der blaue reiter




Leseprobe im Journal-Layout herunterladen

der blaue reiter Ausgabe 15> zurück zur Themenliste

 



Chantals Gesichter.
Über die Unerreichbarkeit des Selbst


In der Regel sind sich die Menschen sicher, hinreichend Auskunft über das geben zu können, was „in“ ihnen vorgeht, also über ihre Gefühle und Überzeugungen, ihre Erfahrungen und Erlebnisse. Sie glauben, mittels „Introspektion“ ein relativ vollständiges Bild davon entwickeln zu können, was sich in ihrem Inneren abspielt: Sein Bewusstsein scheint für das Subjekt transparent (durchsichtig) zu sein. Nicht nur in dem Sinn, dass es weiß, was sich in seiner inneren Welt ereignet, sondern auch in dem anderen, in dem es davon überzeugt ist, besser als jedes andere über sich und die (scheinbar zeichenlosen) Zustände seines Inneren informiert zu sein. Dass das Subjekt auf diesem Weg nach innen auch glaubt, höchste Selbstgewissheit, einen unerschütterlichen Grund für seine Existenz finden zu können, ist ein weiteres, für eine Reihe von Philosophen nicht uninteressantes Resultat.

 

Das Subjekt ist nicht so wichtig, es gibt keins.

 

Stimmt das wirklich? Könnte es nicht sein, dass der Anschein trügt und unser Inneres, also das durch den Geist unendlich erhellte Selbstbewusstsein, weit weniger transparent ist, als wir glauben? Es geht bei dieser Frage wohlgemerkt nicht um die Vielzahl materieller oder psychologischer Ursachen bestimmter Bewusstseinszustände; diese Ursachen liegen zeitlich (und räumlich) weit außerhalb dessen, was wir im Augenblick unseres Blicks nach innen wahrnehmen und wissen können; sie stammen aus Bereichen, zum Beispiel dem Umkreis physiologischer Prozesse, die wir in diesen Momenten so wenig überblicken wie situative Zusammenhänge oder Ereignisse, die weit in die Kindheit zurückreichen und dennoch Einfluss auf unsere gegenwärtige Selbsterfahrung haben können.
Wenn die von den Menschen immer wieder aufgeworfene Frage nach Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung nicht ins Leere laufen soll, muss ja die Voraussetzung erfüllt sein, dass wir wenigstens im Prinzip auf den Grund unserer selbst gelangen können, dass wir trotz eines sündigen oder täuschungsanfälligen Bewusstseins einen Durchblick auf das, was wir sind und sein wollen, gewinnen können.
Die Philosophie war lange Zeit von dem Vertrauen beseelt, dass in der bewussten Selbsterfahrung wirklich alles transparent sei oder doch, wenngleich unter Mühen, durchsichtig gemacht werden kann. So muss man wohl auch den Gedanken des Dichters Pindar aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. verstehen: „Werde, der du bist, durch Erkennen deiner selbst.“ Diese Idee, auf den Grund seiner selbst zu kommen, sich wirklich in dem, wer oder was man ist, das heißt in seiner Autonomie zu erkennen, setzt eine Selbsttransparenz voraus, die ebendies auch ermöglicht.
Transparenz und Selbstgewissheit des Subjekts werden aber – offen oder verdeckt – von einer anderen mächtigen Konstruktion/Idee supplementiert (unterstützt, ergänzt, überschritten), die im Hintergrund wirksam ist. Es handelt sich um die grundlegende wie selbstverständliche Annahme, dass dasjenige, was mit „Ich“ oder „Subjektivität“ bezeichnet wird, über Identität bestimmt ist. Man stellt sicher keine gewagte Behauptung auf, wenn man feststellt, dass in der philosophischen Tradition der Neuzeit (oder besser seit Augustinus) die Subjektivität als feststehende, konstante Größe, als „stehendes und bleibendes Ich“, wie es bei Kant und Fichte gleichlautend heißt, angesetzt, dass sie durch Selbstbewusstsein (Selbstbezüglichkeit) und Identität (als das, was bei allem zeitlichen Wandel dasselbe bleibt) gekennzeichnet worden ist. „Der Zahl nach eins sind diejenigen Dinge, deren Stoff einer ist“, hatte schon Aristoteles in seiner Topik geschrieben und damit den Begriff der Identität charakterisiert. Und eine lange Zeit hindurch haben Philosophie und Religion geglaubt, dass ein gleichsam substanzieller (unverlierbarer) Kern des Menschen nicht nur seine Individualität/ Unverwechselbarkeit (nummerische Identität), sondern auch sein durch die Gattung bestimmtes Wesen (qualitative Identität) garantiere.

I.

