der blaue reiter


Keuchenius: Friedrich Nietzsche, 2003



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„Wie man wird, was man ist.“
Der Denkweg Friedrich Nietzsches


Mit Friedrich Nietzsche wird die Philosophie persönlich. Philosophieren ist für ihn keine distanzierte, rein theoretische Tätigkeit, sondern ein Ausdruck der tiefsten Bestrebungen und Fähigkeiten einer Persönlichkeit. In jeder Philosophie zeigt sich der Charakter eines Menschen. Zwar ist eine solche Auffassung keineswegs neu – sie begleitet die Philosophie seit Anfang ihrer Geschichte. Nietzsche radikalisiert die persönliche Dimension jedoch. Sein Werk wird mit zunehmender Dauer immer mehr zum Medium der Selbstbezeugung. Es wird zu einer langen Antwort auf die Frage, „wie man wird, was man ist“. Dabei spricht es uns, so paradox dies klingt, gerade deshalb an, weil es so persönlich gehalten ist – weil es den Leser herausfordert und auf den Weg der eigenen Selbstfindung bringt.

 

Wir dürfen nicht begreifen, was uns treibt, wenn wir den Antrieb nicht verlieren wollen.

 

Freilich darf es nicht so scheinen, als müsse man Nietzsches Werk als eine Art von Auto-biografie verstehen. Es geht ihm keineswegs um „Bekenntnisse“, wie sie etwa Jean-Jacques Rousseau veröffentlicht hat und in denen er den Leser auch mit peinlichen und intimen Einzelheiten seines Lebens konfrontiert. Die Tradition der Bekenntnisliteratur, des Ergründens der eigenen Seele, ist Nietzsche fremd, ja letztlich nur des Spottes wert. Dies hat vor allem zwei Gründe.
Zum einen geht es Nietzsche nicht um das Seelenleben des Einzelnen mit seinen verschie-denen kleinen und großen Gefühlen. Unsere Lüste und Begierden, unseren Neid oder unsere Verletzlichkeit gegenüber den anderen deckt er in der Regel mit dem Mantel des Schweigens zu. Das Persönliche ist nicht in dieser Hinsicht für ihn interessant. Interessant ist vielmehr der Mensch in seiner Geschichte, genauer der moderne Mensch. ...

Autor: Michael Steinmann