der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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Geld


Der römische Geschichtsschreiber Tacitus hatte sich einst gewundert, dass sich die Germanen so wenig aus Gold und Silber machten. Noch Hegel hielt es für einen schönen Zug der Deutschen, dass sie solche Verachtung gegen das Geld zeigen. Heute würden die meisten Menschen sich wohl eher mit Nestroys Stoßseufzer identifizieren: „Die Phönizier haben das Geld erfunden. Aber warum so wenig?“ Es gibt wohl keinen, dem das Geld im Laufe seines Lebens nicht schon in irgendeiner Form Sorgen bereitet hat. Jules Renard ging gar so weit, den Unterschied zwischen Mensch und Tier anhand des Geldes zu definieren: „Endlich weiß ich, was den Menschen vom Tier unterscheidet: die Geldsorgen.“
Obwohl jeder zu wissen glaubt, was Geld sei, besteht in der philosophischen Diskussion bis heute Uneinigkeit darüber, von was gesprochen wird, wenn von Geld die Rede ist. Beständig unterliegen wir der Gefahr, mit der Einengung unseres Denkens für den Gebrauch unseres Geldes zu bezahlen, denn:

 

Geld baut unserer Vorstellungskraft ein Gefängnis!

 

Was bleibt übrig vom Geld, wenn man es seiner Materialität entkleidet? Die Geldtheorien sind bis heute zu keinem wirklich klaren Ergebnis gelangt, stellt Hans Georg Backhaus in seinem Beitrag Die „Verrücktheit“ des Geldes fest. Denn eine Aufzählung von Funktionen ergibt noch keinen Begriff. Immer wieder entziehen sich die Geldphänomene einer begrifflichen Erfassung, und immer tragen sie einen Zug des Unerforschten und Rätselhaften. Kurz: Der Nationalökonomie ergeht es mit dem Geld wie der Biologie mit dem Rätsel des Lebens. Im Gegensatz zu akademischen Geldtheorien handelt es sich beim Geld um nichts Ursprüngliches oder Unmittelbares, so interpretiert Backhaus Karl Marx, sondern um das Resultat einer Projektion. Geld wird von Marx als eine „Mystifikation“ beschrieben – im Gegensatz zu den religiösen Mystifikationen als eine „nicht bloß eingebildete, sondern prosaisch reelle“. Was uns im Geld gegenübertritt, ist ein gegenüber den Menschen unabhängig existierendes Verhältnis der Dinge untereinander.
Einen Hinweis auf die rätselhafte Wandlungsfähigkeit des Geldes gibt das Phänomen der Konversion, das Jochen Hörisch im Beitrag Konversionen – Ver-Wandlungen von Glaube, Geld und Daten beschreibt. Man kann nicht nur den Glauben von einer Religion in eine andere, Geld von einer Währung in die nächste, Dateien von einem alten in ein neues Programm konvertieren – sondern wir sind heute, so Hörisch, „Zeugen eines Konversionsprozesses, der aus der Geldgesellschaft eine Informationsgesellschaft werden lässt“.
Die Macht des Geldes ist auch seiner anonymisierenden Kraft geschuldet – dem Geldschein sieht man es nicht an, in wessen Händen er sich befand, und dem Kontostand ist nicht zu entnehmen, mit welchen Geschäften er angehäuft wurde. Mittels Geld lässt sich alles bis zur Unkenntlichkeit in Zahlen ausdrücken, wesenhaft Verschiedenes wird im Korsett der Zahlen vergleichbar gemacht, schreibt Frank Augustin in seinem Beitrag Geld verklebt die Welt. Im Geld sieht er keinen abstrakten Ausdruck eines Tauschgeschäfts oder gar eine eigene Substanz – Geld, so Augustin, ist etwas, das die Dinge verbindet, und dieses etwas ist die nackte Zahl.
Nach Aristoteles entstand das Geld durch Übereinkunft der Menschen. Weil es durch das Gesetz und nicht von Natur aus gilt, liegt es in unserer Macht, es zu verändern oder zu entwerten. Dementsprechend charakterisiert Helmut Schieber Geld – neben dessen klassischen Funktionen als Wertmaßstab, Transaktionsmittel und Wertaufbewahrungsmittel – vor allem durch „Vertrauen“. Zu Zeiten der Goldmünzen lastete es niemand dem Staat an, wenn das Geld, zum Beispiel aufgrund neuer Goldfunde, an Kaufkraft verlor und weniger wert wurde. Doch seit der Wert des Geldes nur noch eine abstrakte Bindung an die Produktivität der jeweiligen Wirtschaft aufweist, so Schieber im Interview, sind die internationalen Finanzmärkte zu Schiedsrichtern geworden, die schlechte Wirtschaftspolitik durch Währungsverfall abstrafen: „Die gelbe Karte steht für höhere Wertschwankungen … die rote Karte ist eine Währungskrise.“
In den Währungs- und Wirtschaftskrisen der letzten Jahre erblickt Margrit Kennedy eine zwangsläufige Folge der Beschaffenheit unseres Geldsystems. In ihrem Beitrag Geld ohne Zinsen und Inflation schreibt sie im Hinblick auf die Theorien von Silvio Gesell: „Wenn wir eine neue Geldordnung einführen würden, gäbe es für die meisten viel zu gewinnen, aber nichts zu verlieren.“
