der blaue reiter


Zeichnung: Jan Tomaschoff



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RENÉ DESCARTES
Ergo sum – Also bin ich

Die gestrige Betrachtung hat mich in Zweifel gestürzt, die so gewaltig sind, daß ich sie nicht mehr vergessen kann, und von denen ich doch nicht sehe, in welcher Weise sie zu lösen seien; sondern, wie wenn ich unversehens in einen tiefen Strudel hinabgestürzt wäre, bin ich so verwirrt, daß ich weder auf dem Grunde festen Fuß fassen, noch zur Oberfläche emporschwimmen kann. Dennoch will ich mich herausarbeiten und von neuem eben den Weg versuchen, den ich gestern beschritten hatte, indem ich nämlich hierbei alles von mir fernhalte, was auch nur den geringsten Zweifel zuläßt, genau so, wie wenn ich in sichere Erfahrung gebracht hätte, daß es durchaus falsch sei. Und ich will solange weiter vordringen, bis ich irgend etwas Gewisses, oder, wenn nichts anderes, so doch zum mindesten das für gewiß erkenne, daß es nichts Gewisses gibt. Nichts als einen festen und unbeweglichen Punkt verlangte Archimedes, um die ganze Erde von ihrer Stelle zu bewegen, und so darf auch ich Großes hoffen, wenn ich auch nur das geringste finde, das von unerschütterlicher Gewißheit ist … Ich setze also voraus, daß alles, was ich sehe, falsch ist, ich glaube, daß niemals etwas von dem allen existiert hat, was das trügerische Gedächtnis mir darstellt: ich habe überhaupt keine Sinne; Körper, Gestalt, Größe, Bewegung und Ort sind nichts als Chimären. Was also bleibt Wahres übrig?

Meditationen über die Grundlagen der Philosophie. (1641)


