der blaue reiter


Gudrun Partyka
Tuschezeichnung



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Das schöne Leben.
Was es heißt, den „Sinn des Lebens“ zu finden


Die Frage nach dem „Sinn des Lebens“ hat im 20. Jahrhundert eine rasante Konjunktur erlebt, die um so erstaunlicher ist, als andere Epochen deutlich weniger davon umgetrieben wurden. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert ist nahezu jeder in den modernen Gesellschaften von dieser Frage beunruhigt, während sich die Menschen im großen Rest der Welt den Luxus einer solchen Fragestellung nicht erlauben können: auch eine Form von globaler Ungerechtigkeit. Die Frage nach dem Sinn hat gewiß sehr viel mit der Zeit zu tun, die wir „Moderne“ nennen, denn in dieser Zeit zerbrachen viele Formen und Inhalte der Tradition, der Religion und der Kultur; der darin verborgene Sinn wurde fragwürdig. Vor allem der „Glauben“ stellte traditionell eine Bastion des Sinns dar. Die Tatsache, daß viele nicht mehr glauben können, führt zwangsläufig zu einer Intensivierung der Suche nach Sinn, welcher nun in weltlichen und „sinnlichen“ Zusammenhängen gesucht wird. Sinn zu finden: davon verspricht man sich, das zu finden, wofür es sich zu leben lohnt.
Der Philosophie traut man häufig zu, bei der Suche nach dem Sinn behilflich sein zu können. Fragt man nicht nach dem Begriff „Sinn“, sondern nach der damit verbundenen Sache, wird man in der Geschichte der Philosophie reichhaltige Funde machen können. Adäquat zu dem, was „Sinn“ meint, ist in der Antike das „Gut“, das „höchste Gut“, das „Ziel“ zu sehen. Bei Aristoteles, für den es (in seinem Buch Nikomachische Ethik) darauf ankommt, „ein Leben für sich zu wählen“, erscheint als Ziel dieses Lebens das Gut, das die Eudaimonia ist. Landläufig mit „Glück“ übersetzt, ist der Wortsinn der Eudaimonia doch einfach nur, einen „guten Dämon“ in sich zu haben, vielleicht eine Wohlgestimmtheit in sich selbst und in den Beziehungen zu anderen und zur Welt. Nicht eine zufällige, launische Angelegenheit ist dies, nicht Lust, Wohlstand, Ehre oder dergleichen, sondern etwas, das von Dauer ist, ein Besitz der vortrefflichsten seelischen Güter, verbunden mit einem Leben voll von Freude und Genuß. Wichtig daran ist jedoch das Tätigsein, die Sorge, das aktive Verwirklichen eines solchen Lebens, das nicht ein bloßer Zustand, sondern das „Werk des Menschen“, seine spezifische Lebensform ist.
Aristoteles gibt auch ein Beispiel dafür, was in seinen Augen zu den vortrefflichsten seelischen Gütern zählt: In der Freundschaft wird das Glück realisiert. Freilich gilt dies nicht für die Art von Freundschaft, die nur um des Nutzens willen, auch nicht für jene, die um der Lust willen geschlossen wird, sondern nur für jene, die auf der wechselseitigen Beziehung der Freunde um ihrer selbst willen beruht, nicht abhängig von zufälligen Interessen und Lüsten und „unzugänglich für Verleumdung“. Die Grundlage dafür, Freundschaft mit anderen überhaupt haben zu können, ist jedoch die Freundschaft mit sich selbst. Selbstfreundschaft gibt es nicht bei denen, die „mit sich uneins sind“, sich selbst fliehen, des Lebens überdrüssig sind und bei anderen nur Vergessen suchen: „Nichts Liebenswertes“ haben sie an sich, also können sie auch „kein freundliches Gefühl“ für sich selbst empfinden; sie teilen nicht Freud und Leid in der Gemeinschaft mit sich, vielmehr freut, wenn ein Teil ihrer Seele leidet, ein anderer Teil der Seele sich darüber, und die verschiedenen Teile reißen das Selbst schier in Stücke, nur um darüber gleich wieder Reue zu empfinden. Ganz anders verhält sich dies bei denen, die ihr Selbstverhältnis klären, Einigkeit in sich selbst herstellen „und das verwirklichen, worin sie für sich das Beste erblicken“.

