der blaue reiter


Keuchenius: Friedrich Nietzsche, 2003
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der blaue reiter Ausgabe 38 > zurück zur Themenliste

 



Wahnsinn als Schicksal


An einem kalten Januartag im Jahre 1889 irrt Friedrich Nietzsche, noch nicht lange 44 Jahre alt geworden, tanzend und singend durch die Straßen von Turin. Da stellt sich ihm eine Droschke in den Weg, deren ausgezehrter Gaul sich vor Erschöpfung nicht mehr auf den Beinen halten kann. Unbarmherzig drischt der Kutscher auf das am Boden liegende Tier ein. Die Szene erschüttert Nietzsche zutiefst, denn er sieht sich selbst in der geschundenen Kreatur. Er empfindet ihren Schmerz und ihr Leiden, als sei es sein eigenes. Schützend wirft er sich auf das Pferd und umklammert dessen Hals, bis der Kutscher ablässt und seine Peitsche sinken lässt.

Zurück in seiner Kammer, schreibt er an Jacob Burckhardt nach Basel: „Zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott, aber ich habe nicht gewagt, meinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um seinetwegen die Schaffung der Welt zu unterlassen. Sie sehen, man muss Opfer bringen, wie und wo man lebt.“ Burckhardt ist äußerst besorgt und bittet Franz Overbeck, sich um Nietzsche zu kümmern. Dieser reist umgehend nach Turin und schafft Nietzsche nach Basel, wo er ihn in die Nervenheilanstalt Friedmatt einweisen lässt. Bis zu seinem Tode im Jahre 1900 bleibt Nietzsche stumm.
Die Legendenbildung will, dass die Begegnung mit der leidenden Kreatur Nietzsche in den Wahnsinn getrieben hat. So lässt sich die Philosophie Nietzsches einerseits vor dem Verdacht schützen, sie sei schon immer das Produkt eines Wahnsinnigen gewesen. Andererseits wird sie solchermaßen auch von dem Vorwurf protofaschistischer Menschenverachtung befreit. Doch leider hält der Mythos einer kritischen Überprüfung nicht stand. Nietzsche war nicht erst seit Beginn 1889 psychotisch. Welche klinische Diagnose auf ihn zutrifft, ist allerdings umstritten und wird wohl für immer ungeklärt bleiben. Dass die Syphilis eine Rolle gespielt haben dürfte, wird vermutet, obwohl die Wassermann-Reaktion, die sie hätte beweisen können, erst seit 1906 bekannt ist. Die Infektion hätte sich Nietzsche irgendwann um 1865/1866 zugezogen haben können. Doch erst im Sommer 1883 sieht Nietzsche, zutiefst verstört, den Wahnsinn nahen. Er droht, überwältigt von „unbändig gehobener Stimmung“ und erschreckender „Intensität“ der Gefühle den Verstand zu verlieren: „Die kuriose Gefahr dieses Sommers heisst für mich … Irrsinn; und wie ich im vorigen Winter zu einem wirklichen langen Nervenfieber wider alles Vermuthen gekommen bin … so könnte auch das noch passiren, woran ich ebenfalls nie bei mir geglaubt habe: dass mein Verstand sich verwirrt. Man hat mich ein Jahr lang zu einer Gattung von Gefühlen gehetzt … über die ich in der gröberen Form wirklich glaubte Herr geworden zu sein: Rachegefühle und ,ressentiment’s‘. – Und dabei haben sich meine Triebe und Absichten verwirrt und sind labyrinthisch geworden: so daß ich nicht weiß, wie herauskommen.“
Man muss Nietzsches Ahnung ernst nehmen, doch entwertet man damit nicht sein Denken? Sind seine Gedanken dann nicht bloß der Ausfluss eines kranken Gehirns? Oder muss man tatsächlich, um sein Denken zu retten, den Wahnsinn ganz von seiner Philosophie trennen – ihn gar leugnen?
Oder ist es vielleicht möglich, sein Denken als Kampf gegen den drohenden Wahnsinn zu verstehen?

