der blaue reiter


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Freelancer und der Reigen verbeamteter Geister


Autor:
Otto-Peter Obermeier (kompletter Text)


1. Philosophie als Institution oder: Der langweilige Reigen verbeamteter Geister.

So spannende Nachschlagewerke wie das “Hochschullehrer-Verzeichnis” bringen es an den Tag. Rund 500 Stück Philosophieprofessoren sind hier aufgelistet, wobei schon der flüchtige Blick zeigt: selbst darunter sind einige Exoten, d.h. nicht bis zum letzten Sargnagel verbeamtete. Ordnen wir großzügigerweise noch jedem dieser Professoren einen Assistenten zu und legen noch 200 Privatdozenten oder jene auf dem Wege dorthin darauf, dann haben wir die Philosophieinstitution im Sack. Eine bürokratenmäßig-organisierte “Szene” mit deutlich steigendem existentiellen Druck hierarchisch nach unten. Anders ausgedrückt: jene mit Beamtenurkunde auf ewig beherrschen jene mit Urkunden auf Zeit und diese wiederum jene ohne dieses begehrte Papier. Ist das das Klima, wo wilde, kreative Gedanken sprudeln, wo die Spürnasen des Geistes wichtige Probleme aufstöbern, wo Mut zum Anders- und Querdenken haust? Ist das der Ort, wo Freude, Grazie , Leichtigkeit und die Schönheit des Denkens erblühen? Wuchert zwischen hässlichen Beton- und einigen Altbauten, zwischen Lehr- und Leerbetrieb, zwischen mechanischer Versteinerung und krampfartigem Sich-wichtig-nehmen die Lebensklugheit? Oder hat sich gar zwischen Studien-, Magister- und Dissertationsordnungen – zwar sehr geschickt und für niemand mehr sichtbar – die Weisheit versteckt? Man weiß ja nie? Philosophie als Institution ist verbeamtete Schulphilosophie, nicht weniger, aber garantiert auch nicht mehr.

Wen nimmt es da Wunder, dass in diesem Milieu aus Plüsch und intelektueller Hochnäsigkeit geniale Dinge reifen: Moderne, Postmoderne, Post, Kompost oder: “Das Ende der Philosophie, das Elend der Philosophie, die Krise der Philosophie” oder, um bei Berühmtheiten zu bleiben: “Arbeitsdienst, Wehrdienst, Denkdienst”. Ohne Zweifel, solche Schöpfungen sprechen nicht unbedingt für die Schulphilosophie, die offensichtlich ihre erstarrten Finger am nichtaufgefundenen Puls der Zeit hält. In diesem erlauchten “engeren” Kreis der Philosophen hat sich dann auch schon 1988 herumgesprochen, dass Technologie die Umwelt bedroht. Und eine Aufsatzsammlung mit typisch aufgeblasener akademischer Sprache verkündet die wohl langem Denken abgerungene tiefe Einsicht, dass sich die Postmoderne “einer stringenten Definition” entzieht. Dass sich die gleichen tiefschürenden Denker auch noch den Beifall selbst besorgen, das nennt man wohl Rezensionsonanie, ein Phänomen, das mit den Zitier- und Berufungskartellen eng verschwistert ist.

Schulphilosophie, d.h. aber auch elitäre, schwer verständliche Sprache. Während wir Sätze wie “das System und Einzelheit sind reziprok und nur in der Reziprozität zu verstehen” noch übersetzen könnten mit: das Ganze und seine Teile hängen miteinander zusammen und sind nur über diesen Zusammenhang verständlich; während wir dieses Zusammenhängen noch mit einem wechselseitigen Geben und Nehmen charakterisieren könnten, wird es bei wirklich hochkarätigen Aussagen endlich ernst. “Denn das Nichts ist die Verneinung der Allheit des Seienden, das schlechthin Nicht-Seiende.” Da staunt der Laie, der glaubte, zumeist und zuförderst werden “Sätze” und keine Allheiten verneint. Natürlich kann man Allheiten vernichten, sie provisorisch wegdenken, sie verdrängen. Natürlich ist unsere Sprache reich genug, den Sachverhalt zu präzisieren, aber der Denker des Denkdienstes hat dies nicht nötig. Dafür reißt soviel “Klarheit” die Reihe, die noch ansteigt, wenn wir “Sein” nun – mystisch drapiert und jede echte Mystik vergewaltigend- mit y, also “Seyn” schreiben.

 

Mitternachtsphilosophie als Lebensstil,
mit Würde und Witz und so
manchem Brummschädel.

