischen Biografien; insbesondere Saint Genet und Der Idiot der Familie sind Dokumente einer „existentiellen Psychoanalyse“, wie sie Sartre am Ende von Das Sein und das Nichts gefordert hatte. Neben die Hauptwerke tritt eine kaum überschaubare Fülle von Essays, die Sartre in den zehn Bänden seiner Situations publiziert hat. Unter diesen Essays finden sich virtuose Texte zur Malerei und Plastik (zu Tintoretto, Giacometti, Masson), zur Literatur (zu Dos Passos, Faulkner, Ponge), Rezensionen (etwa zu Der Fremde von Albert Camus, zu Die innere Erfahrung von Georges Bataille oder zu Die Liebe und das Abendland von Denis de Rougemont), Physiognomien und Nachrufe, an denen Sartre oft monatelang gefeilt hatte (etwa zu Camus, Maurice Merleau-Ponty, Paul Nizan). Daneben wurden zahlreiche politische Reden, Aufrufe, offene Briefe, Manifeste und Pamphlete, Leitartikel aus Les Temps Modernes (der Zeitschrift, die Sartre 1945 begründet hatte), moralisch engagierte Stellungnahmen zum Neokolonialismus, zum Algerien- und Vietnamkrieg, zum Marxismus und zum Mai ’68 in den Situations abgedruckt. Schließlich müsste Sartre aber auch als Reiseschriftsteller, Verfasser von Vorworten und Drehbüchern (etwa zu John Hustons Film über Sigmund Freud), Tagebuch- und Briefschreiber, ja als geistreicher Interview- und Gesprächspartner gewürdigt werden.
Sartre hat sich gern als Monstrum betrachtet, das sich – bei aller Selbstironie und kritischer Distanz zu den eigenen Leistungen und Ambitionen – doch stets als singuläre, außer-ordentliche Erscheinung wahrzunehmen vermochte. Mit gewissem Stolz hat er gelegentlich darauf hingewiesen, dass sein Werk, seine Fähigkeit zur Mobilisierung und Ausbeutung der allerletzten Kraftreserven, auch durch den jahrzehntelangen Konsum von Amphetaminen ermöglicht wurde – woraus er immerhin eine subtile Gattungsdifferenz zwischen Literatur und Philosophie ableitete: Die Aufputschmittel wurden abgesetzt, „wenn es darum ging, Literatur zu schreiben … Ich war der Ansicht, daß die Art, wie man die Worte wählte, wie man sie nebeneinandersetzte, wie man einen Satz baute, kurz gesagt der Stil, und dann die Art, wie man in einem Roman die Gefühle analysiert, zur Voraussetzung hat, daß man absolut normal ist.“ Ganz im Unterschied zur Philosophie: „In der Philosophie bestand Schreiben … darin, meine Ideen zu analysieren, und ein Röhrchen Corydran bedeutete: diese oder jene Ideen werden in den zwei kommenden Tagen analysiert.“

 

„Der Hunger ist bereits die Forderung
nach Freiheit.“

 

Autor: Thomas Macho