der blaue reiter


Stefan Diebitz
Spiel und Widerspiel



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Einleitung

Der Mensch ist das sich selbst bespiegelnde Lebewesen. Das Sich-selbst-Bespiegeln und Sich-selbst-auf-einer-Bühne-Erblicken und damit die anschauliche Begegnung mit unserem Selbst als einer kleinen Figur in unserem Inneren nennen wir Bewusstsein.
In unserem Bewusstsein stehen wir uns selbst gegenüber. Wir begeben uns in Distanz zu uns selbst und betrachten uns aus der Entfernung, wir setzen uns ab von uns selbst, finden uns fremd und wissen doch, dass wir das sind, der dort herumläuft, spricht oder auch nur der Welt zusieht. Allein in dieser Weise kann man sich selbst ansprechen, indem man sich selbst fremd wird und dennoch sich selbst wiedererkennt, und allein so kann man sich selbst erziehen und bilden, indem man sich selbst erblickt und mit sich selbst nicht einverstanden ist.
Nicht alles und jedes in uns ist uns bewusst. Selbst der bewussteste Mensch weiß nur um einen Bruchteil all jener Vorgänge, die sich in seinem Innern abspielen. Manches geschieht bewusstlos, und wir wissen nicht einmal, dass und wie es geschieht. Anderes geschieht unbewusst, ohne unser Zutun. Keinesfalls immer besitzen wir also Bewusstsein, denn nicht immer stehen wir uns selbst gegenüber. Deshalb war niemand in jeder Phase seiner Vergangenheit seiner selbst bewusst, sondern jeder musste es erst lernen, auf sich selbst zurückzuschauen, sich selbst zu erkennen und sich in sich selbst wiederzufinden. Erst mit diesem Vermögen setzt das Erinnerungsvermögen ein, und erst von diesem Moment an ist man auch ein moralisches Wesen.

Was folgt aus der Tatsache unseres Bewusstseins? Was an dem, was uns als Menschen auszeichnet, ist auf das Bewusstsein zurückzuführen? Was an uns ist auf das Bewusstsein als auf sein Fundament angewiesen? Und wodurch unterscheidet sich ein Wesen mit von einem Wesen ohne Bewusstsein?
Bei diesen Fragen gerät nicht allein der Unterschied zwischen Tier und Mensch, sondern auch jener zwischen Pflanze und Mensch in den Blick, denn unser Körper besitzt neben animalischen auch pflanzliche Aspekte. Im Rückgriff auf die Ontologie Nicolai Hartmanns und seine Schichtenlehre lässt sich eine Philosophie des Menschen aufstellen, die in wesentlichen Punkten die Einsichten des philosophischen Mainstreams unserer Tage hinter sich lässt. Vor allem kommt es darauf an, die Schichten des Seins im Menschen selbst genau zu unterscheiden und in ihrer Bedeutung für sein Erleben wie für sein Handeln und Denken zu werten. In dieser Hinsicht lässt sich an so bedeutende Werke wie Helmuth Pleßners Die Stufen des Organischen, Max Schelers Die Stellung des Menschen im Kosmos oder Viktor von Weizsäckers Der Gestaltkreis anschließen. Letzterer hat die Einheit von Bewegung und Wahrnehmung als erster systematisch beschrieben, und diese Einheit, die in Weizsäckers Beschreibung auf den Menschen als ein animalisches Wesen zielt, lässt sich auf andere Aspekte sowohl seiner selbst wie überhaupt der ganzen Natur übertragen. Besonders gilt das für das Widerspiel von Wahrnehmung und Ausdruck, das bereits das gesamte animalische Leben durchzieht.

Bewegung und Wahrnehmung bilden in ausnahmslos jedem Lebewesen eine unlösbare Einheit, denn sie sind in ihrem Wesen aufeinander bezogen: die Sensibilität entspricht den Ausdrucksmöglichkeiten und der Bandbreite des Verhaltens. Ihr Maß ist die Intelligenz, die sich nicht auf intellektuelle Aspekte reduzieren lässt, sondern alle Bewegungen umfasst, zu denen auch die Gefühle und ihr Ausdruck gezählt werden müssen; intelligente Wesen bewegen sich schnell, leicht und geschickt, sie sind aufmerksam, sensibel und weltoffen, Leib und Verhalten sind expressiv und variabel. Damit ist noch gar nicht das spezifisch Humane erreicht, denn alle diese Beschreibungen gelten bereits für das Tier.
In diesem Zusammenhang wird wesentlich, dass die Biologie des 20. Jahrhunderts in höchst einseitiger Form den Lebenstrieb in den Mittelpunkt aller Überlegungen gestellt hat. Tatsächlich kennt der Strom des Lebens aber zwei Quellen, neben dem Willen zum Leben noch die „Erscheinung im Lichtfeld“, wie es der Zoologe Adolf Portmann ausgedrückt hat. Es macht tief nachdenklich, dass die Theorien, die den Willen zum Leben in den Mittelpunkt stellen, eine unüberschaubare Fülle von biologischen Erscheinungen überhaupt nicht zu erklären vermögen, ja sich nicht einmal darum bemühen. Tatsächlich aber ist es der Ausdruck, der uns auf der Ebene des animalischen Lebens einen ganz wesentlichen Zugang zu allen Aspekten des Lebens verschafft, denn der Ausdruck ist als Bewegung immer an die Wahrnehmung geknüpft (ihr Verhältnis zueinander ist gegensinnig, nach einem Wort Pleßners) und damit eine Erscheinung des ganzen Tieres, nicht allein eines ausgewählten Aspekts.