der blaue reiter


der blaue reiter, Ausgabe 38
ISBN: 978-3-933722-47-8
Preis: 16,90 € (D), 17,40 € (A)



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Wahnsinn, Rausch und Gefühle

Flucht aus dem Bewusstsein?

Wie viel Vernunft liegt im Wahnsinn? Verleiht der Rausch der Vernunft Flügel? Sind Gefühle die bessere Vernunft?
Auf der Suche nach den Geheimnissen des Seins und den Abgründen des Menschen experimentierte auch mancher Denker mit den unterschiedlichsten Stimulantien der Weltverwandlung. „Das Wesentliche am Rausch ist das Gefühl der Kraftsteigerung und Fülle“, ein Zustand „überladen mit Kraft“, analysiert Friedrich Nietzsche vermutlich eigenes Erleben. Der drogenerfahrene Walter Benjamin weiß zu berichten, dass dem, der Haschisch gegessen hat, die Ewigkeit nicht zu lange dauert, und der überaus nüchterne Immanuel Kant vermerkt sachlich: Der wahre Nutzen aller Rauschmittel ist es, „den Menschen die Last, die ursprünglich im Leben überhaupt zu liegen scheint, vergessen zu machen“.

Aus dem Inhalt:

thema


Die Lust auf Rausch
Suche nach Intensität in den Tiefen des Seins?

Das Verlangen nach der vollen Intensität des Lebens macht die Menschen erfinderisch. Selbst Durchschnittsbürger verspüren hin und wieder den Wunsch, ihre gewohnten Tagesabläufe zu durchbrechen. Es gibt eine flügelschlagende Sehnsucht nach rauschartigen Erfahrungen, die über alle Vernunft hinausgehen und die Grenzen der Normalität sprengen. Doch Rausch dient heute eher der Leistungssteigerung und der Unterhaltung, denn der Suche nach Erkenntnis.
Autor: Franz Josef Wetz

Wahnsinn als Schicksal
An einem kalten Januartag im Jahre 1889 stellt sich Friedrich Nietzsche eine Droschke in den Weg, deren ausgezehrter Gaul sich vor Erschöpfung nicht mehr auf den Beinen halten kann. Unbarmherzig drischt der Kutscher auf das am Boden liegende Tier ein. Die Szene erschüttert Nietzsche zutiefst, denn er sieht sich selbst in der geschundenen Kreatur. Er empfindet ihren Schmerz und ihr Leiden, als sei es sein eigenes. Schützend wirft er sich auf das Pferd und umklammert dessen Hals, bis der Kutscher ablässt und seine Peitsche sinken lässt.
Autor: Daniel Strassberg

Zwischen Geist und Gefühl
Die Wiederentdeckung der Wirklichkeit des Leibes

Vernunft und Gemüt gelten gemeinhin als unvereinbare Gegensätze. Ludwig Klages sprach diesbezüglich vom „Geist als Widersacher der Seele“. Doch auch wenn sich Gefühle wie Angst und Verliebtsein unter Verweis auf deren Nutzen im evolutionären Überlebenskampf als vorteilhaft oder gar „sinnvoll“ erklären lassen, so ist doch selbst der rationalste Mensch mitunter von diesen ganz und gar ergriffen, ihnen sozusagen mit Haut und Haaren ausgeliefert. Wie lässt sich dieser Widerstreit auflösen?
Autor: Reiner Wimmer

Die andere Aufklärung
Licht und Schatten der Vernunft der Philosophen

Seit Immanuel Kant „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ zum Wahlspruch der Aufklärung deklarierte, ist klar: Aufklärung heißt Vernunftaufklärung. Doch die letzten Zwecke der menschlichen Handlungen lassen sich nicht durch die Vernunft erklären, denn gerade die Vernunft ist auf die Welt der Gefühle angewiesen, so Henry More.
Autor: Otto-Peter Obermeier

Wenn Mensch und Welt auseinanderfallen
Albert Camus über Sinnverlust, das Absurde und den Selbstmord

Leben ist das beständige Auflehnen gegen die Sehnsucht nach Sinn. Selbstbestimmt, frei und verantwortungsvoll leben wir nur in der Akzeptanz der unauflösbaren Widersprüche des Lebens, nur in der bewussten und beständigen Auflehnung gegen die Sehnsucht nach Sinn, so Albert Camus: „Leben heißt: das Absurde leben lassen.“
Autorin: Bärbel Frischmann

„ver-rückt“
Was ich auf der Reise sah

Ich wollte nicht zögern, doch Maryia hatte alles darangesetzt, mich zurückzuhalten. „Wer warten kann, kriegt alles wieder“, hatte sie versucht, mir einzuimpfen. Dann lockte sie mit Fleisch. „In der Tiefe des Fleisches geht es roh zu, und zärtlich.“ Ich schüttelte den Kopf. Sie sagte: „Dann nimm meine Augen zum Weinen und schone die deinen. Wenn du das ganze Elend sehen willst. Tränen – zum Schwimmen im Sehen.“
Autor: Toni Huber

Der Abgrund der Vernunft
Wie wird das Ich sich seiner selbst bewusst?

