der blaue reiter


Robert Zimmer
Leben als Versuch und Irrtum



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Lebenskunstphilosophie im Popperland

Der vorliegende Essayband verdankt sehr viel der Philosophie Karl Raimund Poppers, des Begründers des kritischen Rationalismus. Für Popper war die Vernunft das wichtigste Werkzeug, das wir zum Zweck der Weltorientierung besitzen. Er war und blieb ein Spätling der Aufklärung. Anders als die gerade in der deutschen Philosophie unübersehbare Zahl von Aufklärungsgegnern unterstellen, war die Aufklärung jedoch nie blauäugig vernunftgläubig. Vielmehr gehörte die Kritik einer „reinen Vernunft“, wie Immanuel Kant dies formulierte, zu ihren vornehmsten Zielen. Auch Popper redete keiner unbegrenzten Vernunft das Wort. Er wies immer wieder auf ihre Beschränkungen und ihre Fehlbarkeit hin. In der Tradition Kants plädierte er für eine „kritische“ und das heißt auch „selbstkritische“ Vernunft – eine Vernunft mit eingebauter Kritikbremse.
Als Popper 1994 starb, hatte er jedoch vermutlich kaum eine Stunde seines Lebens dem Thema Aufmerksamkeit geschenkt, das in den folgenden Aufsätzen im Mittelpunkt steht. Philosophie der Lebenskunst, das Nachdenken darüber, auf welche Art ein Leben gelingen und wann es als erfüllt angesehen werden kann, stand nicht auf der Agenda in jenem philosophischen Milieu, in dem Popper aufwuchs und in dem er sich auch später bewegte. Popper, der die britische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, die meisten seiner Werke in englischer Sprache schrieb und von der englischen Königin zum Ritter geschlagen wurde, stammt aus Wien – ein für die Philosophie der Moderne besonderer Ort. In Wien versammelten sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Philosophen und Wissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen, um darüber nachzudenken, wie man die Philosophie vom Geruch der weltfremden Spekulation befreien und ihr eine wissenschaftliche Grundlage geben könne. Dieser sogenannte Wiener Kreis schrieb Geschichte, indem er die Philosophie verpflichtete, ihre Thesen an der Erfahrung zu testen und sie auf logische Widerspruchsfreiheit hin zu überprüfen. Es erstaunt nicht, dass die Mathematik und die empirischen Naturwissenschaften den Philosophen des Wiener Kreises thematisch und methodisch näher standen als die Geisteswissenschaften. Popper war kein Mitglied des Wiener Kreises, aber er kannte dessen Mitglieder gut und war mit einigen von ihnen eng befreundet, auch wenn er deren Denken immer wieder kritisierte. Die Fragen und Diskussionen des Wiener Kreises haben ihn geprägt und er hat sie auf seine Art aufgenommen.
Auch für Popper rückte das Verhältnis der Philosophie zu den Wissenschaften in den Mittelpunkt, auch er lehnte jene Art von theologisch geprägter Metaphysik ab, wie man sie zum Beispiel im Deutschen Idealismus, in den sprachlich hoch komplizierten Werken Fichtes, Schellings und Hegels besichtigen kann. Auch er beschäftigte sich mit der Frage, wann eine Theorie „wissenschaftlich“ genannt werden kann. Die Antwort gab er in seinem frühen Hauptwerk Logik der Forschung, mit dem er zum bedeutendsten Wissenschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts wurde. Eine Theorie ist nach Popper dann wissenschaftlich, wenn sie für Kritik offenbleibt und sich potentiell durch die Erfahrung widerlegen, das heißt „falsifizieren“ lässt.
Dieses Thema beschäftigte Popper ein Leben lang. Was ihn als Philosoph vornehmlich interessierte, war das Abenteuer des menschlichen Wissens und der Weg, auf dem die menschliche Erkenntnis der Welt fortschreitet. So vertrat er die These, dass jede Philosophie im Grunde „Kosmologie“ sei, der Versuch also, unser Universum, seine Entstehung und Entwicklung, zu deuten. Er stand damit in einer Tradition, die bis zu den frühgriechischen Philosophen zurückreicht. Entsprechend galt sein vornehmliches Interesse immer wissenschaftstheoretischen und erkenntnistheoretischen Fragen.
Popper hielt an dem Glauben fest, dass die Vernunft der Motor aller Erkenntnisprozesse ist. Sie macht Probleme ausfindig und entwickelt Theorien zu ihrer Lösung. Doch die Vernunft muss sich ihrer Begrenzungen bewusst bleiben: Alle ihre Theorien bleiben hypothetisch, also vorläufig. Mit den Konzepten der „Kritik“, der „Offenheit“ und der „Falsifizierbarkeit“ hat Popper sowohl die Beschränkungen als auch die Möglichkeiten dieser Vernunft umschrieben. Beide finden Ausdruck in der Art, wie nach Popper menschliche Erkenntnis fortschreitet: in einem Prozess des Versuchs und Irrtums. Der „Versuch“ enthält den kreativen Anteil der Vernunft: den Entwurf einer Problemlösung. Der „Irrtum“ markiert ihre Grenzen: Problemlösungen sind endlich und revidierbar. Popper ist ein Rationalist, aber eben ein kritischer Rationalist.
