der blaue reiter


Stefan Diebitz
Glanz und Elend der Philosophie



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Einleitung

Steter Tropfen höhlt den Stein. Im Lauf der Jahrzehnte unterlag die klassische Philosophie dem Ansturm einer aggressiven Bewegung, die niemals Philosophie sein wollte, ja sogar die Philosophie abzuschaffen gedachte, obwohl sie sich bis heute analytische Philosophie nennt und ihre Vertreter philosophische Lehrstühle besetzen. Längst ist die Philosophie von den Höhen vertrieben, auf denen sie sich in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts befand, als ein heute klassisches Werk nach dem anderen erschien und interessierte Kreise gar nicht mit der Lektüre nachkamen. In unsere elenden Tage hat sich kaum etwas von dem Glanz und der Gedankenfülle gerettet, welche die philosophische Literatur dieser Epoche auszeichneten. Dabei wurde niemals zuvor Universitätsphilosophen derart viel Aufmerksamkeit geschenkt wie heute, da sie immer wieder zu aktuellen Fragen in Anspruch genommen werden. In den großen Tages- und Wochenblättern kommen sie regelmäßig zu Wort, und in mitternächtlichen Diskussionsrunden des Fernsehens bilden sie erlesene Kreise von stiller Größe und edler Einfalt. Die großen Köpfe der Vergangenheit dagegen wurden vielleicht nicht von der Wucht des Angriffes hinweggefegt, sind aber teils vergessen, teils bloßer Teil der Philosophiegeschichte. Gewiss werden Martin Heidegger oder Max Scheler in Seminaren gelesen und diskutiert, selbstverständlich wird über Ernst Cassirer oder Ludwig Klages promoviert und werden ihre Argumentationen „rekonstruiert“, aber es gibt schon seit langem keine großangelegten Versuche mehr, an ihre Fragestellungen anzuknüpfen und ihre Forschungen weiterzutreiben. Eine lebendige Auseinandersetzung mit diesen Denkern findet nicht statt.

Die analytische Philosophie geht auf Ludwig Wittgenstein und sein radikales FrühwerkTractatus logico-philosophicus von 1921 zurück, als dessen vielzitierte Abschlussfanfare wir einen Satz finden, der sich auf den ersten Blick nur gegen nebulöse Formulierungen aller Art zu richten scheint: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“ Dieser zunächst so überaus plausible Satz, der geringfügig variiert bereits im Vorwort auftaucht, ist viel weniger eindeutig, als es zunächst scheint, und besonders seine erste Hälfte erscheint als ziemlich unklar. Wovon sollte man nicht sprechen können? Sind die Bereiche des Sagbaren und Unsagbaren so deutlich getrennt, gibt es wirklich keinen Zwischenbereich? Für die analytische Philosophie, die sich viel auf die Klarheit ihrer Sprache zugute hält, ist die Unklarheit dieses Satzes ein besonders schwerwiegendes Manko. (...)

Es ist merkwürdig, dass das Schweigen oft in Verbindung mit der Weisheit gesehen wird, etwa in dem einst berühmten Roman Die Stadt hinter dem Strom von Hermann Kasack, wo mit dem „Meister Magus“ eine Gestalt aus der Tiefe der Zeiten auftritt, die ihren weisheitstriefenden Sermon mit den Worten „Die Zeit bedarf der Worte, die Zeitlosigkeit bedient sich des Schweigens“ beginnt. Eine andere Belehrung durch den Meister Magus mündet buchstäblich in mümmelndes Gefasel: „‘In den Abgrund‘, meinte Robert zu verstehen, ‚über die Brücke‘, und zum Schluß, wie ein Hauchen, ‚das Gesetz‘.“ Philosophie aber versinkt nicht in Schweigen, sondern spricht, und zwar in klaren Worten, nicht in kryptischen oder bedeutungsschwangeren Andeutungen; sie erläutert mit Hilfe zahlreicher Beispiele oder sucht nach einem besseren Ausdruck, indem sie eine andere Vokabel gebraucht oder das Argument von der anderen Seite aus beginnen lässt; und sie kann ihren Gedankengang sowohl systematisch als auch historisch darstellen.

Dagegen ist es die Mystik, und nicht allein im Verständnis Wittgensteins, die in das Schweigen mündet. Die Philosophie spricht, indem das Denken die Anregungen der alltäglichen Erfahrung oder eines beiläufigen Gesprächs, der Lektüre eines Romans oder auch eines wissenschaftlichen Werks aufgreift und verarbeitet. Dabei gilt als Regel, dass, je weiter entfernt vom Menschen eine Wissenschaft ist und je früher sie sich von der Philosophie getrennt hat, desto weniger sie uns selbst zu sagen hat und der Philosophie zu geben weiß. Physik, Chemie oder gar Biochemie besitzen mit ihren Zahlen, Zeichen und Formeln für die Philosophie keinerlei Relevanz, sondern allenfalls eine negative Bedeutung, insofern sie Irrtümer korrigieren können. Auf einen positiven Beitrag von Atomphysik oder Biochemie wird man vergebens warten, auch wenn die Vertreter dieser Wissenschaften oder im Labyrinth der naturwissenschaftlichen Fakultäten verirrte Philosophieprofessoren hierauf ihre Hoffnung setzen. (...)