 

Schulphilosophie ist letztlich auch die gebetsmühlenartige Wiederaufbereitung der Lehren von alteuropäischen Strahlemännern. Die universitäre Speisekarte verkündet immer das gleiche: Platon, Aristoteles, Augustinus, Thomas etc., etc., etc., das Ganze wird dann garniert mit Glitter wie Postmoderne und einigen Säulenheiligen der analytischen Philosophie. Letzteres erinnert dann stark an Mikrowelle. Der alteuropäische Schreckensburger jagt den analytischen Hamburger, wobei ersterer mit einem lokutären Akt letzteren illokutär links liegen lässt und auf eine explizit performative  Äußerung: “Ich warne Euch” übergeht. “How to do things with words”, das war wohl schon immer das Geschäft der Schulphilosophen. Verbeamtetes Schrebergartentum, aufgeblasene Terminologie und Sprache, phantasielose Didaktik, Zitier- und Berufungskartelle, Selbstweihräucherung und inzestuöse Veröffentlichungspraxis sind allgegenwärtig. Aber soll’s das gewesen sein?

Philosophie wäre dann wahrlich nicht mehr und nicht weniger als der langweilige und phantasielose Reigen verbeamteter Geister. Aber erstens gibt es selbst in diesem Milieu Ausnahmen und Exoten, und zweitens lässt sich Philosophie nicht auf akademische Schulphilosophie reduzieren. Auch wenn diese die Philosophie beinahe monopolistisch vereinnahmt, Philosophie endet gewiß nicht im akademischen Eintopf.

2. Die Freelancer oder: Philosophen auf freier Wildbahn.

In einer Kneipe mit dem realitätsnahen Namen “R(h)einfall” füllt sich ab 24.00 Uhr der Stammtisch, und vor der Kneipe parken die Taxis. Hier treffen sich um Mitternacht die philosophischen Freelancer. Nicht, dass diese Herren keinen Magister- oder Doktortitel besäßen oder gar ihr Studium der Philosophie nicht beendet hätten, nein, sie repräsentieren eine Schicht, die nicht im Haine des Heros Akademos verweilen durfte oder konnte oder noch viel häufiger: gar nicht wollte. Der Mammon zur täglichen Daseinsbewältigung muss buchstäblich herbeigekarrt werden, und schon immer hassten sie das Gewinsle und Dienertum an den Lehrstühlen. Hier lebt sie also, die philosophische Subkultur, und hier hilft das Philosophieren zwischen Bier und Rauch durchaus zur Existenzerleichterung. “Dass man Philosophie in gewissem Betracht lernen könne – und wie man sofort ergänzen muss “auch lehren könne” –, ohne philosophieren zu können”, hatte sich ja schon bis zu Kant herumgesprochen und kennzeichnet große Teile der Schulphilosophie. Jedenfalls tun sich die ebenfalls anwesenden taxifahrenden Naturwissenschaftler schon erheblich schwerer. Etwa ein Physiker, der noch vom Glanz physikalischer Supergehirne träumt und der trotz guten Examens den sicheren Weg ans Steuer eines Diesels fand. Mitternachtsphilosophie als Lebensstil, mit Würde und Witz und so manchem Brummschädel.

Hier lebt sie also noch, die berühmt-berüchtigte und fürs Philosophieren so notwendige Polemik. Den “absoluten Unsinnsschmierer Hegel”, so Schopenhauer und den “Philosophen ohne Unterleib”, nämlich Kant, so Volki, der Taxifahrer, könne man sich durchaus ans Bein klatschen. Dann doch lieber Donoso Cortés, denn den kennt eh keiner. Er charakterisierte den Menschen als ein widerliches und lächerliches Wesen. Der alltägliche Kampf auf den deutschen Großstadtstraßen lässt grüßen! Für Donoso gleicht die Weltgeschichte dem taumelnden Dahintreiben eines Schiffes, dessen Besatzung besoffen ist und die grölend und tanzend dem Untergang zusteuert. Die globale Lage des Planeten Erde grüßt nochmals! Und wenn wir dann noch hören, dass es eben die so gefeierte Pseudoreligion der absoluten Humanität ist, die uns den Weg in den Terror und Abgrund ebnet, dann stellt sich doch ein Gefühl ein, was Philosophieren sein könnte. Verschwunden sind die Plüsch- und Samtdeckchen, nirgends mehr die opportunistischen Rücksichtsnahmen, die jedes freie Denken schon im Ansatz erwürgen.