Die Zeitläufte brachten es mit sich, dass Popper diese Konzepte auch auf anderen Gebieten der Philosophie zur Anwendung brachte. Dass er durch sein Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde auch zu einem höchst bedeutenden politischen Philosophen und Theoretiker der Demokratie werden würde, war der Tatsache geschuldet, dass er sich genötigt sah, sich während des Zweiten Weltkriegs mit zwei mächtigen totalitären Diktaturen auseinanderzusetzen: dem nationalsozialistisch geprägten Faschismus und dem stalinistisch geprägten Staatssozialismus. Popper gehört neben Hannah Arendt zu den großen Kritikern des Totalitarismus, auch wenn er selbst diesen Begriff nicht verwendet hat. Als Gegenmodell entwickelte er das Konzept der „offenen Gesellschaft“ – einer Gesellschaft, die „offen“ bleibt für Kritik, Revisionen und Veränderungen und diejenigen, die Macht haben, immer unter Kontrolle hält. Die offene Gesellschaft braucht deshalb Institutionen, die es ihr erlauben, Kritik in Verbesserungen und Reformen umzusetzen, und die davor schützen, dass sich Machtstrukturen verfestigen.
„Offenheit“ blieb ein Schlüsselkonzept seiner Weltdeutung. Im Zusammenhang seines Werks hat dieser Begriff mehrere Bedeutungen. Zuweilen liegt die Betonung auf „Transparenz“, oft aber auf „Unabgeschlossenheit“ im Sinne eines „offenen Endes“. Nicht zufällig nannte Popper auch seine Autobiografie Unended Quest – „Unabgeschlossene Suche“, ein Titel, der im Deutschen leider etwas irreführend mit „Ausgangspunkte“ übersetzt wurde. „Unabgeschlossenheit“ bedeutet für jeden philosophischen Problemlösungsversuch, dass wir nie an den Punkt kommen werden, wo wir sicher sein können, die Wahrheit einer Theorie bewiesen zu haben. Und ebenso wenig werden wir je sicher sein können, die ideale Gesellschaft geschaffen zu haben. Wir können uns lediglich in die richtige Richtung auf den Weg machen – auf einen Weg, der nie endet.
In seinen späteren Schriften hat Popper nicht nur den menschlichen Erkenntnisprozess und die Struktur einer demokratischen Gesellschaft, sondern auch die Entwicklung des Universums und die Entwicklung des organischen Lebens als „offen“ bezeichnet. Fragen der Lebenskunst rückten hingegen nie in seinen Fokus. Dies bedeutet aber keineswegs, dass kritische Rationalisten dieses Thema links liegen lassen müssen. Dass von der These offener Welt- und Lebensprozesse ein direkter Weg zu einer „kritisch-rationalen“ Philosophie der Lebenskunst führen kann, ist in einem der folgenden Essays in direktem Anschluss an Poppers Philosophie ausführlicher behandelt.“ Zeugnis davon liefert aber im Grunde der gesamte vorliegende Band.
Der Verfasser dieser Essays fühlt sich im Popperland, dem Territorium des kritischen Rationalismus zu Hause. Er ist dort jedoch, metaphorisch gesprochen, eingewandert. Während die kritisch-rationalen Ureinwohner sich ganz überwiegend Popper über erkenntnis- und wissenschaftstheoretische und einige andere sich über soziologische oder politiktheoretische Fragen näherten, kommt der Verfasser aus einer philosophischen Gegend, in der Themen wie „Selbstverwirklichung“ und „gutes Leben“ im Mittelpunkt standen. Von anderen Popperianern unterscheidet er sich deutlich durch seine philosophische Herkunft und Sozialisation. Die Ethik der hellenistischen Philosophenschulen, die Weltklugheitsreflexionen der Moralistik, das existenzphilosophische Fragen nach der Selbst-Findung und Selbst-Verwirklichung – all dies hatte den Verfasser schon lange beschäftigt, bevor er nur eine Zeile Popper gelesen hat. Im Lande Poppers wiederum galten solche Themen als eher exotisch.
Andererseits haben dort, wo Fragen der Lebens- und Handlungsorientierung groß geschrieben werden, nur ganz wenige etwas von dem kritischen Rationalismus Poppers gehört. Bis heute findet sich in der schier unendlichen Fülle von Schriften zum Thema Lebenskunst, mit denen die philosophische Diskussion inzwischen überschwemmt wird, kaum eine Spur von Popper. Die Vorstellung, man könne ausgerechnet aus dem für seine analytische Kühle und seine wissenschaftstheoretisch ausgerichtete Orientierung bekannten Popperland Anregungen für eine Philosophie der Lebenskunst erhalten, scheint für viele bis heute völlig abwegig zu sein.