 

Sinn, das ist Zusammenhang. Sinnlos bleibt nur das, was ohne Zusammenhang ist.

 

Auch Epikur („Brief an Menoikeus“) denkt an die Realisierung von Eudaimonia im Leben. Wer diesen „guten Geist“ in sich hat, ist im Alter noch jugendlich frisch, denn er hat Freude an dem, was gewesen war, und umgekehrt muß er, wenn er noch jung ist, keine Angst vor dem Künftigen haben, denn er ist innerlich dafür gerüstet. Auch hier fällt dies einem Individuum nicht einfach zu, sondern ist das Resultat einer Arbeit, die zu leisten ist; „Sorge tragen muß man für das, was das Glück herstellt“. Auch bei Epikur spielt die Freundschaft eine große Rolle, vor allem jedoch die Lust, die „Anfang und Ziel des glückseligen Lebens“ darstellt. Sie ist das Richtmaß, anhand dessen jedes Gut zu beurteilen ist. Worin besteht die Lust, die hier offenkundig als Sinn des Lebens gilt? Jedenfalls handelt es sich um eine gewählte und nicht um eine beliebige Lust: „Nicht jede Lust wählen wir.“ Es kann nicht darum gehen, jeder Lust nur blind zu folgen und jedem Lüstchen noch hinterherzurennen, sondern die Lust so zu wählen, daß sie nicht zuviel wird, und lieber „über viele Lüste hinwegzugehen“. Sogar das Unangenehme kann leicht in Kauf genommen werden um einer größeren Lust willen: „Sogar viele Schmerzen halten wir für besser als die Lüste, wenn eine größere Lust für uns darauf folgt.“
Schließlich, um noch eine dritte Station der antiken Philosophie zu nennen, Seneca: Ein sicherer Besitzer seiner selbst solle man sein, securus sui possessor, meinte der alternde Seneca im zwölften seiner „Briefe an Lucilius über Ethik“, jenem Hauptwerk, das am Ende seines Lebens entstand. Derjenige, der sich selbst besitze, sei der Glücklichste, da er den nächsten Morgen ohne ängstliche Unruhe erwarte. Das erscheint als Lohn der Mühe und als Ziel dessen, was Seneca bereits mit dem ersten Satz des ersten Briefes als Programm so formulierte: „Eigne dich dir an“, vindica te tibi – dieser Satz stellt das Leitmotiv für das gesamte Werk Senecas dar.
Eigne dich dir an, denn das Leben ist kurz: Die meisten Menschen, so Seneca in der Schrift Von der Kürze des Lebens, kommen mit ihrer Sterblichkeit nicht zurecht, genauer gesagt: mit der Zeitspanne, die sie uns läßt. Aber es ist nicht wirklich wahr, daß das Leben zu kurz sei; das Problem liege vielmehr in der Art, wie wir leben. „Wir haben nicht etwa wenig Zeit, sondern wir haben viel davon verloren“; unbekümmert nämlich um das, was wichtig wäre für uns, geht unser Leben dahin. Wenn wir erst im letzten Moment daran denken, daß das Leben begrenzt ist, daß seine „äußerste Notwendigkeit“, das also, was wir nicht ändern können, der Tod ist, dann wird das Leben kurz. Eigentlich ist das Leben ausreichend lang, um selbst die größten Dinge zu realisieren, aber man müßte beizeiten darangehen, es auch zu tun. Die Lebenszeit vervielfältigt sich sogar für den, der sie „gut einteilt“ und rechtzeitig zu gebrauchen versteht; das aber erfordert, „zurückzukommen auf sich“, recurrere ad se. Es geht um die Selbstaneignung, die zumeist nicht geleistet wird: „Keiner nimmt sich für sich selbst in Anspruch.“ Wir verbrauchen uns und unser Leben für andere, so konsumieren wir unser Leben und können mit uns selbst nicht zusammensein.
