der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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Schön sein


Schön sein ist als überaus wirkungsvolles soziales Zeichen ein Muss für alle, die Erfolg haben wollen. Im Körperkult, dem Wettstreit um die tollsten Muskeln und den wohlgeformtesten Busen, wird körperliche Schönheit mit Glücks- und Heilserwartungen gleichgesetzt – der „schöne“ Körper wird zur Bioaktie mit hoher Gewinnerwartung. Schon für Platon war Schönheit mehr als nur oberflächlicher Schein. Das Schöne stand für ihn in Zusammenhang mit der Idee des Guten, während er in der Kunst lediglich eine Nachahmung der sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände sah.
Heute ist Schönheit ein hoch kultiviertes Geschäft mit der menschlichen Sehnsucht nach Glück. Geht es um das Schöne, liegen Verheißung und Enttäuschung indes nah beieinander; wird doch zumeist das als schön begehrt, was unerreichbar scheint. Die Schönheit, die einem eigen ist, kann nie ganz befriedigen, denn Schönheit ist immer eine von den An- und Widersprüchen der Welt getrübte Projektionsfläche der eigenen Fantasie. Im Vordergrund steht nicht der Körper, der von der Welt in Anspruch genommen wird, sondern der vorgestellte, der gedachte Körper, der gefangen ist in Modellen, die der Geist von ihm macht. So werden die Körper zunehmend mittels der modernen Schönheitschirurgie nach beliebigen Bildern und Vorstellungen umgestaltet – unsere leibliche Existenz wird verzerrt zu einem intellektuellen Akt.
Unter dem Titel Der schöne Körper – Gefangener oder Gefängnis? konstatiert denn auch Käte Meyer-Drawe eine Abkehr von der Vorstellung des Leibes als Kerker der Seele, wie er zum Beispiel von Platon gedacht wurde, hin zum Gedanken des Bewusstseins als Gefängnis unseres Leibes, wie wir ihn bei Nietzsche und Foucault finden. Beispiele, die zeigen, wie versucht wird, die Grenzen, die der Körper zu setzen scheint, zu überschreiten, um Vorstellungen vom Schönsein gerecht zu werden, sind neben Piercing, Branding oder Tattoos die zahllosen Brustvergrößerungen einer Lolo Ferrari wie auch die „fleischlichen Montagen“ der Künstlerin Orlan, die sich nach eigenen Computervorlagen in unzähligen Operationen umgestalten lässt.
Der menschliche Leib kann scheinbar ebenso neu zusammengestückelt werden wie die Garderobe, mit der er sich verhüllt. Als Voraussetzung aller Individualität hat er „dieselbe Verfallszeit wie das hippe Markenoutfit, in dem er steckt“, schreibt Ingeborg Harms in Ihrem BeitragHardbody – Softbody. Die Schönheit trägt Waffen. Dennoch erweist sich die Mode als der effektivste Schutz gegen die Konfektionierung des Individuums. Im Kern, so Harms, stammt die Tradition, gegen die das Modische zu Felde zieht, immer noch aus der Antike mit ihrem Ideal der Einheit von Wesen und Erscheinung. Im Gegensatz zur klassischen Schönheit ist die modische Schönheit jedoch „auf eine Zugabe der ästhetischen Urteilskraft angewiesen“. Weil sie nicht in sich selbst, sondern im reflektierenden Betrachter aufgehoben ist, verpflichtet sie das Subjekt weit mehr als die klassische Schönheit – der Betrachter muss selbst hinzudenken, was sie von sich aus nicht hergibt:

 

Schönheit wird Arbeit, sozusagen Arbeit am
Begriff.

