der blaue reiter


Toni Huber
Das Buch vom Stellmacher



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Das Dorf

Hier lebten sie unter ihresgleichen und lebten unter anderen.
Die waren Bauern, Bergleute, Schmiede, Frisöre, Schuhmacher, Förster, Uhrmacher, Postboten, Fleischbeschauer, Schnapsbrenner, Metzger, Gastwirte, Lehrer, Krämer, Bäcker, Sauhirten, Küster, Schneider, Maurer, Holzhacker, Nachtwächter, Grubenschlosser, Bockhalter, Maler, Jäger, Dachdecker, Musiker und Kreisangestellte.
Mitläufer waren darunter, die setzten ihre Füße und Schritte gemäß den Kommandos eines anderen, der hinter ihnen ging. Manche hatten Köpfe, die nach oben spitz zuliefen, so konnten sie unter jedem neuen Regiment leicht Eingang und Unterschlupf finden. Manche hatten große Nasenlöcher; warum? Weil die Luft nichts kostet. Manche besetzten in den hochheiligen Messen das Kirchenschiff mit vom Heiligen Geist geblähten Segelohren, sie segelten dem Heil entgegen wie Geisterfahrer auf der Autobahn. Manche konnten alles beurteilen. Doch sie konnten nicht sagen, was überhaupt passiert war. Manche hatten Schmuck am Nachthemd.
Die aus der Sippe waren, über Generationen hinweg, Bauern und Stellmacher, Bergmänner nur ausnahmsweise. Sie lebten mit den Füßen fest auf der Scholle, mit dem Kopf freischwebend in anderen Gefilden. Sie lebten in Rhythmen, das war ihre schärfste Waffe gegen die Zeit, den großen Widersacher Zeit. Sie hatten keine Angst davor, wie es weiterging, sie arbeiteten daran, dass es höher ging, dass es tiefer ging, mit der Seele, mit dem Fleisch. Sie waren allesamt gewachsen. Sie aßen gut und regelmäßig, sie aßen das Brot, auch wenn es hart war, ein altes Rezept verlieh ihm Dauer. Ihre Möbel waren robust, die waren auch durch soziale Unruhen nicht zu erschüttern. Sie lebten lang, liefen nicht mit, sondern hielten immer wieder inne, waren schwach und wach zugleich, wie die Künstler.
Und ihre Sprache war eigen. Sie rollten das r, das war leichter, als es zu tragen.
Vieles kannten sie nicht: keinen Hochmut, kaum Zorn, wenig Geltungsdrang Selbstmitleid oder Selbstverliebtheit. Sie schmeichelten nicht, sie beschönigten wenig.
Sie erschlugen die Schweine mit der stumpfen Seite der Axt. Sie legten den Kopf auf den Unterarm und schliefen am Küchentisch ein. Sie saßen auf Stühlen, die sich nicht zusammenklappen ließen. Sie glaubten an die Schwerkraft, durch die sie auf dem Boden der Tatsachen festgehalten wurden. Sie trugen auch sommers dicke Hemden aus Flanell, denn was gut war gegen die Kälte, war auch gut gegen die Hitze. Sie schliefen auf Säcken, die mit Stroh gefüllt waren, und später mit dem Gefieder der Hühner. Sie gingen Holzwege, denn auf Asphalt wurden ihre Füße weich. An eine Schöpfung aus dem Vollen glaubten sie nicht. Sie waren aus krummem Holz gemacht, da ließen sich keine Modelle draus schnitzen. Ihre Tage waren vierundzwanzig Stunden lang und fünfundzwanzig Morgen breit, ihre Köpfe waren alle quadratisch. Sie blieben zuhause, in der Nähe ihrer Nahrung, und im Alter fingen sie zu rosten an. Sie besaßen eine eiserne Gesundheit, die hinderte sie am frühen Sterben. Um ihre Stammbäume rankten sich Disteln, Lorbeer und Vergessen.
Der Stellmacher war einer von ihnen. Und auch wieder nicht.

