der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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Ethik


als der Zweig der Philosophie, der sich mit moralischen Phänomenen und Werten beschäftigt, ist nicht erst seit den großen Kriegen dieses Jahrhunderts ein wichtiges Thema der Philosophie. Schon Aristoteles versuchte Regeln für das „Miteinander“ der Menschen zu formulieren und zu begründen. Dass sich das Menschenbild und somit auch die Anforderungen an die Ethik seither gewaltig gewandelt haben, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Aristoteles das Verhältnis „Bürger – Sklave“ noch als ein natürliches betrachtete.
Doch nach wie vor müssen sich die Ethiker den Vorwurf des „konsequenzenlosen Disputierens“ gefallen lassen. Nicht umsonst formuliert Ulrich Horstmann in seinem Beitrag „Sind Werte gefährlich?“ „... das gute, das richtige, das erfüllte Leben (ist) wissenschaftlich nicht einholbar, ethisch nicht vorzuprogrammieren. Souveränität und Virtuosität sind seine unabdingbaren Voraussetzungen, nicht Dogmengläubigkeit oder die Abtestate von Konzilien oder Symposien“.
Das Missverhältnis der „Sonntagsreden“ um das, was „gut“ oder „böse“ sei, dem Sollen, Müssen, Dürfen und dem „Lärm der Schlachtfelder“ thematisiert Wolf Biermann in dem Gedicht „Sprache der Sprache“:

 

Worte sind eitel? Aber eitler
sind jene Taten! Und abermals diese Worte
...
Wortspiele. Die Worte spielen
wie Kinder noch in der Gaskammer
Die deutliche Sprache der Gewehre 
verstehen immer nur die Erschossenen

 

Mit Blick auf die Abgründe des Lebens überschreibt denn auch Otto-Peter Obermeier seinen Beitrag mit „Ethik ohne Zukunft?“ und fordert nicht die Triebe, die überschäumende Sinnlichkeit auszurotten, sondern zu lernen, mit diesen umzugehen – „Eine Ethik, die Zukunft haben will, hat sich dem Sumpf, dem Abgrund, den Schatten der menschlichen Psyche zu stellen.“
Eben diesen Tiefen lässt Nietzsche „... die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie ...“ entsteigen, die von Zeit zu Zeit einfach wieder das „Thier“ herausläßt und sich der „Unschuld des Raubthiergewissens“ überantwortet. Ungeachtet dessen Lobpreisungen über die Menschen, „... die die Zwangsjacke der Sittlichkeit abstreifen und zu frohlockenden Ungeheuern werden, ... welche vielleicht von einer scheußlichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit einem Übermuthe und seelischen Gleichgewichte davongehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht sei ...“, schreibt Heidrun Hesse über „Nietzsches moralische Kritik der Moral“.
„Dass alle Menschen von Natur aus um der Lust willen tun, was sie tun“, gilt Epikur als Satz der Erfahrung. Die Frage, ob dieser der Prediger der Wollust, der geistige Wegbereiter der genußsüchtigen Glücksjäger und Lebenskünstler ist, versucht Thomas Gutknecht im Artikel „War Epikur ein Schwein?“ zu beantworten. 
Scheint mit dem Tod das Ende allen Strebens erreicht, so setzt Albert Camus diesen in den Mittelpunkt seiner Ethik, die von Frank Augustin vorgestellt wird. „Nur im vollen Bewusstsein unserer Sterblichkeit können wir das ganze Ausmaß unserer Freiheit begreifen und ein Gefühl für die ungeheure Verantwortung entwickeln, die wir für unser Leben tragen.“ Nachdenklich über den Wert eben dieses Lebens stimmt die metaphorische Textcollage „tot bis Toy“ von Ingo Anhenn.
War Philosophie für Otto-Peter Obermeier in der ersten Ausgabe des „blauen reiters“ noch „... mehr oder minder gekonntes Scheitern“, so stellt Mathias Schüz das „Scheitern können“ und die damit einhergehende Bewusstwerdung des Handelnden in eben diesem Scheitern in den Mittelpunkt einer Ethik der Imperative.
Welch zentrale Rolle die Ethik im Gebäude der Philosophie einnimmt wird deutlich, wenn Günther Bien in seinem Beitrag „Tu nix Fieses! Ethik – Was ist das und was leistet sie?“ zu dem Schluss kommt, dass diese keine beliebige Teildisziplin der Philosophie neben den anderen sei, sondern „... mit dieser als einer wissenschaftlich betriebenen Weisheitslehre eigentlich identisch ...“ ist und fordert, dass, wenn man erkennen will, was das Richtige ist, man sich nicht an dem orientieren darf, was faktisch in der Welt geschieht, sondern, dass die Menschen danach befragt werden müssen, „... was das ist, von dem sie meinen und überzeugt sind, dass es das Richtige und Gute und von Ihnen Zu-Tuende ist (oder wäre).“
Demgegenüber stellt der Kolumnist Klaus Erlach fest, dass „... in der Moderne an Stelle des Glücks die Sicherheit zum höchsten Gut aufgerückt ...“ ist und empfiehlt für das Zeitalter der Technik flankierende Maßnahmen ethischer Risikoforschung, „... da mensch auf das Versagen von Sicherheiten am allerwenigsten vorbereitet ist.“
Dass all das Bemühen um die Ethik, das „gute“ oder gar das „höchste Gut“ nur der schwache Schein der je subjektiven Sehnsucht nach Gerechtigkeit darstellt und letztlich alle wissenschaftliche Ethik nur Illusion und Blendwerk sei, ist man versucht zu glauben, wenn Ulrich Druwe das „metaethische Problem der Begründung moralischer Aussagen“ mit der Bemerkung schließt, dass das Begründungsproblem „... auch mit dieser Vorgehensweise nur umgangen werden kann.“
Bleibt da nur noch die Einsicht in das Allzumenschliche?