Immerhin, es gibt sogar noch ein Gruppe von gelernten Philosophen auf dem freien Markt. Sie dienen den Unternehmen aus ihrem Bauchladen so illustre Gegenstände an wie “Unternehmensethik oder Unternehmenskultur”. Auch sie haben es wahrlich nicht einfach. Aussagen wie: “Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde” möge man bitteschön auf das alltägliche innerbetriebliche Mobbing und auf die professionellen Flegeleien der Praxis herunterbrechen. Die Gesichter der Top-Manager hellen sich erst auf, als sich ein Praxisphilosoph plötzlich zur realitätsnahen Aussage hinreißen lässt: “Wir müssen die Grundsätze der Unternehmensethik deshalb so hoch aufhängen, damit jeder bequem darunter durchgehen kann.” Solche Sprüche entstammen dem, wie ich es nennen möchte, pragmatischen Spross der philosophischen Freelancer.

Man täusche sich aber nicht, es existiert auch bei diesen noch die puritistische, moralinsaure Variante. Das sind jene, die dem verdammten Management nun einmal so richtig den moralischen Marsch blasen möchten. Sie schreiben dann den überaus erstaunten Werbefritzen in ihr Buch: “Schein blendet , überzeugt aber nicht. Bloßer Schein fliegt irgendwann auf, und wer enttarnt wird, der stürzt tief.” Aber irgendwie passt dieser Spruch so gar nicht recht, weder für die Werbung, noch für die schaumschlagenden Schulphilosophen, noch für das Management, noch für die Politiker, noch für die Naturwissenschaftler. Wie betont, Freelancer haben es auf dem freien Markt schwer und vielleicht entspringen solche Aussagen dem Masochismus , den man sich auf dem freien Markt eingehandelt hat.

Eine weitere, nicht unbedeutende, frei agierende Gruppierung von Philosophen sind die freien Schriftsteller. Häufig dämmern sie viele Jahre oder Jahrzehnte dahin, und landen sie dann endlich einen Publikumserfolg, ist ihnen das Naserümpfen ihrer akademischen Kollegen gewiss. Ob Günther Anders oder – man muss die Disziplinen ja nicht engstirnig sehen – Erich Fromm, ob Rigo Baladur mit seinem “Gründe, warum es uns nicht geben darf. Frontbericht von einem sterbenden Stern mit Motiven des Widerstands.” oder Georges Bourbaki mit seinem Der “Sündenfall der Physik”, immer das gleiche Schicksal: vom Establishment ausgegrenzt, totgeschwiegen und falls der Erfolg kommt, herabqualifiziert.

3. Philosophie als Schulen und Richtungen oder: Der Triumph der Vielfalt.

Wer schmierend nie am Bettrand saß, der kennt sie nicht, die kummervollen Nächte, in denen die forschen Neo-Aristoteliker die Kritischen Rationalisten jagen, in denen die Empiristen die metaphysische Hexenschmiere vernichten, in denen die Materialisten die Idealisten mit einem “materialgeprüften” Strick erwürgen. Auf der Bühne der Philosophie tanzen unendliche Schulen und Richtungen: die Naturalisten und Idealisten, die Essentialisten und Skeptizisten, die Metaphysiker und Transzendentalisten, die Realisten und Existenzialisten, die Empiriker und Rationalisten, die Phänomenologen  und Logiker, die Okkasionalisten und Voluntaristen, die Humanisten und Operationalisten, die Intuitionalisten und Vitalisten, die Pragmatischen, Rigoristen, Utilitaristen, die Ontologen, die analytischen und die Sprachphilosophen, die Epistemologen und die Wissenschaftstheoretiker, die Metaethiker und die Spezialisten der Science of Science meist jedoch Science of Science Fiction. Diese Aufzählung an philosophischen Richtungen ist selbstredend nicht komplett. Das Ganze lässt sich schlagartig über Zusätze wie Neo-, Pro-, Anti-, über diverse Kombinationen ins schier Endlose treiben.

Und was wichtige philosophische Begriffe anbelangt, ist die Vielfalt der Richtungen nicht geringer. So existieren Vertreter der absoluten, der relativen, der relationalen Wahrheit, die semantische , die sprachanalytische, die pragmatische und die Kohärenztheorie der Wahrheit. Wahrheit kann ferner aufgefasst werden als rectitudo (Aufrichtigkeit), und schließlich gibt es noch Gruppierungen, die die Nützlichkeit bzw. Existenz von Wahrheit ganz leugnen. Das bunte Treiben lässt sich – wie gesagt – mit jedem philosophischen Begriff durchführen: (Begriffs)-Realisten treten für eine Realität jenseits der physischen Realität ein. Die Realisten behaupten, die Realität der Realität, für Konstruktivisten ist die Realität ein Konstrukt, und wiederum andere leugnen die Realität der Realität.