 

Für den Pragmatisten erweist sich das Schöne im Handeln; als schön kann nur das gelten, womit sich etwas anfangen lässt. „Schönheit ist ein ‚Tun und Erleiden‘, aus dem sich in gewisser Weise sogar bestimmt, was wir als nützlich erfahren“, schreibt Udo Grün in seinem Beitrag Damit sich etwas tut… Das Schöne und der Pragmatist. Kunst kann nur als solche gelten, wenn sie dem Alltag etwas ausmalt, etwas vorzeichnet, etwas vorschreibt. Kunst muss etwas schaffen, etwas lösen; sie muss Erfahrung ermöglichen. „Schönheit ist, was sich zwischen Mensch, Werk und Welt abspielt.“ Eine Ästhetik, die mit sinnlichen Reizen bloß spielt, kann für den Pragmatisten die große Kunst bestenfalls zitieren.
Dem Schönen nähert sich Hartmut Härer von dessen Gegenteil her, dem Hässlichen. Unter dem Motto „Das Hässliche ist hässlich nur, soweit es nicht schön ist“, schreibt er, dass in der Kunst zwischen der Darstellung des Hässlichen und der Hässlichkeit einer Darstellung unterschieden werden muss. Härer verweist darauf, dass als hässlich bezeichnet wird, „was von einer an einem bestimmten Ideal des Schönen orientierten Kunsttheorie aus der Kunst verbannt werden soll“. Setzt man ein antikes Schönheitsideal voraus, ließe sich dementspre-
chend das viel beklagte Hässliche in der modernen Kunst erklären als Widerspiegelung des Hässlichen und Bösen in der Welt.
Auch Horst Rumpf weist in seinem Beitrag Die Wahrnehmung des Diesda darauf hin, dass das Streben nach Erklärung, Wertung und Einordnung das Wesentliche am Wahrgenommenen verschwinden lässt hinter Gedankengebilden, die Ordnung und Distanz versprechen, und fordert eine eher teilnehmende denn urteilende Form der Wahrnehmung ein.
Demgegenüber machte es Georg Lukács nachgerade zur ästhetischen Pflicht, sich nicht forttreiben zu lassen vom Chaos der Empfindungen, sondern die Welt beharrend auf Distanz und Nüchternheit zu betrachten. Denn, so schreibt Beat Wyss im Portrait: „Nur ein tätiges, zielgerichtetes Handeln verbindet Ich und Welt zur sinnvollen Ganzheit … Wo der subjektive Gestaltungswille nicht gehalten wird von der Schwerkraft objektiver Tatsachen, versteigt sich jener in die Sphären des Wahns.“ Als schön konnte für den politischen Ästheten Lukács nur gelten, „was sich mit den Fluchtlinien des gesellschaftlichen Fortschritts parallel stellt“. Was quer steht und den Blick aufs Menschheitsziel versperrt, galt ihm als hässlich.
Für Kant hingegen ist schön nur das, was ohne Begriff als Gegenstand eines notwendigen Wohlgefallens erkannt wird. Während Schönheit für Kant letztlich immer ein Gegenstand des Gefühls bleibt, sieht Alexander Gottlieb Baumgarten in der Ästhetik eine allgemeine Theorie der sinnlichen Erkenntnis und bezieht damit den Bereich des Empfindens und Fühlens in das Erkenntnisstreben der Philosophie mit ein. Auch Hegel sieht in der Kunst eine Entfaltung der absoluten Wahrheit: das Schöne ist das „sinnliche Scheinen der Idee“. Das vom Menschen hervorgebrachte Kunstschöne steht höher als das Naturschöne, „weil jenes aus dem Geiste hervorgebracht / geboren ist“, schreibt Annemarie Gethmann-Siefert in ihrem Beitrag Hegels Begriff des Kunstschönen. Das Schöne findet der Mensch nicht in der Natur, sondern das Schöne ist durch menschliches Erkennen und Handeln begründet. Kunst stiftet Hegel zufolge das geschichtliche Bewusstsein des Menschen und steht in der Mitte zwischen dem Sinnlichen als solchem und dem reinen Gedanken.
Demgegenüber fasst Horst Dieter Rauh den Begriff des Ästhetischen im Wortsinn des griechischen „aisthesis“, als „sinnliche Wahrnehmung, die sich erkennender Anschauung öffnet … denn gerade das Ästhetische an der Natur enthält zugleich das ethische, ja religiöse Moment“. Im Mythos vom verlorenen Paradies, vom Garten Eden, so schreibt er unter dem Titel Sinnhorizont Natur. Ansichten einer Naturästhetik „wird Natur ästhetisch gerettet, weil sie sich in uns ereignet“.
Wolfgang Welsch zufolge müssen die Karten der Sinnlichkeit neu gemischt werden. Was wir brauchen, ist eine „Ästhetik außerhalb der Ästhetik“, schreibt er im gleichnamigen Beitrag. Den traditionellen Zugang der klassischen Ästhetik als akademischer Disziplin, derzufolge es einen wesentlichen und universellen Begriff der Kunst gebe, den es nur zu formulieren gelte, hält er für verfehlt. Nicht zuletzt weil die Ästhetik zu einer neuen Leitwährung im Handel mit Realitäten geworden ist und die uns umgebende Welt in den letzten Jahren einem „generellen Facelifting“ unterzogen wurde, ist es, so Welsch, für ein zureichendes Verstehen von Schönheit und Kunst unerlässlich, die Ästhetik – als Reflexionsinstanz des Ästhetischen – auch auf außerkünstlerische Zustände zu erweitern.
Das Schöne unter den Bedingungen der modernen Welt ist Titel und Thema des Interviews mit Odo Marquard. Heute ist der wesentliche Zugang zur Wirklichkeit nicht mehr durch Denken, sondern durch die Sinnlichkeit vermittelt. Unter den Bedingungen der modernen Versachlichung unserer Wirklichkeit durch Wissenschaft und Technik, so Marquard, bedarf es sozusagen einer neuen Verzauberung oder Bezauberung durch das Ästhetische – „unaushaltbare Probleme werden in Aushaltbarkeit verwandelt, indem man sie ästhetisiert“. In einer entzauberten Welt müssen die Funktionen, welche die verdrängten Lebensweltgeschichten innehatten, kompensiert, das heißt ästhetisch aufgelöst werden – je illusionshaltiger die moderne Wirklichkeit wird, desto erfahrungshaltiger muss auch die Kunst werden. Auf die Frage, was denn Kunst sei, antwortete Odo Marquard augenzwinkernd mit einem Zitat Nestroys:

 

Kunst ist, wenn man’s nicht kann.
Denn, wenn man’s kann, ist’s keine Kunst.

 

Welt-Bilder

lautet der Titel der 13. Ausgabe des blauen reiters. Unter den Bedingungen einer unvermeidlich gewordenen medialen Existenz verändert sich die Wahrnehmung und die Kommunikation der Individuen, die sich mit immer neuen, technisch erzeugten Realitäten auseinander setzen müssen. Moderne Medien wie zum Beispiel das Fernsehen bilden nicht die Wirklichkeit ab, sondern bilden ihre je eigenen Scheinwirklichkeiten aus. Zu fragen ist: Welche Weltbilder werden uns durch die immer flüchtiger werdenden Medienwelten vermittelt? Wie kommen unsere Bilder von Welt zu Stande? Sind Weltbilder wirkliche Bilder von Welt? Erzeugen Medien Bedeutungen? Wie funktionierte der Wandel von der Kulturphilosophie zu einer Wissenschaft der Medien? Was ist eine „Kultur der realen Virtualität“?
Den hilflosen Versuch des Sprechens über Welt und die Bilder, die wir uns von ihr machen, das existenzielle Drama der menschlichen Kommunikation fasste der Medientheoretiker Vilém Flusser in folgenden Aphorismus:

Die menschliche Kommunikation ist ein Kunstgriff, dessen Absicht es ist, uns die brutale Sinnlosigkeit eines zum Tode verurteilten Lebens vergessen zu lassen.

In der 13. Ausgabe des blauen reiters lesen Sie unter anderem:
– Christoph Hubig: Mittel oder Medium? 
– Ernst-Wolfgang Orth: Medien und Kultur
– Werner Peukert: Der Glaube an die Fotografie 

sowie ein Portrait über den Medientheoretiker Vilém Flusser von Siegfried Zielinski und ein Essay von Slavoj Zizek. 

Die Themen der folgenden Ausgaben des blauen reiters lauten: Glück, Subjektivität, Bewegung und Gerechtigkeit.

Siegfried Reusch, Chefredakteur