der blaue reiter


Ingrid Webendoerfer: Colosseo Roma II
1990, Foto, Acryl, Farbstift, 61 x 79,5 cm



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Mittel oder Medium? Technische Weltgestaltung und ihre verkürzten Theorien


Unser Weltbild ist durch Technik geprägt, die Welt, in der wir leben, ist eine verfertigte Welt. Technik als Mittel zu denken heißt sich auf den Umgang mit Wirklichem zu konzentrieren, während ein Verständnis von Technik als Medium auf den Umgang mit Möglichem verweist. Eine Auseinandersetzung mit Welt im Medium der Technik bedeutet, dass unsere Beschäftigung mit allem, was ist, eingebunden und geprägt ist von den Möglichkeiten, welche die technischen Systeme uns vorgeben.
Man hat sich angewöhnt, von einer „zweiten Natur“ zu sprechen. Eine solche Rede gibt vor zu wissen, wo sie anfängt zu zählen: bei der „ersten Natur“. Wo finden wir eine solche erste Natur? In einer Erinnerung, welche den „Landmann“ zitiert, der noch den Gefahren der Natur, dem Wechsel der Jahreszeiten, der vorgegebenen Eignung und Widerspenstigkeit natürlicher Stoffe und Materialien ausgesetzt war, die er zum Überleben benötigt, und welcher dankbar die Geschenke der ersten Natur in Form von Erntegaben in Empfang nahm? Oder finden wir die erste Natur dort, wo sich ihre subtile oder machtvolle Rache artikuliert und wir über unseren Schmerz darüber belehrt werden, dass es jenseits unserer geschaffenen Welt noch eine Instanz gibt, die sich zu Wort meldet? Oder finden wir die erste Natur in der Unverfügbarkeit der Naturgesetze, die wir zwar unterschiedlich modellieren und nutzen können, welche aber in ihrem „Wesensbestand“ uns nicht verfügbar sind? Alle drei (und viele weitere) Ansatzpunkte des Zählens erweisen sich als brüchig: Die Erinnerung an den Landmann ist eine Projektion. Hatte er sich nicht die Natur vertraut und umgänglich gemacht – wenn auch mit anderen Mitteln – wie wir heute? Hatte sie belebt, mit ihr verhandelt, ihr geopfert, sie in Rituale gezwängt? Bliebe der zweite Ansatz „erste Natur“ als dasjenige zu begreifen, was sich unserem Zugriff entzieht und als „Störung“ zu Wort meldet. Eine Störung aber ist immer nur relativ zu einem von uns (willkürlich) gesetzten Standard. In dem Bündel der Bedingungen, unter dem eine Störung als solche erscheint, tauchen wir an den verschiedensten Stellen immer wieder selbst auf. Wenn die Natur angeblich „nichts umsonst tut“ (Immanuel Kant), dann gibt es auch keine Störung. Und selbst wenn wir uns zu unseren Standards bekennen und von dort aus eigenmächtig „Störungen“ diagnostizieren, dann ist die Frage nach dem Verursacher noch nicht geklärt. Wenn, wie uns
die Naturforscher belehren, nirgendwo auf der Erde mehr natürliche Kreisläufe wie zum Beispiel der Stickstoffkreislauf unberührt von menschlichen Einflüssen nachweisbar sind, wenn Katastrophen uns zwar Scheitern und Widerstand signalisieren, aber in zunehmendem Maße die menschliche Herkunft dieser Ereignislagen offenkundig werden lassen (bis hin zum Wetter), dann taugt der Hinweis auf Widerstände nicht zum Erweis einer wie auch immer gearteten Ursprünglichkeit ihrer Herkunft. Suchen wir schließlich das Andere als das nicht Verfügbare in den Naturgesetzen, welche doch menschlichem Zugriff entzogen sind, so finden wir hier zwar eine einleuchtende Idee, nicht aber ihre Einlösung: Naturgesetze sind Modellierungen des menschlichen Geistes, dessen (technische) Leistungsstärke mitnichten über die Verfasstheit eines „Ursprünglichen“ Auskunft gibt – unter den kuriosesten naturwissenschaftlichen Hypothesen wurden wunderbare Anwendungen sowie beeindruckende Umsetzungen in Apparate und Maschinen ermöglicht.
Wir haben nun sehr wohl noch eine andere Möglichkeit, unseren Anspruch, die Welt als Ganzes zu verstehen,weiter zu verfolgen. Ein bescheidenerer Ansatz, der nicht zuerst über Welt und Weltgestaltung redet und dann zur Diskussion der Leistungsfähigkeit unserer jeweils eingesetzten technischen Mittel übergeht, sondern den umgekehrten Weg wählt: zuerst über das Elementar-Technische nachdenkt und von dort aus, in einem „Grenzgang von Innen“ (Ludwig Wittgenstein) auszuloten versucht, wieweit unsere Vorstellungen von dem uns eigenen technischen Vermögen tragen.

