der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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Das Böse


Angst, Leid, Schmerz und Ungerechtigkeit gibt es seit Menschengedenken. Der Begriff des Bösen aber hat seinen Ursprung im Übergang von den Natur- und Erfahrungsreligionen mit vielen Gottheiten zu jenen Religionen, die nur einen Gott als Weltenschöpfer kennen. Erst mit der Etablierung eines allmächtigen Gottes stellte sich das Problem, warum dieser nicht das Böse beseitige.
Für Augustinus war es Gewissheit und Beruhigung zugleich, dass Gott keine Lebewesen geschaffen hat, „weder einen Engel noch einen Menschen, von dem er vorher gewußt hätte, er werde böse sein, wenn er nicht ebenso gewußt hätte, wie er sich ihrer zu Nutz oder Frommen bedienen“ würde. Angesichts der Übel in der heutigen Welt spendet jedoch auch die Leibniz’sche These, dass Gott die „beste aller möglichen Welten“ geschaffen habe, wenig Trost. Selbst die Rede vom Guten, welches das Böse brauche, um gut sein zu können, ist wenig hilfreich. Das Gleiche scheint unter den Vorzeichen einer modernen Welt für die Vorstellung Platons zu gelten, dass das Böse kein wirkliches Sein habe, sondern lediglich die Abwesenheit des Guten sei – sprich das vorstelle, was in der Realität noch zur Verwirklichung der Idee des Guten fehle.
Trost spendende Sinnzuweisungen, welche die Übel als notwendig zur Wirklichkeit gehörend begreifen, stellen zwar die Ordnung im Kopf wieder her, haben aber – so Eckhard Nordhofen in seinem Beitrag Das Böse in der Welt und die Ordnung im Kopf – einen entscheidenden Nachteil: Sie haben keine Entsprechung in der Realität. Die Frage, wie ein allmächtiger und allgütiger Gott so viel Leid zulassen kann, nicht beseitigt zu haben, so heißt es weiter, „ist ein großer Vorzug des Christentums … Schnelle Versöhnungen und Entspannungen, die den lieben Gott in ein sanftes Nirwana der Widerspruchsfreiheit retten wollen, mögen einer religiösen Bedürfniskultur entsprechen, der es mehr auf psychohygienische Wellness als auf harte Wahrheitsfragen ankommt.“
Wenn wir das Problem des Bösen verstehen wollen, müssen wir Rüdiger Safranski zufolge weder Gott noch den Teufel bemühen. Religionen sind für ihn nur mehr „große imaginäre Versicherungssysteme“. Die Kathedralen der Systeme, so Safranski im Interview, „ermöglichen geistige Sicherheit, obwohl man in der Wirklichkeit so wenig Anlass dazu hat“. Weil eine zivile Gesellschaft eine friedliche Bewirtschaftung hochgefährlicher Energien ist, müssen wir uns dem Bösen stellen, es entdecken und benennen. Als das Zufällige, das Ungeordnete, das Chaotische ist das Böse für ihn untrennbar mit dem Drama der menschlichen Freiheit verbunden: „Freiheit ist der Möglichkeitsraum, der es mit sich bringt, dass wir auch für die Negativität offen sind.“
Die Notwendigkeit, alltägliche Formen des Umgangs mit dem Bösen zu entwickeln, anstatt es in all seinen Gestalten zu verdrängen und zu verleugnen, kann man auch von den Kriminalromanen lernen, schreibt Jutta Heinz in ihrem Beitrag Von der Teufelswette zum globalisierten Verbrechen. Das Böse in der Kriminalliteratur. Anhand von Friedrich Dürrenmatts Der Richter und sein Henker zeigt sie auf, dass, wer das Gute um jeden Preis will, zuletzt auch zu den Mitteln des Bösen greift. Mit Bezug auf Wolf Haas’ Kriminalromane kommt sie zu dem Schluss:

 

„Wer nur die hellen Seiten sehen will, beschwört
die dunklen Mächte des Bösen erst herauf.“

