der blaue reiter


Toni Huber
Bogotá




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Autopista del Norte

So wie im Gesicht die Nase die Achse der zwei Augen kreuzt, so stehen die Straßen, die Carreras und die Calles, im rechten Winkel zueinander. An jeder Kreuzung findet Paarung statt, der Verkehr ist hier am stärksten. Die Carreras verlaufen von Norden nach Süden, die Calles von Osten nach Westen, eine Straße weist auf die andere, das ist die Ordnung in der offenen Ebene der Savanne.
Der Präsidentenpalast an der Plaza Bolivar ist wahrscheinlich der einzige Präsidentenpalast in der Welt, an dessen Fassade ein Schild mit der Adresse angebracht ist: Carrera 7a # Calle 10.
„Vergiss das Zahlen nicht, wenn du in die Stadt kommst“, heißt es in einem Carrilera-Lied. – Vergiss auch das Zählen nicht.
Die Straßen sind mäßig geteert, mehr gefedert, tote Hühner, Vögel, Hunde am meisten, auch Kühe und Esel, keine Katzen, Vieh, das die Überquerung nicht geschafft hat. Sie bleiben liegen, verfallen und verwesen, Beute, die niemand gejagt hat.
Die Autopista del Norte ist eine der großen Adern Bogotás, im Süden der Stadt hört sie auf den Namen Avenida Caracas, parallel verläuft sie zum nahen Kordillerenstrang im Osten, fast schnurgerade hinaus in den Norden, wo sie ab dem Monument von Los Héroes an der Avenida 78 Autopista del Norte heißt.
Viele Hunde werden hier überfahren, sie liegen herum, sie säumen die Fahrbahnen in beide Richtungen. In Höhe Calle 142 wurde eine Kuh überfahren, das ist gut zwei Jahre her, die Kuh liegt immer noch auf der Autobahn. Tausende von Autos und Lastwagen sind über sie hinweg gefahren, eins nach dem anderen, einer nach dem anderen, und die Kuh liegt immer noch da, niemand, nichts hat sie weggeschafft, oder weggegessen, auch Gott nicht, Gott isst nur Menschenherzen, die Kuh liegt da, wo sie immer liegt, sie wird flacher von Tag zu Tag, sie vergeht fast nicht, fast sieht sie aus, als gehöre sie zur Straße, und eine Unzahl von Autos, die jeden Augenblick über das Tier hinweg rollt, vermag es nicht, es in das Innere der Straße hinein, ins Innere der Erde hinab zu treiben und zum Verschwinden zu bringen.
Eines Tages, wenn alle Hunde durch Überfahrenwerden schon längst ausgestorben sind, wird diese Kuh, am Leben gehalten durch ihren sichtbaren Tod, heiliggesprochen werden.

Die Schildkröte von Tamalameque am Río Magdalena

Hinter mir, nahe am Wasser, wo kleine schwimmende Inseln mit dem großen Strom vorüber trieben, lag ein kleiner, merkwürdiger Garten. Gänzlich im Schatten gehalten durch die weit ausholenden, dicht belaubten Arme eines machtvollen Baumes, hatte er einen Zaun aus Eisendraht um sich gewickelt, besaß aber keine Türen. In seinem Inneren breiteten sich die Reste eines einstmals großen Berges aus alten, leeren Cocacoladosen aus. Der Berg war irgendwann zusammengestürzt und lag als bloßer Haufen da. Eine Schildkröte hauste in dem eingezäunten Gartenquadrat und machte sich am Blech zu schaffen.
Sie schien auf der Suche nach dem Hohen, oder Weiten, denn wieder und wieder erklomm sie den Haufen. Das Ergebnis: Es schepperte, und mehr gab es jedes Mal nicht. Es sah so aus, als sei der Schildkröte neben dem Alter eine Aussichtslosigkeit in ihren Panzer eingemauert, die aus unvordenklichen Zukunftszeiten stammte. Die Füße, der Kopf, auch der Schwanz lugten kaum unter dem Panzerkleid hervor, es war der schiere Panzer, der gegen den Berg aus Blech vorging, welcher lose wie ein Haufen Sand da lag, ohne Fundament und im Zustand wehrloser Zugänglichkeit.
Mühsam stieg die Schildkröte den Haufen hinauf, mühsam gelang ihr der Abstieg. So ging es stundenlang, mit kaum mehr wahrzunehmender Langsamkeit, doch mit umso deutlicher spürbarem Ehrgeiz, und kein gemeinsames Maß zwischen Tier und Blech wollte sich einstellen. Was war das für eine Fortbewegung, was für eine gigantische Langsamkeit, ein Sichrühren fast nur unter dem Panzer, der den Rahmen hergab für dieses seltsame Bild. Die Langsamkeit war dergestalt, dass man meinen konnte, die Schildkröte trage unter ihrem Panzer alle Positionen mit sich, die sie bei ihrem Auf und Ab schon eingenommen hatte, und womöglich alle anderen, die noch einzunehmen sie gewillt war. …