Bunt sind die Richtungen, die Probleme, die Begriffe, die Auffassungen, die Schulen, die sich auf dem Flohmarkt der Philosophie treffen. Und das obligatorische Naserümpfen der anderen Wissenschaftsdisziplinen gesellt sich rasch hinzu. Man sehe, so betont ein Physiker, dem die Scheuklappen schon zur zweiten Natur geworden sind, “die Philosophie hat es bis heute noch zu keiner einheitlichen Theorie gebracht”. Den Göttern sei dafür gedankt. Es reicht schon die universitäre Magersucht, die oftmals diese Buntheit kräftig in Richtung Monokultur trimmt.

Warum aber diese Vielfalt? Der philosophische Geist, der offensichtlich selbst beim härtesten Materialisten noch weht – oder ist das Konzept des Materialismus selbst materiell? – trägt viele Kleider, hat viele Gestalten, ist ein bunter Hund. Und wenn die großen philosophischen Systembauer alles fein säuberlich geordnet in hermetischen Dampfkesseln eingesperrt hatten, explodierten diese Ungeheuer ganz gewaltig und die Fetzen flogen meilenweit. Der Freigeist entdeckte den Willen zur Macht, und der Übermensch beißt dem dekadenten Nihilisten dreist in die Wadeln. Hart wird es dann im Gefolge solch zerborstener Systeme, der unerbittliche Kampf ums Dasein vertreibt das rationalistische Gesindel, und die Luft riecht nach Blut und langen Messern.

Wer also glaubt, Philosophie sei ein wirrer Haufen von Richtungen und Begriffen, harmlos, überflüssig oder mit den üblichen organisationstechnischen Tricks abzuschaffen, der irrt nicht nur, sondern irrt gewaltig. Was die Tricks anbelangt, so läuft das traurige Spiel wie folgt: Naturphilosophie war ja ganz schön, Physik und Chemie sind besser. Ethik war ja einmal ganz nützlich, Verhaltenstheorien sind nützlicher. Die Psyche als ein philosophisches Urproblem wird von der Psychologie erdolcht. Das Nachdenken über die Gesellschaft, über Politik, über unsere Art und Weise zu wirtschaften übereignen wir der Soziologie, Politologie, Ökonomie, usw.

Aber haben uns all diese Disziplinen vom Nachdenken über die Natur, über die Psyche, über gutes und treffliches Entscheiden und Handeln, über individuelles und kollektives Glück, über das vernünftige Auskommen und Wirtschaften miteinander und mit der Natur befreit? Sind diese Disziplinen – bei all ihren Erfolgen (!?) – nicht “auch” Konditionierungsfallen? Vermitteln sie nicht mehr geistige Dressurakte als phantasievolles Problemlösen?

Philosophieren könnte auch eine Form des Geistes sein, der mit sich selbst umgehen muss, und der sich so selbst wiederbegegnet. Das aber braucht eine tapfere Psyche. Oder begegnen uns nicht ständig unsere geistigen Produkte physisch wie abstrakt wieder? Die Abgase und der Lärm der Autos, eine konkrete Wiederbegegnung “unserer Technik”. Das Parlament, eine Wiederbegegnung des Konzepts “Government by Discussion”. Die Intensivstation, gelebte und praktizierte, aber nicht explizit gemachte Abschaffung des Gevatter Tod. Wiederbegegnung schmerzt, zumal unsere Produkte und die damit zusammenhängenden Disziplinen mit gewaltigem, permanentem Applaus, sprich Fortschrittsglauben, in die Welt gesetzt wurden. Trotz ihrer unbestreitbaren Erfolge etablierten sie ein ungern betretenes, gekonnt unterdrücktes und verdrängtes Schattenreich, in dem sie sich als geld-, prestige- und machtgierige, bösartige Ungeheuer benehmen.
Philosophieren ist ein menschliches Bedürfnis, wie Essen und Trinken, Beischlafen und Lieben. Und so, wie wir jene Bedürfnisse auf Supermärkte und die Institution Ehe reduzieren können und schamhaft die Mechanismen verschweigen, die die Regale der Supermärkte füllen oder die Ehe als bürgerliche Institution zusammenkitten, so unterdrücken die aus der Philosophie entlassenen Disziplinen das dahinterliegende Spektakel, den Sumpf, die Opfer und die Irrlichter “ihres” Geistes.

 

Schulphilosophie ist letztlich die
gebetsmühlenartige Wiederaufbereitung der
Lehren von alteuropäischen Strahlemännern.

