Jürgen Große
Die Arbeit des Geistes



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Die Arbeit des Geistes

 




Geist, Scham, Arbeit

Im Gedanken- und Gefühlssprachschatz von heute scheint es, neben ‚Seele‘, kein unanständigeres Wort zu geben als ‚Geist‘ – man hört und man sagt es nur äußerst ungern, nur in der Not. Kommt diese Sparsamkeit von einer Scheu, einer Scham? Man kann sich mit Grund schämen, ‚Seele‘ zu haben, eine Blöße, die nicht mehr zu decken ist, sobald man sie in Worten oder an Worte verriet; ein Geist wiederum, der nicht nur der eigene ist, ‚das Spirituelle‘, wie man heute angesichts der Unglaublichkeit jeglichen ‚Spiritus sanctus‘ lieber sagt, erweckt Scheu, man möchte da nicht berühren oder berührt werden – die ganze leibseelische Existenz kann an so einer Sonne verdampfen oder verwandelt werden ins Unkenntliche. Gewiss berührt man mit dem Wort ‚Geist‘ stets etwas von solchen scham- oder angsteinflößenden Verwundbarkeiten. Die Ungescheutheit, ja unverschämte Betriebsamkeit jener Arbeit, die ihm und seinen Substituten (dem Fortschritt, der Zivilisation, den vielerlei Wachstümern) gilt, würde das nur bekräftigen: Geistesarbeit, Geisteswissenschaften und allerhand auf sie gebaute Praktiken fühlen sich durch ihren Gegenstand nicht irritiert, eben weil er ein Gegenstand, ein Objekt von Zurichtungen geworden ist. Und doch könnte in der durchschnittlichen Gedanken- beziehungsweise Geistlosigkeit solcher Zurichtungen, solchen Her- und Darstellens von gegenständlichem Geist ja noch Ehrfurcht, wenigstens Furcht vor der unmittelbaren Gewalt des ‚spiritus‘ und der unerbittlichen Zartheit der ‚Seele‘ spuken. Niemand wird auf die Idee kommen, in kybernetischen Ambitionen oder in analytischen Philosophien des Geistes ein Etwas zu vermuten, vor dem man zurückscheuen müsste in zarter Scham. Die Rohheit der Redeweise, die ‚Geist‘ nur in Genitiven auftreten lässt, in Wissenschaften, Grammatiken, Theorien, Philosophien des Geistes, bezeugt den Rückzug von dessen verstörender Potenz. Sie liegt nun in dem Leben selbst, das man ihm zugebilligt hat: der Geist, ‚mit‘ dem sich arbeiten lässt, ist nicht jener, der sich nutzlos und erhaben als höheres, aber unsichtbares Wesen einem aufdrängt oder als eine Geschwulst meldet, die aus fragloser Leibesgesundheit hervorwächst und Leben und Gesundheit und noch einiges andere (sich) fraglich werden lässt in ihrem Sein und Wert. Der Geist, mit dem sich arbeiten und der wiederum für sich arbeiten lässt – jedenfalls behaupten das seine Angestellten, in ihren Anträgen und Bittschriften und Pressekonferenzen – dieser Geist kommt man weiß nicht woher und zehrt man weiß nicht wovon, er wirkt end- und anfangslos. So fürchterlich seine Werke sein mögen, er erweckt niemals Ehrfurcht, er hat etwas Putzmunteres, Aufgeräumtes, Mopsfideles – er ist sich keiner Ursünde oder gar Erbschuld bewusst. Seine geradezu schamlose Unschuld fußt auf der ruhigen Gewissheit, aus einem Stoff, also eigentlich ‚ganz natürlich‘ zu sein; ein Monismus aber hat nichts zu verbergen. Das Gefühl, in ihm könne etwas Bedrohliches oder Schwächendes liegen, wäre ganz und gar fehl am Platze. Er ist eben da, und er fordert nichts anderes, als dass man ihn sein lasse, das heißt, für ihn da sei – ihn fördere, päppele, ‚anerkenne‘. Geistesarbeit bringt bei ihren Angestellten eine Anpassung an ‚Geist‘ zuwege, worin jene zuletzt nicht mehr von ihm zu unterscheiden sind, dies geschieht durch Anverwandlung an die pure Stofflichkeit geistigen Daseins und Wirkens. Stoff kann durch Stoff – anders ist es in Form-Sachen! – aber nicht verneint, sondern nur vermehrt werden, daher die prinzipielle Unabschließbarkeit neben der fast schamlosen Unbefangenheit der geistigen Arbeit. Unbegrenzbarkeit ihrer Ziele, Unerschöpflichkeit ihrer Arbeiter: Geistesarbeit kennt nichts außer sich – und wenn ihre Arbeiter, jenseits definierter Kontexte, so ungern das Wort ‚Geist‘ in den Mund nehmen, dann vielleicht aus einer Ahnung um das Einschränkende, das Arbeitshemmende und Arbeitsrelativierende, das in jeglicher Andeutung des Ursprungs von ‚Geist‘ liegen könnte. Die geistigen Arbeiter scheuen den Geist als eine Gewalt, die begegnen oder sich entziehen könnte, sie schämen sich für ihn als für jene Wunde, die an ihnen selbst niemals aufbrechen wird.