Wenn die Selbstaneignung geleistet wird, dann ist Seelenruhe das Resultat. Seneca reflektiert darüber in seiner Schrift Über die Ausgeglichenheit der Seele. Seelenruhe kann erreicht werden, wenn man sich über sich selbst klarer wird, sich also Rechenschaft ablegt über die Eigenheiten, die Bedingungen und Voraussetzungen, psychisch, physisch, materiell, ideell, die man mitbringt und füglich zu beachten hat, um nicht Unangemessenes von sich zu erwarten. Um das Verhältnis zu sich selbst zu stärken, sollte man sich schließlich Freunde auswählen, „deren Heiterkeit Schwermut zerstreut und deren Anblick allein schon erfreut“. Wichtig ist es des weiteren, nichts zu besitzen, jedenfalls „unseren Besitztümern enge Grenzen zu ziehen“, denn um Besitz muß man sich kümmern, um ihn muß man fürchten, unentwegt ist man mit ihm beschäftigt und so von ihm besessen, während es darauf ankommt, sich selbst zu besitzen und nur sich selbst etwas zu schulden. Die ganze Lebensweise sollte maßvoll eingerichtet sein, denn dieses, wie man es nennen könnte, „schlanke Leben“ bietet weniger Angriffsflächen für Attacken des Schicksals; „viele Stürme fallen nur über diejenigen her, die ihre Segel zu weit ausspannen“. In jeder Lebenslage ist dann ein freudiges Ertragen der Widrigkeiten und sogar ein lustvolles Leben möglich, wenn man es schafft, die Mißlichkeiten für leicht und unbedeutend zu halten; keine Situation ist so schmerzlich, daß man darin nicht auch Trost finden und sogar einen Vorteil für sich daraus ziehen könnte.
Glück, lustvolles Leben, Seelenruhe: Antworten dieser Art hat die antike Philosophie gegeben, um so etwas wie den Sinn des Lebens festzuschreiben. Aber so attraktiv diese Antworten auch erscheinen mögen: können solche Vorstellungen umstandslos in die Moderne übertragen werden? Kann daraus eine neue Verbindlichkeit für das Leben moderner Individuen konstruiert werden? Ist es nicht vielmehr so, daß Menschen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert in höherem Maße als jemals zuvor selbst nach dem Sinn des Lebens suchen müssen? Gewiß kann man sich von den antiken Antworten inspirieren lassen, aber man wird sich auch die Freiheit nehmen, nur das zu übernehmen, was überzeugend erscheint. Und nicht alle Fragen wird man beantwortet finden. In der Moderne läßt sich nicht mehr so ohne weiteres „das Glück“ als Sinn des Lebens beschreiben, dem man nur noch nachzuleben hätte. Wo man einst nur vorgedachte und vorgegebene Antworten zu übernehmen hatten, kann der einzelne nicht mehr umhin, selbst zu suchen und zu finden. Das ist der Preis der modernen Freiheit. Diese Tätigkeit, die im eigenen Denken oder bei einem philosophischen Gespräch stattfinden kann, läßt sich auch als Hermeneutik der Existenz (Verstehen von Sinnzusammenhängen) bezeichnen. Sie ist ein Bestandteil der Selbstsorge und ein Instrument, die eigene Lebensführung zu orientieren; als Kunst, sich in der Welt zurechtzufinden, dient sie dazu, Sinn und Bedeutung im Leben und in der Welt zu finden. Allerdings wird bei dieser hermeneutischen Tätigkeit des Deutens und Interpretierens nicht einfach nur ein vorhandener Sinn erschlossen, sondern tückischerweise ein subjektiver Sinn in die Dinge hineingelegt, um dann aus ihnen herausgelesen zu werden. Nie haben wir die Gewißheit, einen „objektiven Sinn“ entdeckt zu haben, denn immer spielen unsere Interessen, unsere Wünsche oder auch nur die Blickrichtung unserer Aufmerksamkeit eine sinnstiftende Rolle, von der wir uns wahrscheinlich zu keinem Zeitpunkt völlig lösen können: das ist der berüchtigte „hermeneutische Zirkel“. Man kann sich darüber ärgern, man kann sich seiner jedoch auch bewußt bedienen, um den Dingen Sinn und Bedeutung zu geben, statt nur darauf zu hoffen, daß sie auch ohne unser Zutun Sinn und Bedeutung haben, die wir nur zu entschlüsseln hätten.
Aber was ist eigentlich gemeint mit „Sinn“? Sinn, das ist Zusammenhang. Die Arbeit des Deutens und Interpretierens knüpft Zusammenhänge, mögen sie von selbst schon bestehen oder nicht. Die Hermeneutik der Lebenskunst besteht darin, mit Hilfe von Interpretationen denjenigen Zusammenhang herzustellen, der in der Lage ist, dem Leben Sinn zu geben…

 

Autor: Wilhelm Schmid