 

„Gib‘ einem kleinen Jungen einen Hammer,
und alles wird ihm so vorkommen, als dass es
eingeschlagen werden müsste.“
(Abraham Kaplan)

 

Blicken wir auf die Tradition des Nachdenkens über Technik, so finden wir durchgängig zwei Argumentationslinien, von denen freilich eine eher untergründig immer schon vorhanden war und erst in neuester Zeit eine erstaunliche – und zugleich fragwürdige – Karriere gemacht hat: Zum einen orientiert man sich am Begriff des Mittels und versteht unter Technik den Inbegriff aller verfügbaren Mittel (Dinge, Handlungen), ferner die Geschicklichkeit, mit diesen Mitteln umzugehen (bis hin zur List), sowie das Vermögen und die Kompetenz, diese Mittel adäquat (das heißt zielführend) einzusetzen. Wesentliche Eigenschaft der Technik sowie (abgeleitet)

des Technischen ist ihre/seine Funktionalität. Parallel hierzu wird aber auch „Technik“ thematisiert unter dem Gesichtspunkt einer Systembildung von Mitteln, welche die Möglichkeiten (und Grenzen) konkreten Handelns vorgeben, das „Medium“, in dem und auf dessen Basis „Technik“ im engeren – ersten – Sinne allererst realisierbar wird. Beide Traditionen haben, wie gleich gezeigt wird, dieselbe Herkunft. Die Betonung des Mittelcharakters für Technik orientiert sich an der Vorstellung von Werkzeugen und Maschinen, welche ja in der Tat verfügbar erscheinen.
Die Vorstellung von Technik als „Medium“ hingegen (einschließlich der abgeleiteten Formulierungen einer „Medialität“ der Technik) erfuhren ihren Aufschwung unter der Vorstellung der Systemtechniken, insbesondere unter dem Eindruck der informationsverarbeitenden Techniken, auf die der Begriff „Medium“ in neuerer Zeit verkürzt wurde. Die Absetzung von der alten Vorstellung wird signalisiert durch Charakterisierungen wie denjenigen, dass diese Medien „universelle Werkzeuge“ oder „universelle Maschinen“ seien, was noch genauer zu hinterfragen sein wird.
Die griechische Göttin Athene, die als Kopfgeburt des Zeus den Naturverlust verkörpert, gilt als Erfinderin der Technik. Ihre Fertigkeit ist diejenige des Webens, um ein Überleben zu ermöglichen: des Webens von Stoffen, des Webens von Versen, des Webens von sozialen Beziehungen. Was sie kunstvoll zusammenfügt (gr.: technomai), kompensiert dasjenige, was als Schwäche der menschlichen Natur gilt: fehlender Schutz vor Witterung, Ausgeliefertsein an Schmerz (sie webte das Schmerzensgeschrei in Verse, „so daß man gar darauf tanzen konnte“), die gewaltsamen Affekte, die nun unter das Recht gestellt werden. Die Mittel, die sie einsetzt, sind – wie Sophokles seine Antigone sagen lässt – zwiespältig; sie wirken „zum Guten wie zum Schlechten hin“. Von bloßer Erfahrung und Geübtheit suchen Plato und Aristoteles eine solche Technik ab- und einzugrenzen, die sich an den Zwecken orientiert, über welche die Ethik regiert. Die jeweilige Zweckbindung macht Technik aus, welche aber ihrerseits nicht über Zwecke verfügt. Die gesamte mittelalterliche Tradition hebt als maßgebliches Kriterium des Technischen die Nützlichkeit hervor – ein relatives Kriterium, welches einer Instanz bedarf, die übergeordnet ist: der Lehre vom Guten. So stellt Radulfus Ardens die menschlichen Vermögen als Baum dar, deren Wurzeln die mechanischen Techniken ausmachen, aus denen dann die Wissenschaften sprießen und in die Krone der allgemeinen Weltweisheit münden. Technik wird durchgängig als Werkzeug gedacht, in Anlehnung zur menschlichen Hand als „zweite Hand“. Die von Francis Bacon und René Descartes eingeläutete Wende in der Sicht auf die menschlichen Vermögen spiegelt sich in der bei Descartes vorfindlichen alternativen Darstellung des Erkenntnisbaums: Hier sind die Techniken die Früchte, welche in der Krone eines Baums wachsen, dessen Stamm die Wissenschaften ausmachen. Diese Vorstellung von Technik als angewandter Wissenschaft ändert jedoch nicht ihre Einschätzung als Mittel: der „Natur zu folgen, um sie zu beherrschen“ (Francis Bacon), „Herr über die Natur“ zu sein (Descartes), den Menschen so als „Bildhauer an der Erde“ (Gustav Droysen) zu begreifen, der seine organischen Funktionen durch Technik optimiert, ergänzt und ersetzt („Organprojektion“; Ernst Kapp, Arnold Gehlen); die Orientierung an Funktionalität eröffnet den Weg zu einer Theorie des Technischen, zu einer Theorie des „one best way“, das heißt des einen, des besten Weges. Gemeinsam ist diesem Denkhorizont, dass Technik als „Mittel“ verstanden wird. Offenkundig ist die Orientierung am Werkzeuggebrauch und Maschineneinsatz.

