der blaue reiter


Jochen Hörisch
Der Takt der Neuzeit



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Einleitung

„Es gibt im Leben eine Zeit, wo es sich auffallend verlangsamt, als zögerte es weiterzugehen oder wollte seine Richtung ändern.“ Mit diesem Satz beginnt Robert Musils wunderbare Erzählung Grigia. Es gibt, so lautet die leitende These dieses Essays, in dem, was wir die neuzeitlich-moderne Weltgeschichte nennen, in eigentümlicher Regelmäßigkeit, nämlich im 20-Jahre-Takt, Zeiten, in denen sich die Welt-Ereignisse auffallend beschleunigen und verdichten. Die unübersehbar vielen und bekanntlich hochgradig unordentlichen Geschichten, aus denen DIE Geschichte gewebt ist, geben dann ein neues Ordnungsmuster zu erkennen. Es signalisiert zumindest den einigermaßen wachen Zeitgenossen, dass es wieder einmal Zeit ist, das Weltbild zu ändern.

Um von vornherein Missverständnisse zu vermeiden: Die Abfolge von Ereignissen, die in der weltweiten Medien-Ökonomie der Aufmerksamkeit Beachtung finden, die als „bedeutend“ registriert werden und die sodann ins kollektive Gedächtnis einziehen, ist ersichtlich unordentlich, und sie sorgt für Unordnung. Die Abfolge dieser Ereignisse folgt keiner Partitur, sie ist nicht rhythmisch und nicht getaktet. Der Thronfolger eines Großreichs wird ermordet, und damit fällt am 28. Juni 1914 in Sarajewo der Startschuss zum ersten Weltkrieg. Hitler inszeniert einen Grenzzwischenfall und bricht am 1. September 1939 den zweiten Weltkrieg und mit ihm einen industriellen Massenmord vom Zaun. Ein amerikanischer Präsident wird am 22. November 1963 unter bis heute nicht befriedigend geklärten Umständen erschossen, und die „ganze Welt“ ist erregt. Terroristen, die die Schande des Islam sind, in dessen Namen sie ihre Morde begehen, steuern am 11. September 2001 entführte Zivil-Flugzeuge massenmedien-tauglich in Gebäude mit hohem Symbolgehalt. Die medial aufgerüstete Weltgesellschaft schaut zu und empfindet diesen Tag aus nur zu gut nachvollziehbaren Gründen als ein Datum von welthistorischem Gewicht. Der Tag wird denn auch sofort zum Merk- und Markenzeichen avancieren: 9/11. So lautet bekanntlich auch die Notrufnummer in den USA.

Historische Ereignisse, etwa Revolutionen, Attentate, Putsche und Friedensschlüsse, sind planbar, aber von denen, die an dieser Planung nicht beteiligt sind, unvorhersehbar. Ihre Effekte sind ebenfalls unabsehbar. Schon lange vor Brechts Dreigroschenoper-Weisheit „Ja, mach nur einen Plan/Sei nur ein großes Licht./Und mach dann noch ’nen zweiten Plan,/Geh’n tun sie beide nicht“ kann man wissen, dass Pläne im Kleinen wie im Großen systematisch ihr Ziel verfehlen. Ereignisse haben aus der Perspektive der Betroffenen und der Beobachter überraschend statt. Ihr „Sinn“ ist es aus der Perspektive derer, die sie inszenieren, ja auch, den absehbaren Gang der Dinge aufzuhalten, umzukehren oder in eine andere Richtung zu lenken. Dennoch sind historische Ereignisse häufig von Zufällen kaum zu unterscheiden. Attentate können misslingen, Putsche können scheitern, Streiks können kollabieren. Die Reaktionen der Betroffenen oder der Zuschauer auf inszenierte Ereignisse mit hohem Signalwert können gänzlich anders ausfallen, als die, die da Akteure der Geschichte zu sein glauben, es konzipiert haben. (...)