 

Philosophie ist natürlich nicht harmlos. Macht sie sich selbst zum Instrument, ist sie eine Disziplin wie jede andere. Es gab Zeiten, da war Philosophie Dienstleister der schier allmächtigen Theologie: “Philosophia ancilla theologiae”, d.h. die Philosophie ist die Magd der Theologie. Es gab Auffassungen nach denen Philosophie der “Wegbereiter der Weltrevolution” zu sein hat. Auch Heideggers drei Bindungen: erstens eine an die Volksgemeinschaft, zweitens an die Ehre der Nation, drittens an den geistigen Auftrag des denkenden Volkes, woraus er dann “brillant” folgert: “die drei von da entspringenden Dienste – Arbeitsdienst, Wehrdienst und Wissensdienst – sind gleich notwendig und gleichen Ranges”, degradieren Philosophie allenthalben zum “Führer des Führers”. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass Heidegger bei seiner Liebe für Dienste, den Geheimdienst, den Pizza-Homedienst und den Weckdienst völlig vergessen hat. Ist also Philosophie, so instrumentalisiert, nichts anderes als der eloquente Büttel des Zeitgeists, Instrument für Ehrgeizlinge oder Ober- bzw. Überbaukonstrukteure? Ist Philosophie nichts anderes als ein billiger Produzent für Sinn und Hoflieferant von geistigem Schrott für Mächtige? Auch das ist und war Philosophie, aber auch das ist und war sie nicht nur.

4. Philosophie als Philosophieren oder: "Das Sich-grenzenlose-verwundern", "Das Fragen" und "Das gekonnte Scheitern"

Philosophie hat, so könnte man meinen, auch etwas mit der Liebe (philia) zur Weisheit (sophia) zu tun. Die Quellen, woraus dieses merkwürdige Gebilde Weisheit “sprießt”, sind zumindest in “Alteuropa” zweifach: Athen und Jerusalem. Weisheit beginnt bei den Griechen mit Staunen, besser: mit “Sich-grenzenlos-verwundern”, in der Bibel mit der “Furcht des Herrn”.

Staunen, Sich-grenzenlos-verwundern, was ist das? Ganz einfach, die Sinne öffnen und sein Ego für einen Moment zum Verschwinden bringen. Eine Buche im Herbst in ihrer vollen Pracht zu sehen, zu hören, zu schmecken, zu riechen und zu tasten, die Augen, die Ohren, die Nase, den Mund, die Hände zu öffnen, ohne wenn und aber, das ist Staunen. Ohne Gedanken an Kamin- und Brennholz, weggeblasen ist auch die Arbeit, die wir mit dem Laub des Baumes haben, ganz simpel: Staunen. Staunen hat etwas mit Naivität zu tun, mit Unmittelbarkeit. Staunen liegt noch jenseits gesellschaftlicher Konditionierungseinrichtungen und Dressurmaschinen wie Kindergärten, Schulen, Berufsausbildung, Fernsehen und Computerspiele.

Und das Staunen bleibt nicht auf die Natur beschränkt. Wo ist eigentlich das Sich-grenzenlos-verwundern über den alljährlichen Generalstau von Hamburg bis München zur Ferienzeit? Wo ist das Staunen über eine alles überwuchernde Bürokratie, über die hauptberuflichen Wortblasenproduzenten, über das Gemetzle vor unserer nationalen Haustür? Wer staunt noch über die angebliche Selbstverständlichkeit von Sätzen wie: “Die Sonne geht jeden Tag auf”? Sollte es vielleicht nicht besser heißen: “Das Aufgehen sonnt jeden Tag”? Wie selbstverständlich und vernünftig ist es denn, “dass das Pferd springt” und nicht “der Sprung pferdet”. Was zeichnet denn ein Reich von Dingen (Sonne, Pferd), dem wir dann Eigenschaften zuordnen und darauf ganze Seinslehren (Ontologien) aufbauten, aus, vor Welten, in denen sich die Dinge in Bewegung (das Aufgehen, das Springen) auflösen?

Wie schnell führt unvoreingenommenes, jenseits gesellschaftlicher Dressurakte liegendes Staunen in Welten, die uns fremd sind. Wer sagt denn, dass eine Trennung in Subjekt und Objekt sonderlich sinnvoll ist? Müssen wir denn immer so tun, als ob wir nur Zuschauer auf der Bühne des Lebens sind und das draußen , die Gegenstände, die Natur als “Objekte” denunzieren? Hier, in dieser rationalen Weltsicht, triumphiert das so erfolgreiche analytische Denken. Man zerlege doch einen gesunden Menschen in so viele Teile, “wie es angeht und wie es nötig ist”, setze ihn nach erfolgreicher Sektion wieder fein säuberlich zusammen, und fertig ist die Erkenntnis.  Der so zerstückelte und zusammengeklebte ist dann der “erkannte” Mensch. Eine Erkenntnis, die auf Liquidation zum Prinzip erhebt. Sicher, es mag nötig sein, manches zu zerlegen, zu zerschneiden, zu zerstückeln. Aber warum beschränken wir uns nicht auf dieses Manches und kreieren Entschuldigungsriten? Vielleicht ist über solche, der Philosophie entstammenden Methoden Wissen über eine zerstückelte Materie möglich, über Natur und Leben sicher nicht.