 

Verstopfung
Man kann mit ethischen Entschlüssen
Zum Dürfen wandeln sonst das Müssen.
Nur die Verstopfung schafft Verdruß:
Man darf: – Was hilft’s, wenn man nicht muß?
(Eugen Roth)

 

„Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ – das sind die Worte, mit denen Tamino in der „Zauberflöte“ das Bild der Pamina empfängt. Mozarts Oper bildet den Rahmen, anhand dessen Gernot Böhme in seinem Essay nach der Wirklichkeit von Bildern und unserem Umgang mit diesen fragt. „Original und Bild sind je auf ihre Weise reicher, übertreffen einander ... Realität wird ... erst im Bild eigentlich wirklich. Das unstillbare Begehren nach Bildern, von dem wir getrieben sind, erweist sich als ein Bedürfnis nach Wirklichkeit.“
Anlass zum Beginn einer neuen Diskussionsreihe ist die Frage Thomas Manns anlässlich einer Charakterisierung Arthur Schopenhauers in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“: „... kann man Philosoph sein, ohne deutsch zu sein?“
Betrachtet man die Lehrpläne europäischer Universitäten, wird man sich schwer tun, Vorlesungen oder Seminare zu finden, die philosophische Traditionen außerhalb Europas zum Gegenstand haben. So ist es leichter, an der Universität von Neu-Delhi einen Kant-Experten zu finden, als einen profunden Kenner der indischen Philosophie auf einem deutschen Lehrstuhl. Liegt dies daran, dass das philosophische Gedankengut in den Ländern außerhalb Europas außer Lebensweisheiten nichts „Vernünftiges“ zu bieten hat? Gilt es lediglich, eine Lücke des Nichtwissens zu schließen, oder handelt es sich um schlichte Ignoranz? Haben die anderen Kontinente philosophischen Lichtgestalten wie Aristoteles, Platon, Hegel, Fichte oder Kant nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen? Ganz im Gegenteil, behauptet Christian Sand und überschreibt seinen Beitrag zur Diskussionsreihe „Außereuropäische Philosophie – Ein Widerspruch in sich?“ mit der Feststellung: „Aus Europa nichts Neues?! – Die Froschperspektive der europäischen Philosophie.“

Alle Leser seien an dieser Stelle aufgefordert, sich an der Diskussion zu beteiligen. (…)


Siegfried Reusch, Chefredakteur


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