Auch Bernard Lietaer sieht in dem Konstruktionsprinzip unseres heutigen Geldes ein System voller Widersprüche. Die Bestimmung des Menschen seitens der Ökonomen als eines rational, nur unter wirtschaftlichen Aspekten handelnden Wesens, hält er für eine Fiktion und schlägt vor, dieses viel zu einfache Modell „um eine Landkarte der emotionalen Antriebe des Menschen zu ergänzen.“ Als Lösungsansatz für die drängenden Probleme fordert Lietaer, unter dem TitelGeld regiert die Welt – oder?,die Einführung von Komplementärwährungen. Im Gegensatz zur herrschenden Form des Geldes funktionieren die Komplementärwährungen, den Tauschringen ähnlich, ohne Zinsen und fördern als Nebeneffekt den sozialen Zusammenhang und die lokale Wirtschaft.
Letztlich jedoch, so Dirk Baecker in seinem Beitrag Und alle anderen halten still, „geht es nach wie vor um die Frage, wie ich andere dazu bringen kann, stillzuhalten, also nichts zu tun, während ich meine Bedürfnisse an Essen, Kleidung, Wohnung und Reisen befriedige“. Die Struktur wirtschaftlicher Beziehungen beschreibt er wie folgt: Wenn es ums Geschäft, das heißt, wenn es ums Geld geht, glauben beide Seiten „ein Geschäft erst dann abschließen zu können, wenn sie weniger Geld geben, als verlangt ist, und weniger Leistung leisten, als bezahlt ist“.
Am Beispiel des Königssohns Erysichthon, dessen unersättlicher Hunger und grenzenlose Gier ihn alles verzehren ließ, dessen er habhaft werden konnte, sucht Hans Christoph Binswanger im Beitrag Die selbst verzehrende Kraft des Geldes aufzuzeigen, welche Gefahren eine unreflektierte Gier in sich birgt. Damit wir nicht enden wie Erysichthon, der letztendlich seinen eigenen Leib verzehrte, müssen wir, so Binswangers Forderung, die Wirkungsweise des Geldes derart verändern, „dass sie in den Dienst der Einsparung von natürlichen Ressourcen gestellt wird“.
Die hässliche Kehrseite des Reichtums, unter deren Folgen die Mehrzahl der Menschen zu leiden hat, ist die Armut. Demgegenüber gibt es aber auch den freiwilligen Verzicht auf Besitz, schreibt Rolf Siller mit Bezug auf Meister Eckhart in seinem Beitrag Armut setzt frei, denn: „Wer Geld besitzt, wird von ihm abhängig, mehr als der, der keines hat, und wer meint, seiner selbst mächtig zu sein, wird süchtig nach Macht und abhängig von ihr.“ Auch wenn, so Siller, der Weg Eckharts scheitern muss, ist „nur in einer solchen Annäherung der Anspruch auf Gerechtigkeit auszumachen“.
Bedürfnislosigkeit war auch das Ziel des Diogenes von Sinope. Für ihn war der Verzicht auf alles, was nicht zum unmittelbaren Überleben notwendig ist, eine Voraussetzung absoluter Freiheit: „Die Armut wird zum Preis der Freiheit. Sie schützt vor Neid und Streit, sie ist eine unterrichtende Helferin der Philosophie“ schreibt Thomas Lange unter dem Titel Provokation aus der Tonne.
Den scheinbaren Gegenpart zu solchem Denken stellt Richard Reschika im Essay Der Einzige und sein Eigentum vor. „Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie“, zitiert er Max Stirner, „sondern allein das Meinige … Mir geht nichts über Mich!“
Jean Ziegler sieht im Geld nur mehr die Konkretisierung der menschlichen Beziehungen wie Schuld und Abhängigkeit. Wenn man behaupten will, dass Geld ein Wesen hat, so Ziegler im Interview, „dann ist es die Projektion der menschlichen Leidenschaften auf dieses Instrument“. Die Möglichkeit, Geld auf der Suche nach dem maximalen Profit 24 Stunden pro Tag nahezu mit Lichtgeschwindigkeit um die Erde rasen zu lassen, sowie die Tatsache, dass letztes Jahr 13 Prozent der Erdbevölkerung 85 Prozent aller produzierten Güter und Dienstleistungen konsumierten, sind für ihn der Erweis totaler Irrationalität, die verwaltet wird mit Instrumenten höchster Rationalität.
Eine positive Bilanz des Kulturguts Geld zieht Norbert Bolz unter dem Titel Die kultivierende Kraft des Geldes: „Geld entlastet die Gesellschaft von Menschlichkeiten wie Hass und Gewalt … Auf die Liebe zum Geld ist Verlass – hier entfaltet sich ein ruhiges Bestreben nach Reichtum.“ Während die monetarisierte Habsucht die anderen Leidenschaften zähmt, erspart das Geldvertrauen – so Bolz – Vertrauen in andere Personen.
Eine weithin unbekannte Seite des viel geschmähten Begründers der Nationalökonomie, Adam Smith, beschreibt Gerhard Streminger im Portrait Wohlstand und Moral. Als der Moralphilosoph starb, wurde zur Gewissheit, was viele seiner Freunde schon seit langem vermutet hatten: Smith hatte den Großteil seines Geldes an Bedürftige verschenkt. Wohltätigkeit, so Streminger, „war für Adam Smith nicht bloß eine Sache des Herzens, sondern auch der Hände“.
Vielleicht hätte der legendäre König Midas, von dem es heißt, dass alles, was er anfasste, zu Gold wurde, auch aus der Philosophie Kapital geschlagen – Schopenhauer hingegen machte andere Erfahrungen mit Geld:

 

Die Philosophie hat mir nichts eingebracht,
aber manches erspart.

 

Ästhetik

ist das Thema der zwölften Ausgabe des blauen reiters. Seit dem 18. Jahrhundert ist die Ästhetik eine eigenständige philosophische Disziplin, die versucht, das Schöne in seinen beiden Erscheinungsformen, dem Naturschönen und dem Kunstschönen, zu fassen. Dabei fragt sie nicht nur nach den Gegenständen der Wahrnehmung, sondern auch nach dem, was wir empfinden. Welche Erfahrungen kann Kunst vermitteln? Was bedeutet die moderne Ästhetisierung des Alltags? Gibt es eine Ästhetik der Natur? Was ist die Ästhetik des Hässlichen? Welche Verbindungen bestehen zwischen dem Schönen und der Idee des Guten?

Zum Thema Ästhetik lesen Sie in der folgenden Ausgabe des blauen reiters unter anderem Beiträge von:

–            Wolfgang Welsch: Ästhetik außerhalb der Ästhetik 
–            Christoph Türcke: Das Leben ist schön 
–            Kurt Wegener: Hegels Begriff des Kunstschönen 
–            Konrad Paul Liessmann: Die Ästhetik der Verführung

sowie ein Portrait über Georg Lukács von Beat Wyss und ein Interview mit Odo Marquard.

Die Themen der folgenden Ausgaben des blauen reiters lauten: Medien, Subjektivität, Bewegung, Gerechtigkeit.

Siegfried Reusch, Chefredakteur