Sollte es korrekt sein, dass unseren materiellen wie geistigen Produkten eine individuelle und kollektiv-psychische Konstellation entspricht, mit diesen parallel läuft, sollte es richtig sein, daß das Außen auch das Innen und das Innen auch das Außen ist, dann können wir – gerade wegen des Triumphs der Zerstückelungstechniken, der Welt der Digitalisierung – nur erschaudern. Furcht mag sich einstellen, Furcht vor der letzten Vertreibung der Götter und Feen, der Engel und Teufel. Der Weg vom Staunen über die Selbstbegegnung des Geistes ist dann begleitet von Furcht. “Ungeheuer ist viel und nichts ist ungeheurer als der Mensch”. Es gibt keine Kluft zwischen Staunen, Reflexion und Furcht, sie sind komplementär, d.h. sie ergänzen sich wechselseitig.

Es geht ja rasend schnell, dem Staunen folgt nach einem kurzen Meeting des Geistes mit sich selbst, genannt Reflexion, die Entzauberung der Naivität, die Ernüchterung auf der Bühne der sich wechselseitig tyrannisierenden Objekte und Subjekte.

Weisheit wird immer zermalmt durch Distinktionen, durch Techniken des Zerstückelns. Nicht, dass diese nicht fruchtbar wären, sie sind jedoch nur Instrumente zur Bestellung des Gartens der Philosophie, die es zu überwinden gilt. Ein Blumenbeet besteht nicht aus Gärtner, Spaten, Harke, Kunstdünger und “Unkraut”vertilgungsmittel. Eine Philosophie, die nur mehr aus Methodologie besteht, ist eine verrottete Lagerhalle, stinkig und modernd, mehr nicht.

Sehen wir uns eine berühmt-berüchtigte Distinktion an, jene zwischen “Sein und Sollen”, zwischen “Deskription, also Beschreiben” und “Werturteilen, also Valuation”. Angeblich ist es logisch unmöglich, von der nüchternen Beschreibung des Massenmordes überzugehen auf die Auszeichnung solch eines Tuns als grässlich oder, schlicht und ergreifend, als böse. Diese Trennung hat nichts mit Logik zu tun, ist auch kein Problem dieser, auch wenn es forsche Wissenschaftstheoretiker dazu erheben. Diese Unterentscheidung ist nichts anderes als eine ganz banale, stinknormale und latent gehaltene Ausgrenzungstechnik. Jene, die hauptberuflich “Deskription” betreiben, die Naturwissenschaftler und die objektivierenden Geisteswissenschaftler, wollen primär einmal ruhig und ungestört und ungeplagt von ihrem Gewissen und Bedenken der Gesellschaft vor sich hinforschen und sich nicht von moralischen Skrupeln, ihr eigenes Tun betreffend, die Karriere vermasseln lassen.

Der Ruhm von Ärzten wie Robert Battey und Alfred Hegar beruht vor allem darauf, massenweise und ohne hinreichende Kenntnisse gesunde Eierstöcke von Frauen entfernt zu haben, wobei nach Hegars eigenen Angaben ein Drittel dieser Patientinnen in Folge von Sepsis starben. Das ist Deskription. Die moralische Empörung wäre Valuation, Wertung. Wie schön, solche Trennungen zu kennen und zu praktizieren. Distinktionen solch eleganter Art sind nichts anderes als Scheuklappentechniken. Und die Philosophen machten daraus den “Naturalistischen Fehlschluss”: ein Scheinproblem des aufgeblähten Intellektualismus.

Ausschließliche Deskription heißt, den Kopf in den Sand zu stecken vor dem moralischen Problem, vor gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen, vor Folgen für die Natur. Deskription heißt aber auch unbehelligtes Forschen, wissenschaftliche Erkenntnisse und eventuell Ruhm. Bewertung bedeutet in der Praxis zumeist Festtagsgeschwätz oder nicht-wissenschaftliches Laientum. Weisheit ist hier abgemurkst. Weisheit ohne Bezug zum Leben, zum Lebensvollzug, Weisheit ohne Aufrichtigkeit, Weisheit als reine Theorie, als Orgie aus Unterscheidungen, aufgeblähten Fachausdrücken und donnerndem Geschwätz, diese Weisheit hat tatsächlich mit dem zu tun, was kokette Philosophen als das “Ende der Philosophie” bezeichnen. Weisheit ist ein Ganzheitsphänomen, sie lässt sich nicht zerstückeln.