Die Medialität der Technik

Dass beide Formen des Umgangs mit Technik das Feld des Technischen nicht erschließen, wird augenfällig im Blick auf sowohl alte als auch modernste technische Errungenschaften: Techniken der Symbolverarbeitung, insbesondere der Schrift, Techniken der Zeitmessung mit Hilfe der Uhr, Sozialtechniken wie die Formen der Geldwirtschaft und des Geldverkehrs, Techniken der Energiebereitstellung, des Verkehrs und der elektronischen Informationsverarbeitung, schließlich die „neuen Medien“ einschließlich des Internets sind nicht Werkzeuge, die man benutzt und nicht Maschinen, die man bedient. Wir „leben in ihnen“ und entwickeln „in ihnen“ Werkzeuge, Maschinen und Methoden. Jene stellen ein Bedingungsgefüge dar, das jeweils bestimmte technische Vollzüge erst ermöglicht und dessen Leistungen in der Regel auch von den Gegnern dieser Bedingungsstruktur genutzt werden müssen, wenn sie nicht die Grundlagen für ihr eigenes Handeln opfern wollen. Wir sprechen hier von „Systemtechniken“, welche offenbar einen anderen Charakter haben als Werkzeuge und Maschinen.
Der eigentümliche Charakter technischer Systeme, unser Leben bedingen zu können, ist aber noch in anderer Hinsicht zu beleuchten, auf die uns ein genauerer Blick wiederum auf den Werkzeuggebrauch oder den Maschineneinsatz bringt: „Gib‘ einem kleinen Jungen einen Hammer, und alles wird ihm so vorkommen, als daß es eingeschlagen werden müßte“ (Abraham Kaplan). Oder ironisch verschärft: „Für den, der einen Hammer in der Hand hat, zerfällt die Welt in Nägel und Nicht-Nägel.“ Gemeint ist, dass das technische Mittel nicht bloß
auf die Zwecke wartet, unter denen es als geeignet oder nicht geeignet beurteilt wird, sondern dass wir das Feld und die Charakterisitik möglicher Zwecke erschließen auf der Basis unserer erst durch Technik ermöglichten Weltergründung. Denn zum Zweck gehört nicht nur seine Wünschbarkeit, sondern auch die Unterstellung seiner Herbeiführbarkeit, sonst haben wir bloße Visionen, die wir nicht zu Handlungszwecken machen. (…)

Autor: Christoph Hubig