Der Patriarch

Jakobus, der Vater des Stellmachers, war kränklich sein ganzes Leben lang. Er teilte sein Geburtsjahr mit Winston Churchill, saß gerne hinter dem Ofen, sinnierte über die Welt, über Gott und die Menschen und kultivierte seinen Verstand. In jungen Jahren war er an Typhus erkrankt, und der Magen machte ihm oft zu schaffen, mehr als die Feldarbeit, die scheints nie ein Ende nahm. Er lärmte nicht, er strahlte Ruhe aus. In der Ruhe ging so gut wie nichts unter und verloren.
Einen Stapel Landkarten hatte er sich zugelegt, über die saß er mit teils nüchternem, teils abenteuerlichem Blick gebeugt, auch in die Nacht hinein, er vermaß die Welt mit dem Zeigefinger und verschaffte sich einen Überblick über alle Maßen, Abstände, Entfernungen und Nähen. So war er ein Nomade eigener Art. „Die Menschen gehen und gehen und gehen – und wechseln doch nur die Gründe“, urteilte er über die Unentwegten. Und alles, was in Massen auftrat, betrachtete er mit doppelter Vorsicht. „Die Masse hobelt dem Einzelnen in ihr den Mut ab“, sagte er.
Er suchte sein Heil in der Kritik. Auch warnte er früh vor den Führern, er nannte sie Ver-Führer. Er saß zwar die meiste Zeit hinter dem Ofen, aber er hatte die Nase im Wind. Im Sitzen, im Denken, vollzog er den Widerstand. Er wusste: Widerstände wachsen durch Widerstände.
Bescheiden lebte er in seiner kleinen Welt, und wenn er an Grenzen stieß, so stieß er sich nicht daran. Er sagte lieber nein als ja, das Nein sei eine fruchtbare Bombe, bemerkte er einmal. Und die Bescheidenheit verteidigte er mit dem Blick aufs Ganze: „Wann hat man schon einmal das Ganze?“
Der Patriarch war Katholik aus Tradition und ging regelmäßig zur Beichte. Er kniete immer nur auf einem Knie, denn mit dem anderen war er sprungbereit. Zuhause besaß er zwei Hüte, einen schwarzen und einen dunklen. Er trug sie selten, so brauchte er sie auch nicht zu ziehen. Sein Credo war „Genug!“, und kaum je hat er sich etwas gekauft. „Wozu?“, fragte er, und das war schon die Antwort.
Ein merkwürdiger Widerwille verband ihn mit den Bergleuten, die, wie er es ausdrückte, keine Freiheit hatten und schäbige Lohnsklaven waren.
Der Alte ging dem doppelten Beruf des Ackerers und Stellmachers nach, mit einer solchen Bedächtigkeit, dass man schon von außen sehen konnte, dass er kein Freund des Fortschritts war. Auf Ordnung hielt er hie und da, doch alles Militärische lag ihm so fern wie Preußen mit seiner Hauptstadt Berlin. Einmal, um die Jahrhundertwende herum, ging er bei einem Manöver in Bad Homburg an Kaiser Wilhelm II. vorbei und schenkte ihm keinen Blick. „Eine Kleiderpuppe“, bemerkte er verächtlich, „ein Dummkopf im Politischen.“ Ein paar Jahre später erklärte der Kaiser den Russen und Franzosen den Krieg.
Der Patriarch wurde nicht Soldat, doch als Selbstständiger musste er in der Feuerwehr sein. Es war in dieser Zeit, als ihm beim Arbeiten in der Werkstatt ein Holzsplitter ins Auge drang und ihm fortan die halbe Sicht versperrte. „Als ob ein Herz drin sei, so klopft mir manchmal das Auge“, klagte der Alte dann und wann, in leisem, müdem Ton.
Er zeugte noch neun Kinder zu den vieren, die es schon gab, und sah zwei von ihnen frühzeitig sterben, eines durch Krankheit und eines durch Krieg.
Als der Zweite Weltkrieg sich zum Ende neigte, legte sich Jakobus ins Bett, um nicht wieder aufzustehen.
Als er starb, legte er auf dem Sterbebett die Hände in den Schoß und sah die Umstehenden mit ernstem Blick an. „Geht schon, schafft euch fort und macht eure Arbeit!“, keuchte er, „sterben kann ich auch allein.“ Die Umstehenden fingen an zu zittern. „Verschwindet jetzt“, drängte er noch einmal, „ich verschwinde auch.“ Dann verschied er.