Wer staunend zum erstenmal sein Spiegelbild betrachtet, fragt: “Wer ist der, welcher mich so staunend ansieht?”. Wenn das Denken sich selbst betrifft, beginnt das “Denken des Denkens” und wir fragen, was ist das eigentlich, “Denken”? Wohin führt es, wie weit trägt es, was leistet es, wo sind seine Grenzen? Philosophie jenseits des Staunens ist Fragen, ist Hinterfragen, in Frage stellen.

Berühmt sind denn auch die Kantschen Fragen, die das Feld der Philosophie abstecken sollen: erstens “Was kann ich wissen?”; zweitens “Was soll ich tun?”, drittens “Was darf ich hoffen?”, viertens “Was ist der Mensch?”. Die Art zu fragen determiniert natürlich die Antworten. Die erste Frage kümmert sich nicht mehr um die Begriffe, Bedeutungen, die Bestimmungen des Seins, sondern um die Voraussetzungen und Grenzen von Denken überhaupt. Fortgefegt sind zwei Jahrhunderte Ontologie, fortgefegt die klassische Seinslehre. Sauber geputzt und gestriegelt wird die Welt aufgeteilt in Sinnhaftes und Intellektuelles, weggefegt sind angeblich die Streitereien über den Sitz der Seele und dergleichen mehr. Es soll, bei soviel Ordnung, nie mehr vorkommen, “dass einer der Streitenden , den Bock zu melken und der andere, einen Sieb unterzuhalten scheint”.

Wie schön hat der gute Immanuel doch sein Haus der Erkenntnis gekehrt, gesäubert, reine Begriffe und neue Stahlgeflechte eingezogen, wie spitzfindig und scharf denkend hat er es möbliert. Trotz allem, auch er ist gescheitert. Den großen nachfolgenden philosophischen Systemebauern war die Kantsche Hütte zu leergeräumt. Stehengelassene Widersprüche und Antinomien erregten ihre Gemüter, und so holten sie flugs wieder ihre alten Ladenhüter zurück. Und die Liebhaber des Augensinnes, für die nur zählt, was da ist, verkünden unverdrossen: “In der Welt ist alles, wie es ist und geschieht alles, wie es geschieht”. Da bleibt für die sog. Aprioristen, die an den Brüsten der Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis nuckeln, nur noch die große Flatter.

Fragen stellen, heißt aber auch ordnen. Denn gleich, ob Seinslehre, Metaphysik, Grenzen und Konstituentien,also Bedingungen der Erkenntnis, ganz offensichtlich war das Verstehen, das Analysieren, das Erklären von dem, was ist, und dem, womit es erfaßt wird, nämlich dem Erkennen, ein bedeutsames Problem.

Die Frage “Was sollen wir tun?” ist die Frage der Praxis. Sie hat von Plato bis Hans Jonas unendliche Versuche und Antworten meist im Gewande von Ethiken hervorgebracht. Ethik, also der Versuch, Regeln des gekonnten “Miteinanderauskommens” aufzustellen, gibt es wie Sand am Meer. Rigorose mit klirrender Ritterrüstung, situativ-opportunistische mit weichen Filzpantoffeln, pragmatische mit Geldscheinorientierung, konsequenzielle, für die Folgen einer Handlung entscheidender sind als die gute Gesinnung. “Alles auf dem Gebiete der Moral ist geworden, wandelbar, schwankend, Alles im Flusse...” meint ein gewisser Herr Nietzsche und setzt im “Antichrist” gleich noch eins drauf: “Die Schwachen und Missratenen sollen zu Grunde gehen: erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll jenen noch dazu helfen.”

Ein närrisches Völklein, diese Philosophen, vom fein gedrechselten kategorischen Imperativ, bei welchem die Vernunft sich selbst ein Gesetz des Handelns gibt, bis zur Rambo-Übermoral, wie soll sich solch ein Sortiment verkaufen? Ein Unternehmensberater in Sachen Philosophie rät dann sicher: Zurück zum Kerngeschäft! Aber was ist der Kern der Ethik? Am Ende gar ihr Ende? Oder hat die Philosophie mit einigen Ausnahmen den Kontinent der Ethik noch gar nicht betreten? Vielleicht ist die alles entscheidende Frage nicht: “Was sollen wir tun?”, sondern “Wie kommen wir mit unserem Schatten, der uns ständig begleitet, mit dem Bösen aus?”. Vielleicht ist es kein Zufall, dass in alten Darstellungen das Gute den Mantel des Bösen trägt. Vielleicht sollten wir auch hier wieder das Staunen und Schauen lernen, noch vor dem Schwätzen und Aufstellen von Regeln. Das Anschauen des und das Auskommenkönnen mit dem Bösen mag der bessere Weg zu seiner Überwindung sein als ein Blendwerk von Regeln, unter denen der Sumpf siedensheiß kocht, aber verbal ausgerottet ist.