Die Vereinigung von Leben und Denken

Nietzsche wird im Grunde sein Leben lang von einer einzigen Frage umgetrieben: Wie kann man zugleich leben und denken? Das Problem erbt er von drei jungen Wilden, die sich zufällig im Herbst 1790 als Zöglinge des Tübinger Stiftes, einer militärisch straff organi­sierten evangelischen Erziehungs- und Zuchtanstalt, treffen: Friedrich Hölderlin, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Die drei sind vom revolutionären Feuer beseelt, das von Frankreich her kommend auch Süddeutschland erfasst hat: Sie fordern Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Sie fordern das Leben, die Liebe und die Poesie statt Zucht, Gehorsam und Unterordnung. Sie haben ihren Kant gelesen und sie berufen sich auf dessen Freiheitsbegriff, doch gleichzeitig erkennen sie auch die Gefahr, die von diesem Denken ausgeht: Die Forderung nach unbedingter Unterwerfung unter den kategorischen Imperativ (siehe Erläuterung) und die Verdammung jeder persönlichen Neigung als patho­logisch und amoralisch ersticken das Leben und verunmöglichen das Versprechen nach Selbstverwirk­lichung. Man darf die Vernunft, die sich im katego­rischen Imperativ äußert, und das Leben nicht, wie Immanuel Kant es getan hat, als Antagonisten verstehen, sondern man muss sie vereinen. Nur so lässt sich das Absolute erreichen. Schelling und Hölderlin sehen die Kunst als Ort der Vereinigung, Hegel das Selbstbewusstsein, aber alle drei sind der festen Überzeugung, dass die Vereinigung von Leben und Denken erreichbar ist.
Nicht erst im 19. Jahrhundert werden Leben und Denken als Widerspruch begriffen. Die Wurzeln dieser Vorstellung reichen weit in die Antike zurück. Das Leben ist ein Fluss, der sich in dauernder Bewegung ständig verändert. Panta rhei lautet die altgriechische Formel hierfür: In der Natur fließt alles, nur das Denken kann den Fluss des Lebens stillstellen, feste Unterscheidungen einführen, Hierarchien etablieren und Begriffe festlegen. Anders gesagt: Das Leben ist Kontinuität, Fülle, ja Überfluss, Denken ist diskret und zielt auf Unterscheidungen und Ordnung. Zwar ist diese Ordnung notwendig, um zu überleben, aber in ihrem Korsett gehen immer auch verloren: das Leben, die Fülle und die Intensität. Deswegen bleibt über all die Jahrhunderte die Sehnsucht bestehen, die Diskontinuität des Denkens zu überwinden, und zur Kontinuität des Lebens zurückzukehren. Mystisches Erleben, Rausch, Exzess und die Idealisierung der Natur sind Formen, die Fülle des Lebens wiederzugewinnen.

 

Nietzsche sucht das Leben,
die Intensität, die Kraft.

 

Nietzsche trifft dieser Grundwiderspruch härter und persönlicher als andere. Er bereitet ihm buchstäblich unerträgliche Kopfschmerzen. Hegels Optimismus, die Versöhnung durch den geduldigen Gang durch die Widersprüche doch noch zu erreichen, ist längst verflogen. Das so genannte Absolute ist als lächerliche Fiktion im Dienste der Machterhaltung der als bürgerliche Aufklärer verkleideten christlichen Priester entlarvt. Nietzsche sucht das Leben, die Intensität, die Kraft. Doch seine Freiheit ist nicht die Freiheit des Absoluten, seine Freiheit ist die Überschreitung der Grenzen von Vernunft und Moral. Leben ist für ihn mehr als bloß nacktes Überleben. Im Gegenteil: Das Verlangen, das biologische Leben zu sichern, hat die Menschen dazu gebracht, sich unter den Schirm einer sich immer bürokratischer gerierenden Rationalität zu begeben und den souveränen Lebensvollzug gegen ein bürokratisch verwaltetes Leben einzutauschen.
Dies nennt Nietzsche Dekadenz: Der Mensch hat verlernt zu handeln, er reagiert bloß noch. Er ergreift die Möglichkeiten des Lebens nicht, sondern lässt sich von ihm treiben. Er passt sich den Verhältnissen an, statt sie zu zwingen. Er lässt sich vom Leben formen, statt es wie ein Kunstwerk zu gestalten. Der moderne Mensch ist dekadent geworden, beherrscht von der Krankheit des Ressentiments, des reaktiven Gefühls schlechthin. Er ist zerfressen vom Hass auf das Leben.
Der stärkste Ausdruck dieses Hasses auf das Leben ist das Denken: „In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnsystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmü­thigste und verlogenste Minute der ‚Weltgeschichte‘.“
Doch man kommt um das Denken nicht herum. Um in diesem schrecklichen mörderischen Leben zu bestehen, muss der Mensch sich der Illusion hingeben, er könne das Leben erkennen und es beherrschen. Er baut einen Begriffsdom als Damm gegen seine Nichtigkeit, Vergänglichkeit und Orientierungslosigkeit. Vernünftiges Denken und Erkennen sind somit zuallererst Verstellung als Mittel zur Erhaltung des Individuums; Täuschung, um überhaupt existieren zu können und nicht vom Strom des Lebens fortgerissen zu werden.
Nichts verneint das Leben stärker als das Denken. Es reagiert auf das Leben, auf seinen Überfluss, auf seine Gefahren, auf das Leiden, das es erzeugt, auf das Chaos, die Sinnlosigkeit und die Zufälligkeit. Die Vernunft zwingt dem Leben eine Ordnung auf, indem sie Begriffe erfindet, die es berechenbar machen, die Sinn schaffen, um es aushaltbar zu machen. Doch die starre Ordnung erstickt das Leben.
Am schlimmsten ist das Denken der Philosophen. Es entzweit Leben und Denken vollends, weil es die Ordnung der Vernunft auf Dauer stellt und ihr Ewigkeit und Wahrheit verleiht. In dieser Verschleierung ist Vernunft Lüge, „die Lüge der Einheit, die Lüge der Dringlichkeit, der Substanz, der Dauer … Die ‚scheinbare Welt‘ ist die einzige: die ‚wahre Welt‘ ist hinzugelogen.“ Das Leben hat sich fortan den Idealen der Philosophen und der Moral der Priester unterzuordnen – es muss lernen sich selbst zu verneinen. Schuld daran ist Sokrates: „Unsere ganze moderne Welt ist in dem Netz der alexandrinischen Cultur befangen und kennt als Ideal den mit höchsten Erkenntnisskräften ausgerüsteten, im Dienste der Wissenschaft arbeitenden theoretischen Menschen, dessen Urbild und Stammvater Sokrates ist.“ …

Autor: Daniel Strassberg