René Descartes’ Meditationen sind ein Experiment am eigenen Leibe. Wie radikal kann man zweifeln? „Schon vor Jahren bemerkte ich“, schreibt er zu Beginn, „wieviel Falsches ich von Jugend auf als wahr hingenommen habe und wie zweifelhaft alles sei, was ich später darauf gründete…“ Aber die Meditationen beginnen nicht mit einem Zweifel um seiner selbst willen. Denn nichts weniger als ein sicherer Ausgangspunkt für eine neue Philosophie soll gefunden werden. „…darum war ich der Meinung“, fährt Descartes fort, „ich müsse einmal im Leben von Grund auf alles umstürzen und von den ersten Grundlagen an ganz neu anfangen…“ (Meditationen, 37) Wie wir alle längst schon wissen, findet er das Fundament für seine Neukonstruktion in der Formel „Ich denke, also bin ich“. Selbst noch im äußersten Zweifel zeigt sich mit absoluter Gewissheit, dass doch wenigstens ein Ich als Subjekt dieses Zweifels existieren muss. Nicht erst wir heutigen Leser kennen längst diese Pointe seiner methodischen Skepsis, bevor wir auch nur eine Seite der Meditationen gelesen haben: Schon für den zeitgenössischen Leser hatte der Autor dem Buch eine Zusammenfassung seiner Argumentation vorausgestellt. Dass wir nicht im Abgrund des erkenntnistheoretischen Nihilismus versinken werden, wenn wir mit Descartes zu zweifeln beginnen, ist also vorab gesichert; die Stelle im Text, wo wir erfahren, dass wir unzweifelbar existieren, weil wir zweifeln, kommt so sicher wie das Amen in der Kirche und das „To be or not to be“ im Hamlet.
Das Ergebnis der radikalen Skepsis ist mager genug: ein inhaltsleeres Ich, das seiner selbst gewiss ist, ein reiner Geist, „der … von jeglichem Begriff des Körpers durchaus verschieden ist“ (Meditationen, 8). Das Ich wird zwar zum archimedischen Punkt der Erkenntnis, von dem aus Descartes die Welt neu aufbauen will. Doch die (Re-)Konstruktion unserer Erkenntnisse auf diesem letzten Grund gerät selbst zu einem mindestens so zweifelhaften Unterfangen, wie es all die gestürzten vermeintlichen Gewissheiten zuvor waren, denn sie gleicht dem Versuch, eine Pyramide auf ihrer Spitze zu errichten. Ein Projekt, das nur mit Gottes Hilfe gelingen kann. Wir haben, argumentiert Descartes, eine Vorstellung von Vollkommenheit. Da aber keine Wirkung (in diesem Falle: unsere Idee der Vollkommenheit) mehr enthalten kann als ihre Ursache (also uns als Vorstellende, die wir zweifellos unvollkommen sind), muss sie ihre Ursache außerhalb haben, in diesem Falle in der Existenz von etwas Vollkommenem, nämlich Gott. Das heißt, die Vorstellung von Gott als vollkommenem Wesen kann nicht bloß die phantasmatische Hervorbringung eines unvollkommenen Ich sein. Und weil es aufgrund seiner Vollkommenheit auch nicht denkbar ist, dass Gott seinen Geschöpfen, Falsches als Wahres vortäuscht, kann er als Garant dafür fungieren, dass die zuvor bezweifelten Wahrheiten, tatsächlich wahr und nicht bloß Sinnestäuschungen sind, sofern sie uns nur klar und deutlich, das heißt in der Art der unmittelbaren Evidenz der Existenz unseres denkenden Ichs erscheinen. Descartes braucht also den Beweis Gottes, um den zunächst bezweifelten Anspruch des Ichs, die Welt zu erkennen, als letztlich doch gerechtfertigt zu erweisen. Wahre Erkenntnis ist möglich, doch dazu bedarf es einer besonderen Disziplin beim Erkennenden: „…wenn ich nur den Willen beim Urteilen so in Schranken halte, dass er sich auf das allein erstreckt, was ihm der Verstand klar und deutlich vorstellt, so kann ich offenbar nicht irren. Denn ein jedes klare und deutliche Erfassen ist doch zweifellos irgend Etwas und kann demnach nicht aus nichts stammen, sondern es hat notwendig Gott zum Urheber, jenen höchst vollkommenen Gott, sage ich, mit dem Betrug nicht vereinbar ist, und so ist es ohne Zweifel wahr.“ (Meditationen, 52)
Was Sie immer schon über sich und die Welt wussten, aber niemals zu bezweifeln wagten, hat sich im reinigenden Feuer der Skepsis also als wahr erwiesen. Doch einmal von der Blässe des Zweifels angekränkelt, kann das Bewusstsein seine naive Selbstsicherheit nicht mehr zurückgewinnen, und schon gar nicht durch solch fadenscheinige Beweisführung. Das ist der paradoxe Effekt der Letztbegründung, die Descartes unternimmt. Das Gefüge unseres einst unbefragt geglaubten Wissens, aus welchem durch den Prozess der reflexiven Skepsis ein gesicherter Bau von Erkenntnissen werden sollte, wird gerade durch den Versuch seiner endgültigen Sicherung zum Kartenhaus, dessen Bestand einzig noch von Gott höchstpersönlich gewährleistet werden muss.
Aber was geschieht, wenn Gott stirbt? Dann ist das Ich allein in einer Welt, von der es nicht einmal sicher sein kann, dass es sie gibt, geschweige denn, dass sie so ist, wie sie ihm erscheint. Wer einmal die Möglichkeit des radikalen Zweifels ausprobiert hat, vermag auf die Dauer auch Gott nicht davon auszunehmen – auch wenn er damit den Faden durchschneidet, an dem seine Welterkenntnis hängt.
Descartes Meditationen über die Grundlagen der Philosophie von 1641 markieren den Eintritt des philosophischen Denkens in die sogenannte Neuzeit nicht etwa deshalb, weil ihr Ergebnis überzeugt, sondern gerade deshalb, weil sie gescheitert sind. Descartes wollte mit Hilfe Gottes dem erkennenden Subjekt die Objektivität des von ihm Erkannten sichern. Stattdessen hat er uns die Frage nach der Bedeutung des Subjekts als Floh ins Ohr gesetzt. Woher, fragt Descartes, „sollte ich mein Dasein haben? Offenbar von mir selbst, oder von meinen Eltern oder irgend etwas anderem minder Vollkommenen als Gott; kann man sich doch nichts Vollkommeneres, ja sogar nichts gleich Vollkommenes wie ihn denken oder aussinnen. Hätte ich aber mein Dasein von mir, so würde ich nicht zweifeln, keine Wünsche haben, es würde mir überhaupt nichts mangeln; denn ich hätte mir alle Vollkommenheiten gegeben, von denen irgendeine Idee in mir vorhanden ist, und so wäre ich selbst Gott.“ (Meditationen, 39) Warum wünsche und zweifle ich? Weil ich mich nicht aus mir selbst geschaffen habe, weil ich nicht Gott, sondern ein Geschöpf Gottes bin. Das ist die Antwort, die mir Descartes auf die Zunge legt. Aber der Floh in meinem Ohr flüstert: Wenn du aber bloß ein Kind deiner Eltern wärst, wünschtest und zweifeltest du dann nicht? Und der skeptische Floh gibt zu bedenken, dass es außer mir und Gott wenigstens noch ein Paar (wenn nicht mehr!) andere Subjekte auf dieser Welt gibt, und dass all dies auch für meine Erkenntnisse von dieser Welt vielleicht nicht ganz ohne Belang sein könnte.