der blaue reiter


Jürgen Große
Durch Tag und Nacht



Leseprobe im Buch-Layout herunterladen

Durch Tag und Nacht > zurück zur Übersicht

 




Mitternacht

Einige Jahre habe ich gut schlafen können, längst vergessen ist die Zeit. Seit ich denken kann, wünsche ich sie zurück, vergeblich. Dieses Dunkel ist nicht zu fassen. Seit ich denken kann, liege ich wach. Ich habe es in allen Städten und Landschaften versucht, nirgendwo konnte ich Schlaf finden. Zuletzt bin ich in diesem verlassenen Dorf geblieben. Die meisten Häuser, äußerlich noch in Ordnung, sind unbewohnt, ich lebe im einstigen Pfarrhaus. Man sieht ihm von außen nicht an, dass Leben darin ist. Ein Leben ist es eigentlich auch nicht, was ich führe. Es fehlt sein Schatten, der Schlaf. Tag und Nacht sitz’ ich im Dämmer des Hauses, bei der Lampe. Immerzu bin ich in Bewegung, doch ich ermüde nicht. Wovon auch? Ich muss ja nicht Anlauf holen, um in Bewegung zu kommen, ich rege mich schwunglos. Allen Nimmermüden geht es so, ich weiß. Bewegung kann auch sein, wo kein Leben ist. Bewusstsein kann sie bekommen von sich, sobald nur neben ihr noch anderes bewegt ist. Solche Bewegung habe ich vor Augen. Ein Uhrturm ist direkt vor meinem Fenster in den Friedhof gesetzt. Die Glocke schlägt alle halbe Stunde. Jeder Schlag gleicht dem andern. Jede Stunde weiß ich, wie ich dran bin mit meiner Schlaflosigkeit: immer an derselben Stelle. Der Glockenton ist tonbandfixiert, reines Technikerwerk. Die Techniker haben das Dorf nicht wieder aufgesucht nach dieser Installation, sie haben die Gegend verlassen wie auch all die Pfarrer, die sie einst herriefen wegen der Türme. Die Landschaft ist voll von freistehenden Glockentürmen. Die Wirtschaft, die Technik, die Geistlichkeit haben sich für immer zurückgezogen aus diesem Land. Ihr Wille, ihre Verständigkeit, ihr Fleiß haben alles so eingerichtet, wie es nun ist. Seit ich mich erinnern kann, höre ich diesen Stundenschlag, zum Beispiel jetzt, zwölffach. Ist es Tag, ist es Nacht? Muss ich schon müde sein, darf ich es nicht mehr?


Halb eins

Die Einbildung, als einziger zu wachen, während umher alles schläft, hilft einem seltsamen Hochmut auf die Beine: ein Bewusstsein, das sich selbst zu fühlen bekommt, ein Leuchtturm aus Selbstbewusstheit, gebaut aus Wissen um nächtlich niederliegendes Fremdbewusstsein … egomane Erleuchtung angesichts eines Menschenmeers aus Dunkelheit oder bewusstlosem Traumrauschen. Der – bei Tageslicht – aberwitzige Gedanke, dass Bewusstsein etwas sei, das in Lebewesen leuchten könne für sich, das betriebsam sein könne auch ohne Dinge, die zu erleben sind, ohne Sachen, woran es zu kleben komme – bei Nacht wird er zur bequemen Gewissheit. Bewusstsein kann ein Leben haben! Weltverlassenheit bildet einen Zusammenhang! Derlei Glaube an ein unaufhörlich strömendes ‚Bewusstseinsleben‘ und schließlich ein ‚Selbstbewusstsein‘ wird um so fester, je länger die Nacht dauert und einen der Schlaf flieht.
Die Unfähigkeit zu schlafen steht am Ursprung des Selbstbewusstseins. Es ist ein Bewusstsein, dem das Sein entglitt, dem die Sachen ausgegangen sind zu ihrer eigenen Ordnung und das darum nimmermüde sich selbst zugewandt sein muss. Weil es dabei nichts mehr zu sehen bekommt außer eben sich selbst, als schlafloses Bewussthaben all seiner Zuwendungen, verliert es am Ende auch sich selbst aus dem Blick und seine Verlassenheit; hellwach und umnachtet zugleich, meint es alle Welt in sich zu fühlen, weil in sich zusammengelaufen; das nächtliche Vollbad der selbstbewussten Egozentrik dünkt sich dann gar welterweckendes Plantschen einer Urlebendigkeit, lebenspendendes Überlaufen einer überreichen Ichsubstanz. Die schlaflose Selbstgewissheit muss meinen, dass erst sie alles Leben, das wachende wie das schlafende, zusammenbringen werde, im herrlich verkündeten Sonnenaufgang des Selbstbewusstseins. Schon zittert sie vorfreudig dem Tag entgegen, an dem sie ihre Entdeckung mitteilen und eine verschlafene Welt ermuntern wird. Das nächtens auf sich selbst gestoßene Bewusstsein sieht ja, dass all die anderen, all die im Dunkeln sind, auch einsam sind in ihrem Schlafen; wie könnte man die in Schlaf und Traum Vereinsamten anders zusammenbringen denn durch das Licht des Selbstbewusstseins, die Erleuchtung von allem und jedem mit der Einsamkeit, die sich täglich abschütteln kann?