Nicht erst Freud, aber sein Begriff des Unbewussten vor allem, hat uns für die dem Bewusstsein grundsätzlich abgewandte Seite unserer Selbsterfahrung sensibilisiert. Bestimmte Formen klinisch auffälligen Verhaltens oder im Alltag zu beobachtende Fehlleistungen (Versprechen, Vergessen, Verlegen usf.) lassen sich nach Auffassung der Psychoanalyse nur aufklären, wenn wir eine zweite Welt unbewusster Motive hinter der unserem Bewusstsein zugänglichen postulieren. Ihre Realität lässt sich einzig über die Konfliktfolgen erschließen, die sich zwischen dem unbewussten Wunsch und seiner Abwehr (Verdrängung, Projektion usf.) in unseren sprachlichen Äußerungen oder auffälligen Verhaltensweisen einstellen. Nur an den Sinnbrüchen tritt das Verdrängt-Unbewusste in Erscheinung. Es liegt nicht wie ein „Schatz ewiger (archetypischer) Bilder“ im untersten lichtlosen Schacht unseres Bewusstseins; das Unbewusste ist kein Museum, keine Sammlung interessanter Exponate (Szenen) einer vergangenen Geschichte. Seine Dynamik verschafft sich Zugang zum Bewusstsein dadurch, dass es sich auffällig-unauffällig unter die symbolische Ordnung des Bewusstseins, seine Sprach- und Wahrnehmungshandlungen schaltet. Diese werden dadurch aufgestört, dass sich Verpöntes, Nicht-erzählbares oder Traumatisches gegen die Intention (siehe Erläuterung im Anhang) des Bewusstseinsinhabers Einlass verschafft: Was unter der Decke der sozialen Konvention gehalten werden sollte, wird wider Willen entstellt zur Sprache gebracht – wie bei jenem Redner, bei dem ungewollt eine anstößige Sache nicht „zum Vorschein“, sondern „zum Vorschwein“ kommt. Der unterdrückte Triebimpuls, der durch die Maschen der Bewusstseins-
zensur schlüpft, gibt den Sprecher einer Zweideutigkeit preis; er überführt ihn einer Lüge im außermoralischen Sinn, die ihm, weil sie unverkennbar ein Stück Wahrheit ausplaudert, nur allzu peinlich ist.
Bei aller Skepsis gegenüber der Psychoanalyse – was noch am ehesten für die Psychodynamik unbewusster Prozesse spricht, ist ihre Bestätigung durch unsere Alltagserfahrung. Sie spiegelt sich zum Beispiel in einem Aphorismus Nietzsches, in dem es heißt: „‚Das habe ich gethan‘, sagt mein Gedächtniss. ,Das kann ich nicht gethan haben‘ – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – giebt das Gedächtniss nach.“
Allgemeiner noch müsste man sagen, es ist diese Erfahrung, dass alles im Leben zwei, oft paradox miteinander verstrickte Seiten hat, und: Warum sollten wir selbst und unser Bewusstsein davon eine Ausnahme machen? Wie nicht selten die Zerstörung des anderen auch die Selbstzerstörung nach sich zieht, kein Verrat ohne Selbstverrat, kein Hass ohne Selbsthass bleibt – auf vergleichbare Weise scheinen Intentionen und Ideale, Strebungen und Äußerungen des bewussten Subjekts von bewusstseinsfernen Kräften heimgesucht. Sie lassen die klassische Vorstellung von der Transparenz und Autonomie des menschlichen Bewusstseins fraglich werden.

 

Das Selbst verfehlt sich ständig.

 

Aber es ist nicht die psychologische Subjektkritik allein, strukturgleiche Einwände erheben sich im 19. Jahrhundert auch auf zwei anderen Feldern menschlicher Existenz.
Vor allem Nietzsche zeigt, in welchem Umfang die aller menschlichen Intentionalität (siehe Erläuterung im Anhang) vorausliegenden sprachlichen Strukturen – semantische (die Wortbedeutung betreffende) Zusammenhänge und grammatische Schemata – zur Dekonstruktion (siehe Erläuterung im Anhang) des seiner selbst durchsichtigen und mächtigen Subjekts geführt haben. Auf dem Feld der Gesellschaft war es der politökonomische Diskurs von Karl Marx, der darlegt, wie eine Gesellschaft unter dem Regime kapitalistischer Konkurrenz – der Selbstverwertung des Werts – sich über die Einstellungen und Situationsdeutungen, welche die Individuen mit ihren Handlungen verbinden, „hinwegsetzt“; als „Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen“ folgen sie den anonymen, objektiven Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung, nicht dem, was sie an subjektiven Zwecken zu realisieren vermeinen: „Sie wissen das nicht, aber sie tun es“, lautet Marxens ideologiekritisches Fazit.

II.

Im Roman Die Identität spricht Chantal, die Personalchefin eines Unternehmens, mit ihrem Geliebten über sich selbst:
„Vergiss nicht, ich habe zwei Gesichter … aber ich kann sie nicht gleichzeitig haben. Bei dir habe ich das Gesicht, das sich lustig macht. Wenn ich im Büro bin, trage ich das seriöse Gesicht. Ich bekomme die Unterlagen der Leute vorgelegt, die sich bei uns um eine Stelle bewerben. Ich muss sie empfehlen oder ein negatives Votum abgeben … Einmal empfehle ich den, der mir sympathisch ist, einmal den, der gut arbeiten wird. Ich handle halb als Verräter an meiner Firma, halb als Verräter an mir selbst. Ich bin ein doppelter Verräter. Und diesen doppelten Verrat betrachte ich nicht als Niederlage, sondern als tolle Leistung. Wie lange denn werde ich noch in der Lage sein, meine zwei Gesichter zu wahren? Das ist sehr anstrengend. Der Tag wird kommen, an dem ich nur ein einziges Gesicht haben werde. Das schlechtere von beiden natürlich. Das seriöse. Das zustimmende.“

Autor: Gerhard Gamm