der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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Sex


Die körperliche Entäußerung der von den Dichtern viel besungenen Liebe, die gelebte Sexualität, findet in den Gedankengebäuden der meisten Philosophen kaum Erwähnung. Wenn überhaupt, wird Sexualität innerhalb der Moralphilosophie im Zusammenhang von Ehe und Ehebruch, Prostitution, Pornografie oder Perversion behandelt. Platon, so schreibt Arthur Schopenhauer in der Metaphysik der Geschlechtsliebe, „hält sich im Gebiet der Mythen, Fabeln und Scherze …, das wenige, was Rousseau … über unser Thema sagt, ist falsch und ungenügend … Kants Erörterung des Gegenstands im dritten Abschnitt der Abhandlung Über das Gefühl des Schönen und Erhabenen ist sehr oberflächlich und ohne Sachkenntnis, daher zum Teil auch unrichtig“.
Einen der wenigen philosophischen Versuche, die Tiefe der menschlichen Sexualität zu ergründen, unternahm Michel Foucault mit seinem Werk Sexualität und Wahrheit: „Foucault war nicht an einer Analyse sexueller Verhaltensweisen interessiert, sondern an historischen Auffassungen und Theorien über Sexualität, an der Art der moralischen Sorge, die man sich um verschiedene Arten sexuellen Verhaltens machte, und an den Formen, in denen Sexualität als ein Feld der Erkenntnis entstehen konnte“, schreibt Wolfgang Detel in seinem Beitrag Macht- und Geschlechterverhältnisse am Beispiel des klassischen Altertums. Eine Foucault’sche Perspektive. Die der Sexualität eigene urwüchsige Dynamik und Maßlosigkeit lässt sich den antiken Autoren zufolge nur durch einen beständigen Kampf mit sich selbst bändigen. Ziel dieser Selbstarbeit ist „die Besonnenheit als stabile Disposition der Lustbeherrschung, als Freiheit von der Versklavung durch die Lust, als Führung von Vernunft und Klugheit, als reflexives Wissen und als Selbstbeherrschung, die auch zur Herrschaft über andere legitimiert“.
Während die einen mit dem Heraufzug der Moderne durch eine frei und ungehemmt ausgelebte Sexualität den Untergang des christlichen Abendlands befürchteten, erwarteten die anderen durch eine befreite Sexualität auch eine Befreiung der Menschen, mithin eine bessere Welt. Recht behalten hat keiner – weder brach die öffentliche Ordnung zusammen, noch wurde die Welt freier oder besser. So lautet denn auch der Schluss von Tilmann Walters kurzer Geschichte der Sexualität mit dem Titel Weder „Befreiung“ noch „Unterdrückung“:

 

Solange Menschen leben, wird das Problem, wie ihr Begehren zu meistern ist, bestehen bleiben.

 

Jean-Paul Sartre sieht im Begehren, das ganz und gar ein Sturz in die Komplizenschaft mit dem Körper ist, die Grundverfassung dessen, was er Bewusstsein nennt. Das Begehren bezeichnet den Versuch, den anderen zu Fleisch werden zu lassen, um „den grundlegenden Mangel an Sein zu beheben, der das Bewusstsein kennzeichnet“, schreibt László Tengelyi in seinem Beitrag Fleisch werden. Jean-Paul Sartre und die philosophische Entdeckung des Begehrens.
Ergiffen- und Außer-sich-Sein sind zentrale Momente von Sexualität und Religion. Unter dem Titel Vergifteter Eros? Zum krisenhaften Verhältnis von Sexualität, Eros und christlicher Religion diagnostiziert Regina Ammicht Quinn eine eigentümliche Verschiebung in unserer Zeit: „Sexualität ist in nicht religiösen Lebenswelten zur Religion geworden, zum Ort von Erlösung und Heilserwartung.“ In der Erotik erkennt sie die Praxis der „Einübung ins Hören auf die Melodie, die den religiösen und sexuellen Lebens-Texten unterliegt“.
Den Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Sexualität interpretiert Lou Andreas-Salomé anhand der Abhandlungen Freuds zur Sexualtheorie. Durch das Auseinandertreten des Egoistischen und des Sexuellen in der Pubertät des Heranwachsenden ist der Mann in der Gefahr, im Sexuellen geistlos und im Geistigen lustlos zu werden. In ihrem Beitrag „…Du, man muß nicht erst Weib werden…“ Lou Andreas-Salomés Gedanken zur Sexualität und Geschlechterdifferenz schreibt Inge Weber: „Das schöpferische Können des Mannes sucht ‚in Werken zu schaffen, was das Weib von seinem Wesen aus ist‘.“
Der „kleine Unterschied“ und dessen „große Folgen“, die Diskussion darum, was wir überhaupt meinen, wenn wir von Geschlecht reden, ist auch Thema des Beitrags von Carol Hagemann-White. In der heutigen Diskussion liegt die Betonung nicht mehr auf der Unterdrückung der Frauen durch eine von Männern dominierte Welt. Vielmehr stellt sich die Frage, wie wir dazu kommen, Unterschiede zu machen, denn:

 

„Geschlecht ist nicht etwas, das wir haben,
sondern etwas, das wir tun.“

 

Die Bedeutung der Geschlechter, so Hagemann-White unter dem Titel Geschlecht denken, „ist nicht vom Körper vorgegeben, sondern die Körperlichkeit fordert zur Schaffung von Bedeutungen heraus“. Die Zweiteilung deckt nur mühsam eine Vielfalt zu, die ständig neu geordnet werden muss.
„Die Gebetsmühle des Geschlechts als sozialer Konstruktion“ erachtet die Körperhistorikerin Barbara Duden im Interview nur mehr für „Geschwätz, das sich durchgesetzt hat“. Untersucht werden muss nicht der Unterschied zwischen Frauen und Männern, „sondern wie die Unterschiedenheit im Verlauf der Geschichte gedacht wurde“. Im Umgang mit Schwangerschaft und Geburt, dem biologischen Zweck der Sexualität, sieht sie eine Sonde, um die zeitgeschichtliche Radikalisierung der Entkörperung verstehen zu können – Gebären ist nicht mehr etwas, das Frauen können, so Duden, sondern etwas, wozu sie in einem quasi industriellen, verwalteten Vorgang gebraucht werden, und: „So wie die Nachkriegszeit von Ungestillten bevölkert wurde, so wimmelt die Jetztzeit von Ungeborenen.“
Auch Otto-Peter Obermeier kritisiert die Desexualisierung des Körpers. Durch die Reduktion der Sexualität auf die wechselseitige Betätigung der Sexualorgane mit dem Ziel der Fortpflanzung wurde Sexualität „arbeitsförmig, produktiv und effizient organisiert“. Sie wurde, so Obermeier, in ein „gängiges Massenprodukt verwandelt und Befriedigung in einen Wurmfortsatz der Kreditkarten“. In seinem Beitrag Herbert Marcuses „Wiedererotisierung der Welt“ fordert er die lustvolle Wiederverzauberung der Welt: „Der eigene und fremde Körper sollte mehr sein als ‚genitales Objekt‘, mehr als nur Instrument zur Arbeit oder Naturobjekt zur Vernutzung.“ Auf Genitalien fixierte Sexualität „sollte in erotische Beziehung, entfremdete Arbeit in lustvolle, spielähnliche Tätigkeiten verwandelt werden“.
Dass die bestehende Kultur wahrer Wollust ebenso feindselig gegenüber steht wie der Vernunft, vermerkte schon Julien Offray de La Mettrie in seiner weithin unbekannten Schrift Die Kunst, Wollust zu empfinden. Im Mittelpunkt seiner Lehre vom Menschen steht die „Sensibilität für Lust“. Allerdings, so führt Bernd A. Laska im Portrait aus, sind der Wollüstige (voluptueux) und der Wüstling (débauché) in Bezug auf die Art ihres Lustempfindens als Gegensätze zu betrachten: Wollust ist „eine wahrhaftige Ekstase … die nur der Wollüstige, nicht der Wüstling, erleben kann“. Die Lust des Wüstlings ist nicht Wo(h)l-Lust, sondern Wüst-Lust oder, wegen ihres negativen Bezugs zur geltenden Moral, Bös-Lust. Die unbewusst erfolgende Weitergabe von Wert- und Charakterhaltungen in der Erziehung des Menschen – also die Errichtung eines Über-Ichs, welches das werdende Ich als innere Instanz „über sich“ bereits vorfindet, wenn es sich zu entfalten beginnt – versperrt ihm die „Kunst, Wollust zu empfinden“ ebenso wie die Fähigkeit zu wahrem Glückserleben. La Mettries Fazit:

 

„Den ärgsten seiner Feinde trägt der Mensch
also in seinem Inneren.“

 

Die folgende, 17. Ausgabe des blauen reiters hat das Thema

Das Böse

Sie finden darin unter anderem Beiträge über die Symbolik des Bösen bei Paul Ricœur (Peter Welsen), den Todestrieb (Elmar Etzersdorfer), das Böse bei Leibnitz (Konrad Moll), Kants Begriff des radikal Bösen (Hans-Klaus Keul), ein Lexikon mit den Stichworten Aggression (Monika Reutter) und Satanismus (Hauke Olaf Nagel), ein Porträt über Hannah Arendt (Wolfgang Heuer) sowie ein Interview mit Rüdiger Safranski.

Siegfried Reusch, Chefredakteur