 

Für Franz M. Wuketits ist die Unmoral, das Böse, keine Ausgeburt der Hölle, sondern bloß eine Strategie im Wettbewerb ums Dasein – moralische Überlegungen sind für ihn ein Spätprodukt der Evolution, „gut“ und „böse“ Erfindungen des Menschen. Den Sinn des Lebens und den Sinn der Ethik sieht er in der egoistischen Realisierung unserer Interessen. Wenn wir dem Bösen auf die Spur kommen wollen, so schreibt er in seinem Beitrag Die Natur des Bösen, „müssen wir den finsteren Schacht unserer stammesgeschichtlichen Vergangenheit ausleuchten. Denn erst durch die Verbindung natürlicher Anlagen mit zivilisatorischen Kräften gewinnt das Böse seine Furcht einflößende Dimension.“
Kampf und Krieg beförderten den Fortschritt der Natur, einen Fortschritt, der zur Entstehung des Menschen geführt hat, erläutert Wilhelm Schmidt-Biggemann die Evolutionstheorie Charles Darwins. Dementsprechend heißt es in Nietzsches Zarathustra:

 

„Das Böse ist des Menschen beste Kraft.“

 

Die Unterscheidung von Gut und Böse identifizierte Nietzsche als Moment von Herrschaft, so Schmidt-Biggemann unter dem Titel Das Böse – der unversöhnliche Rest. Weil die Schwachen nicht die physische Kraft hatten, die Krieger zu besiegen, war ihnen nur die Erfindung der Moral geblieben. Gut war dann, was den Schwachen nützt, das Böse, was ihnen schadet: „Das Böse war ent-böst, es hatte seinen Anspruch als absoluter Begriff verloren.“ Auch das Opfer ist ein Versuch, seinen Gott beziehungsweise seine Götter zu ent-bösen.
Den im 19. Jahrhundert weit verbreiteten Vorstellungen von der Überwindung des Bösen mit Hilfe der Technik – der Eisenbahn, des Dampfschiffs, des Telegrafen und so weiter – konnte Charles Baudelaire nichts abgewinnen. „Die Welt, von der Baudelaires Poesie zeugt, ist eine unrettbar dem Bösen verfallene“, schreibt Dolf Oehler in seinem Beitrag Die Moderne und das Böse. Charles Baudelaires Blumen des Bösen. Im Bösen, das in jedem von uns schläft, das nichts Äußerliches, sondern etwas Innerliches ist, sieht Baudelaire ein Phänomen des Alltags, welches sich in einer Lebenspraxis verbirgt, die gekennzeichnet ist von der Heuchelei – und, so zitiert Oehler: „Es ist immer unverzeihlich, böse zu sein; aber es liegt immerhin ein Verdienst darin, wenn man weiß, daß man es ist; denn das unverbesserlichste aller Laster besteht darin, das Böse aus Dummheit zu tun.“
Kant zufolge ist der Mensch ein Wesen, das in radikaler „Willkürfreiheit“ sich selbst entwirft und gestaltet, und die Bösartigkeit ein „aus der Erfahrung geschöpfter“ Hang des Menschen. Da die Menschen aber auch zu einem vernünftigen Gebrauch der Freiheit in der Lage sind, so erläutert Hans-Klaus Keul in seinem Beitrag Der faule Fleck der Gattung. Zu Kants Lehre vom radikal Bösen, „entspringt dem so zum Guten geläuterten Subjekt zwar nicht unmittelbar ein ‚guter Mensch‘, – das wäre wohl vom krummem Holz, aus dem der Mensch für Kant geschnitzt ist, zu viel erwartet; aber doch ein Wesen, das zumindest hoffen kann, sich auf dem Weg eines beständigen Fortschritts zum Besseren zu befinden“.
Auch Leibniz, der sich aller mythischen Überhöhung und Dämonisierung des Bösen widersetzte, war von der Fähigkeit des Menschen, sich vom Bösen zu befreien, überzeugt. „Das ‚Böse‘ hat für ihn keinen schöpferischen Eigenwert, es ist vielmehr ein Defekt, ein zunächst rätselhaftes Zurückbleiben des Menschen hinter der ihm zukommenden Humanität und Menschenwürde … Weisheit ist nach Leibniz Wissenschaft vom Lebensglück. Bösestun ist irrational, menschenunwürdig, kulturlos, dumm“, schreibt Konrad Moll in seinem Beitrag Leibniz und die Überwindung des Bösen und kommt zu dem Schluss:

 

„Vom Bösen reden heißt vor allem von der
Gefährlichkeit des Menschen für den Menschen
reden.“

 

Arno Gruen zufolge sind es „die Gemeinsamkeiten, die Menschen dazu bringen, einander zu bekämpfen“. Wenn wir verstehen wollen, warum Menschen andere Menschen quälen und demütigen, warum sie „Böses“ tun, so Gruen in seinem Beitrag Der Fremde in uns. Eine Psychologie des Bösen, „müssen wir uns mit dem beschäftigen, was wir in uns selbst verabscheuen.“
Für Hannah Arendt, die das Schlagwort von der „Banalität des Bösen“ prägte, entspringt das radikal Böse dem Wahn von der Allmacht des Menschen. Im Bösen sieht sie nur mehr Gedankenlosigkeit, die auf der Leidenschaftslosigkeit gegenüber dem Selbst und den anderen beruht. Da moralische Vorstellungen für sie denselben Stellenwert haben wie Meinungsäußerungen, ist die Alternative zu Schlechtigkeit und Bösem nicht die Diskussion über das moralisch Gute, sondern die Entfaltung des Raums gemeinsamer, öffentlicher Bezüge, schreibt Wolfgang Heuer im Portrait Hannah Arendt: Politik nach dem radikal Bösen.
Auch der Provokateur der Theorie und „Terrorist des Gedankens“, wie sich Jean Baudrillard selbst bezeichnet, verortet das Böse, das erst seit den Anschlägen auf das World Trade Center ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt zu sein scheint, in den politischen Machtverhältnissen. „Da sich das Politische im Fernsehtauglichen aufgelöst hat, tritt an seine Stelle der Terror“, und, „würde der Islam die Welt beherrschen, würde sich der Terrorismus gegen ihn richten“, heißt es im Beitrag von Stephan Günzel und Michaela Ott unter dem Titel Jean Baudrillard – Böse(s) Denken. „Gut“ und „Böse“ sind für Baudrillard jeweils eigenständige Prinzipien, gegen welche die Vernunft nichts ausrichten kann, denn, so Baudrillard:

 

„Die Unvernunft siegt in jedem Falle – eben
darin besteht das Prinzip des Bösen.“

 

Die 18. Ausgabe des blauen reiters trägt den Titel

Erinnern.

Wie kann man Erinnern gestalten? Wozu brauchen wir ein Denken über Geschichte? Hat die Geschichte einen Sinn? Welche Funktion haben Denkmäler? Zu welchem Zweck wird das Vergangene rekonstruiert? Kann man aus Geschichte lernen? Welche Bedeutung für unser Verständnis des Vergangenen haben Tagebücher, Stammbäume und Ahnenforschung?

In der 18. Ausgabe des blauen reiters finden Sie hierzu unter anderem folgende Beiträge:

– Jörn Rüsen: Was heißt Erinnern?
– Reinhart Koselleck: Negatives Gedächtnis
– Thomas Bach: Herder contra Kant. Ein Streit um die Geschichte
– Herbert Schnädelbach: Der Sinn der Geschichte
– Otto-Peter Obermeier: Eindimensionale Erinnerung
– Edgar Wolfrum: Geschichte als Waffe. Der Wettstreit der Erinnerungen

sowie ein Interview mit Aleida und Jan Assmann.

Siegfried Reusch, Chefredakteur