Und was dürfen wir hoffen? Zu immer höheren Gefilden steigt das Fragen auf, immer dünner wird die Luft. Dürfen, sollen, müssen wir überhaupt hoffen? Reicht nicht das Hier und Jetzt, der fette oder kärgliche oder gar der leere Futtertopf? Immer wieder das gleiche Spiel, wohlfeile Lösungen begegnen tiefer Abneigung gegen diese Lösung und auch der Weigerung, solche Fragen überhaupt zu stellen. Oder ist gar jener, der sich damit beschäftigt, was wir im Jenseits erhoffen können, geisteskrank?

Was gar der Mensch ist oder sein sollte, bringt uns schier in eine verzweifelte Lage. Nicht, daß das Warenlager der Philosophie keine Ersatzteile vorrätig hätte: der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen, der Mensch ist des anderen Menschen Wolf, der Mensch ist ein Gewürm oder gar die Krone der Schöpfung. Wieder nur Vielfruchtmarmelade, wo ist die endgültige, klare Antwort?

Frustriert? Könnte man von dieser Sippe von Philosophen nicht endlich klare Aussagen erwarten, als Steuerzahler noch dazu, der man diese vieldeutige Horde weitestgehend finanziert? Können diese Burschen und einige Weiblein nicht foliengeschweißtes Wissen abliefern, wie das angeblich die Naturwissenschaftler tun? So richtig monetär-verwertbares, innovatives, zukunftsträchtiges, standortsicherndes, am Weltmarkt konkurrierendes, börsengängiges Wissen? Oder wenigstens, wenn schon die Kirchen als Seelenspengler versagen, die orientierungslose Jugend mit Sinn überschütten? Vielleicht können das einige. Mit Liebe zur Weisheit hat das aber wenig zu tun.

Philosophieren – nicht Philosophie lernen oder lehren – heißt, einen Dschungel zu betreten. Er ist überwuchert mit Richtungen und Ismen. Überall lauern Irrlichter und Fallgruben, dort eine moderne Leiche, hier großartige Gedanken, Unterscheidungen, Begriffe, schäbiges Spießertum, Verräter des Geistes und müde gewordene Drachenbezwinger. Es gibt Philosophen, die schlagen vielspurige Autobahnen durch das Gestrüpp, bringen mit gewaltigen Baumaschinen endlich Ordnung in den Wildwuchs. Aber der nächste Hurrikan bläst sie hinweg. Auch sie sind gescheitert. Es gibt jene, die angeblich unerschüttliche Säulen in den schwankenden Grund treiben, das nächste Erdbeben verschlingt auch sie. Es gibt einige Seiltänzer und Lianenschwinger, die nächste Schlinge erwürgt sie. Philosophieren heißt mehr oder minder gekonnt scheitern, selbst für jene, die als Rambos, Brunft- und Platzhirsche durch das Gestrüpp röhren. Aber am Ende erlegt auch diese eine kleine Giftviper. Wenn dann der Morgen graut, wenn sich das Licht in all den Idealismen, Rationalismen, Positivismen, Empirismen bricht, dann funkelt und leuchtet es, bunt und schrecklich zugleich. Philosophieren ist sicher nichts für Angsthasen, auch nichts für vorprogrammierte Siegertypen. Diese können in der Institution Philosophie Karriere machen, ohne jemals den Dschungel betreten zu haben.

Der Dschungel zeigt uns den Abgrund der Endlichkeit. Wer genug gestaunt, gesehen, gefragt, reflektiert hat, der mag die Augen und den Mund schließen (myein) und so mehr sehen und sprechen über die Schönheit, die Schrecklichkeit, die bittere Notwendigkeit und den Affentanz des von uns inszenierten Theaters des Seienden. Philosophieren führt uns zu mehr oder weniger gekonntem Scheitern. Es erinnert uns daran, dass der Mensch trotz gewaltiger Höhenflüge sehr klein ist, zu armselig, um “alleine” im Dschungel zu überleben. Das erzwingt Bescheidenheit und Mut, klein zu sein, oder völlig altmodisch und überholt “Demut”.

 

 

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