der blaue reiter


Thomas Zoglauer
Tödliche Konflikte



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Vorwort
Wir sind in eine Welt geworfen, in der wir uns nicht immer für das Gute entscheiden können. Manchmal sind wir gezwungen, zwischen zwei Übeln zu wählen. Moralische Dilemmas sind ein unvermeidlicher Bestandteil unseres Lebens und daher auch ein Thema für die philosophische Ethik. Der Schwerpunkt dieses Buchs bildet die Untersuchung von Normenkonflikten, bei denen es um Leben und Tod geht. Das Spektrum der Beispiele reicht von der aktuellen Folterdebatte über die medizinische Ethik bis zu der Frage, ob und wie in der heutigen Zeit Kriege moralisch gerechtfertigt werden können. Es wird mir nicht gelingen, das Thema vollständig und erschöpfend zu behandeln. Im gegebenen Rahmen können lediglich einzelne Fallbeispiele herausgegriffen werden, um an ihnen die ethische Reflexion und Urteilsbildung zu üben, in der Hoffnung damit eine Hilfestellung bei der Bewältigung moralischer Konflikte zu bieten.
Dieses Buch erhebt nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Monografie, vielmehr handelt es sich hierbei um eine Einführung in das ethische Denken, die keine Fachkenntnisse voraussetzt. Gleichwohl hoffe ich auch dem philosophisch gebildeten Fachmann neue Einsichten zu vermitteln und neue Wege zur Lösung von Normenkonflikten aufzeigen zu können. Moralische Dilemmas zeigen die Grenzen ethischer Rationalität auf, indem sie uns bewusst machen, dass nicht jeder Konflikt eindeutig durch die Anwendung universeller Regeln auf Einzelfälle gelöst werden kann.


Kannibalismus auf hoher See
Am 5. Juli 1884 geriet die Yacht Mignonette mit drei erfahrenen Seeleuten und einem Schiffsjungen an Bord 1.600 Seemeilen vor dem Kap der Guten Hoffnung in einen schweren Sturm, wodurch das Schiff zu kentern drohte. Der Kapitän Thomas Dudley, die Matrosen Edwin Stephens und Edmund Brooks sowie der 17-jährige Schiffsjunge Richard Parker waren an Bord des Schiffs. Als die Yacht sank, konnten sich die vier nur mit knapper Not in ein offenes Rettungsboot retten. Frischwasser befand sich nicht an Bord des Boots, der Proviant war schnell aufgezehrt und es bestand keine Aussicht auf baldige Rettung. Ab und zu konnten die Schiffbrüchigen etwas Regenwasser trinken und einmal gelang es den Männern, eine Seeschildkröte zu fangen und zu essen. Danach ging es den Männern immer schlechter, sie waren dem Verhungern und Verdursten nahe. Der Junge Parker war in der schlechtesten Verfassung, da er Seewasser trank. Dudley und Stephens glaubten, dass er bald sterben würde. Die Situation war so aussichtslos, dass die Männer auch extreme Maßnahmen erwogen, um ihr Überleben zu sichern. Am 19. Tag schlug Dudley vor, per Los zu entscheiden, wer von ihnen getötet und anschließend gegessen werden sollte. Brooks war damit aber nicht einverstanden. Am 22. Tag, nachdem sie neun Tage ohne Nahrung und sieben Tage ohne Wasser ausgekommen waren, beschlossen Dudley und Stephens, den Jungen zu töten. Der Junge war der Schwächste, er wäre ohnehin als erster gestorben und würde sich nicht wehren. Brooks stimmte dem Tötungsplan nicht zu, kam dem Jungen aber auch nicht zu Hilfe. Schließlich tötete Dudley mit ausdrücklicher Billigung von Stephens den Jungen. Die drei Männer ernährten sich vier Tage lang von seinem Fleisch. Am nächsten Tag wurden sie von einem vorbeifahrenden Schiff gerettet. Dudley und Stephens wurden des Mordes angeklagt und für schuldig befunden. Auf ihre Tat stand die Todesstrafe. Die Männer wurden aber von der englischen Königin begnadigt, ihre Strafe wurde auf sechs Monate Haft abgemildert. Da Brooks nicht an der Tötung des Jungen beteiligt war, wurde er freigesprochen.
Trotz ihrer grausamen Tat verdienen die drei Männer unser Mitgefühl. Schließlich hatten sie tagelang unter unglaublichen Strapazen und Entbehrungen zu leiden und mussten um ihr Überleben kämpfen. Der Drang zu überleben mag stärker gewesen sein als jedes moralische Gebot. Die Situation ist mit dem Straßenbahnbeispiel durchaus vergleichbar, wenn auch die Zahlenverhältnisse hier andere sind: Das Leben von drei Menschen kann nur durch den Tod eines anderen gerettet werden. Unsicherheiten bestehen jedoch hinsichtlich der Notwendigkeit der Tötung und der Rettungsaussichten. Die Rettung könnte schon am nächsten Tag kommen und die Tötung damit umsonst gewesen sein. Oder die Schiffbrüchigen werden gar nicht gerettet, dann müssten sie ohnehin sterben. Der Kannibalismus macht nur Sinn, wenn es darum geht, wenigstens die nächsten Tage zu überstehen und wenn Hoffnung auf Rettung besteht.

Dieses Buch ist leider vergriffen.