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Veranstaltungsreihe „Neue Heimat“
Heimat ist einer der umstrittensten Begriffe der Nachkriegsgeschichte, ist Inbegriff von Geborgenheit wie Sinnbild für Engstirnigkeit, ist Antrieb zur Bewahrung des Überlieferten wie Triebkraft für Veränderung. Lassen sich Heimat und Welt in einem neuen Verständnis von Heimat versöhnen oder ist die moderne Heimatlosigkeit infolge der Globalisierung unausweichliches Schicksal?
In dieser Veranstaltungsreihe in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Stuttgart diskutieren Prominente aus verschiedenen Bereichen mit dem Chefredakteur des blauen reiters Dr. Siegfried Reusch über das Thema „Heimat“.
Die Veranstaltungen im Einzelnen:
Montag, 3. November:
Edgar Reitz, Regisseur und Filmproduzent, im Gespräch mit Dr. Siegfried Reusch
Dass Heimat zum Modebegriff geworden ist, führt Edgar Reitz darauf zurück, dass wir uns mit unserer so befleckten nationalen Geschichte gerne ein kleines Stück Unschuld erobern würden. In dem deutschen Wort „Heimat“, so Reitz, „schwingt vor allem die Erfahrung mit, dass man sie verlässt oder verloren hat. Wenn man sie durch äußere Einwirkungen und ohne eigenes Dazutun verliert, bleibt ein Schmerz des Verlusts zurück. Aber ich glaube, der Verlust, den man dabei erleidet, ist vor allem der Verlust der Hoffnung, sie verlassen zu können so widersinnig das klingt. Heimatvertriebene werden insofern verletzt, als man ihnen die Entscheidung zu gehen weggenommen hat.“ Die Weggeher, Wegläufer und Heimatlosen bilden für ihn die Hefe der Welt; es sind die Neudenker, die Schöpferischen: Denn „der Preis für Heimat ist ein Verlust an Freiheit“.
Mittwoch, 12. November:
Prof. Werner Sobek, Architekt, im Gespräch mit Dr. Siegfried Reusch
Heimat verbindet Werner Sobek eher mit einer Landschaft als mit einem Haus. Während für viele die Intimität des Elternhauses den Inbegriff von Dauerhaftigkeit und Heimat darstellt, ist er der Überzeugung, dass ein Gebäude, das heute geplant wird, „die Möglichkeit haben muss, mit Anstand zu verschwinden“. Der moderne Mensch ist für ihn nicht mehr an einem festen Platz verortet, sondern wohnt nur noch auf Zeit. Dem Zwang zur Mobilität entsprechend, plant er für die Nomaden der Neuzeit recycelbare Häuser, die sich problemlos in Ihre Bestandteile zerlegen lassen. Ganz aus Stahl und Glas ist sein privates Wohnhaus ein Sinnbild für Transparenz und Offenheit gegenüber der Welt.
Dienstag, 18. November:
Sudabeh Mohafez, deutsch-iranische Schriftstellerin, im Gespräch mit Dr. Siegfried Reusch
Sei es auf Reisen, auf der Flucht oder im Exil nirgendwo wird einem bewusster, was Heimat,
was Herkunft meint, als fern dessen, was Heimat bezeichnet. Den Versuch, die Heimat weg-
zumachen, ihr auszuweichen, entwischen zu wollen, hält Sudabeh Mohafez für albern. Als
Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters im Teheran des Schahs aufge-
wachsen, sieht sie Deutsch zwar als ihre Muttersprache, doch hat die Sprache der alten Heimat unauslöschliche Spuren hinterlassen: „Ich schrieb in der Sprache, die die Menschen, mit denen ich nun leben wollte, verstanden. Aber ich tat es regelbrüchig, nämlich: ich fühlte die Wörter auf Persisch dabei, da konnte ich wieder atmen. Und deshalb sage ich dir nicht, daß ich dich liebe. Ich sage: ich träume dein schwarzes Falkenherz. Ich segne das Ried, über das du fliegst. Ich sage: ich habe diese Menschen gewählt, aber unter ihnen dich. Vor allen andern habe ich dich gewählt. Und mein Gefieder, sage ich, ist so weich wie noch nie.“
Dienstag, 25. November:
Erwin Teufel, Ministerpräsident a. D. und Prof. Hermann Bausinger, im Gespräch mit Dr. Siegfried Reusch
Für Erwin Teufel, ist Heimat mit Herkunft verbunden, hat einen festen Ort, ist nicht Enge,
sondern Tiefe. Werte wie Heimat und Familie verlören in einer global vernetzten Welt nicht
etwa an Wichtigkeit, sondern blieben wenn auch mit zum Teil neuen Inhalten weiterhin
wichtige Orientierungsmarken für die Menschen: „Auch junge Menschen identifizieren sich
mit ihrer Herkunftsfamilie und mit der Gemeinde, aus der sie stammen. Sie kommen immer
wieder dorthin zurück, zu ihren Verwandten oder später dann auf den Friedhof, auf dem ihre
Eltern begraben sind.“ Der Professor für empirische Kulturwissenschaften Hermann Bausinger
hingegen, sieht im Begriff Heimat ein umfassendes, lebensweltliches Synonym für Freiheit im
Sinne von Gestaltbarkeit. Der Heimatbegriff ist für ihn kein politisches Beschwichtigungs-
angebot, keine Besänftigungslandschaft, in der die Spannungen der sozialen Wirklichkeit aufgehoben sind, sondern Aufforderung zur aktiven Einwurzelung: „Denn schon immer, und in unseren bewegten Zeiten mehr denn je, kommt es auf das Wurzelschlagen an, also auf einen Prozess, der festen Halt nicht voraussetzt, sondern erst schafft.“
Die Veranstaltungen beginnen jeweils um 20 Uhr.
Literaturhaus Stuttgart, Breitscheidstr. 4, 70174 Stuttgart, Tel. 0711/22 02 17 3, > Homepage
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