Ein Sinn des vorliegenden Bands besteht darin, genau dies zu widerlegen. Er ist das Ergebnis einer Begegnung der philosophischen Theorie der Lebenskunst mit dem kritischen Rationalismus, eine Begegnung, die vorher nirgends stattgefunden hat. Er wird inspiriert von der Einsicht, dass gerade Poppers Werkzeugkasten die Instrumente enthält, mit denen man die gesamte Lebenskunstdiskussion aus der Sackgasse führen und in eine fruchtbare Richtung lenken kann. An die Stelle einer vorgegebenen und angepriesenen Lebensform tritt nun eine „Lebensmethode“, die jedem Einzelnen wie ein Kompass in die Hände gegeben werden und mit dessen Hilfe jeder in seine eigene Richtung marschieren kann. Mit Popper kann man die Lebenskunst zu einer ebenso rationalen wie offenen Übung machen.
Warum dies ein sinnvolles Projekt ist, zeigt ein Blick auf die Geschichte der Philosophie der Lebenskunst. Von der Ethik der Antike bis heute offenbart sie nämlich eher den medizinphilosophischen Charakter eines Therapieprogramms. Es entsteht der Eindruck einer riesigen lebenstherapeutischen Apotheke mit einem schier unübersehbaren Vorrat von Heilmitteln, auf die man je nach Rezeptur zugreifen kann. Es sind jedoch Rezepturen, die sich weniger an konkreten Lebensverhältnissen, als vielmehr an den philosophischen Weltdeutungen ausrichten, in die sie eingebettet sind. So gingen die großen Philosophenschulen der Spätantike ebenso wie die christlichen Philosophen des Mittelalters von einem umfassenden vernünftigen und harmonisch geordneten Kosmos aus, als dessen Teil wir uns zu verstehen haben. Lebenskunst heißt hier, uns in diese Vernunft- oder Schöpfungsordnung einzufügen. Die dafür philosophisch geadelte Lebensform war die vita contemplativa, ein Leben, das sich in Muße der Meditation und Kontemplation widmet. Dem gegenüber hat die europäische Neuzeit das Ethos der Arbeit und der vita activa hochgehalten: An die Stelle des kontemplativen Weisen trat der produktive homo faber, derjenige, der sein Menschsein nicht nur durch nützliche Arbeit rechtfertigt, sondern sich darin auch verwirklicht. Die Tugenden des erfüllten Lebens wechselten ebenso wie das angebotene Menschen- und Weltbild. Eines hatten sie jedoch gemeinsam: Der Mensch sollte nicht frei über seine Lebensform entscheiden, sondern zur Einsicht in die angebotene, vernünftige und richtige Lebensform gebracht werden. Doch inzwischen ist die Koppelung der Lebenskunst an eine für alle gültige Seinsordnung ebenso fragwürdig geworden wie der Rückgriff auf eine festgelegte menschliche Natur, aus der bestimmte Lebensregeln abzuleiten wären. Der Mensch ist, wie Friedrich Nietzsche zu recht zu Bedenken gibt, ein „nicht festgestelltes Tier“. Im Verlauf der Kulturgeschichte hat er ein Bewusstsein als Individuum und das Bewusstsein über die Möglichkeit einer autonomen Lebensführung gewonnen. Deshalb wird er sich auch nicht von weltanschaulichen Vorentscheidungen bestimmen lassen, wenn es darum geht, den für ihn geeigneten Weg zu einem gelungenen Leben zu finden. Der Mensch braucht keine therapeutische Lebenskunstapotheke, weil jeder nach seiner eigenen Rezeptur leben muss.
Eine kritisch-rationale Philosophie der Lebenskunst trägt dem Rechnung. Sie ist nicht nur vernunft- sondern auch erfahrungsorientiert und hat die Einsicht verinnerlicht, dass es so viele Formen des Glücks gibt wie es Individuen gibt. Warum sollte auch jeder Einzelne „Seelenruhe“, „Gelassenheit“ oder ein engagiertes, aktives Leben anstreben? Waren die früh gestorbenen, leidenschaftlich und bis zum Anschlag lebenden jungen Kreativen – von den Romantikern Percy Bysshe Shelley und John Keats bis zu den Pop-Ikonen Jimi Hendrix und Jim Morrison – etwa unglücklich? Ist es nicht vielmehr so, dass sie genau das Leben geführt haben, das sie wollten und in dem sie Erfüllung gefunden haben? Ebenso wenig sollten wir jene Einsiedler und Aussteiger belächeln, die zu allen Zeiten sich in die Einsamkeit zu einem asketischen und meditativen Leben zurückgezogen haben. Ein „engagiertes“ Leben sieht vielleicht anders aus, doch auch in der Einsamkeit ist ein erfülltes Leben möglich. …