Das „Ich“ regiert die Welt! Doch erst die Denker des sogenannten Deutschen Idealismus machen ernst mit der Idee, dass alles Wirkliche in Begriffen von Subjektivität beschreibbar ist. Niemals zuvor ist diese als Ichheit in gleich fundamentaler Weise philosophisch zur Grundform alles Wirklichen erhoben worden. So heißt es in Hegels Phänomenologie des Geistes von 1806: Es kommt „alles darauf an, das Wahre nicht als Substanz, sondern ebenso sehr als Subjekt aufzufassen und auszudrücken“. Hegel denkt das Ich als soziale Einheit mit einem sozialen Körper.
Autor: Jan Urbich

Im Bewusstsein des Augenblicks
Über den Ereignischarakter ästhetischer Wahrnehmung

Wer von den Ereignissen der Welt unbetroffen bleibt, wird auch in der Kunst nichts erkennen. Ästhetisches Bewusstsein bahnt weder einen Weg zu einer höheren Welt noch bietet es einen Ausweg aus den Niederungen unserer Realität. Vielmehr ist ästhetische Wahrnehmung als eine ausgezeichnete Form der Aufmerksamkeit für das Besondere zu verstehen. Sie zielt auf eine Vergegenwärtigung der vielfältigen Möglichkeiten, der Gegenwart eigenen und fremden Lebens anschaulich innezuwerden.
Autor: Martin Seel

Die Last der Vernunft
Dialektik der Aufklärung

Wissenschaft, Technik und Industrie haben die Naturerklärungen des Mythos triumphal (z)ersetzt. Im naturwissenschaftlich-technologischen Welt­bild ist die Besinnung auf die humanen Zwecke der Aufklärung jedoch abhanden gekommen. So verwandelt sich Selbsterhaltung in Selbstverleugnung. Die Wurzeln dieser Paradoxie liegen allerdings viel tiefer als das moderne Denken – so Theodor W. Adorno und Max Horkheimer.
Autor: Gerhard Schweppenhäuser

Alpträume der Vernunft
Über Geisterseher, Mystiker und Philosophen

Das Zeitalter der Vernunft und der Aufklärung war auch das Zeitalter der Gespenster. Während die tonangebenden akademischen Kreise das Ziel verfolgten, die gesamte Wirklichkeit rational zu ordnen und das Licht der menschlichen Vernunft gnadenlos über alles leuchten zu lassen, gewann in zunehmendem Maße auch das Interesse am Irrationalen und Okkulten an Boden. Selbst Philosophen wie Immanuel Kant sahen sich gezwungen, sich mit dem seinerzeit überaus populären „Geisterseher“ Emanuel Swedenborg auseinanderzusetzen.
Autor: Christian Jung

Ist der Glaube an Gott unvernünftig?
Unter Intellektuellen hat der religiöse Gottesglaube weithin einen mise­rablen Ruf. Durch die Bank weg verdächtigen sehr viele den Gottesgedanken, unvernünftig, nichts anderes als bestenfalls irrationales Wunschdenken zu sein. Wer sich an die Erfahrung, insbesondere an die wissenschaftliche Erfahrung halte, der müsse den Gottesgedanken als bloße Fiktion verwerfen, auf den weitere Gedanken zu verschwenden einfach nicht lohne. Aber hat Gott wirklich ausgedient?
Autor: Holm Tetens

Die Leiblichkeit der Vernunft
Der Mensch ist kein reines Vernunftwesen, kein „geflügelter Engelskopf ohne Leib“, denn Geistiges schließt Sinnlichkeit nicht aus und umgekehrt. Die Trennung von Leib und Vernunft, so Ludwig Feuerbach, führt zu einem existenziellen Widerspruch.
Autor: Klaus Mayer

Um Kopf und Kragen
Das Prinzip der Verausgabung bei Georges Bataille und Marquis de Sade

Dass wir ohne Kopf nicht denken können, mag eine Tatsache sein. Doch Georges Batailles und Donatien Alphonse François de Sades Schreiben hat genau dies zum Ziel: die Kopflosigkeit des Menschen, das heißt die Befreiung des Körpers aus dem Gefängnis des Kopfes und den Ketten der Moral. Mit anderen Worten: die totale Verausgabung des Menschen an das Leben.
Autor: Kurt Röttgers


umfrage
Wie vernünftig ist es, vernünftig zu sein?
Mit dem Mikrofon unterwegs in ihrer Schule waren Schüler des Philosophiekurses 11 der Helene-Lange-Schule in Hannover unter Leitung von Stefan Helge Kern.


kolumne
Auf die Dosis kommt es an
Die Wissenschaft hat einen neuen Mythos der Weltentstehung eingesetzt. Sie erscheint uns in Gestalt eines feuerwerksartigen Knalls, Urknall genannt, einer Detonation aus dem Chaos eines unbeschreiblichen Zustands der Ort- und Zeitlosigkeit, die binnen einer Femtosekunde ein kosmisches Triebleben freisetzte. Ob die sprenggürtelbewaffneten Allah-Krieger in der Tiefe ihres wahnhaft irregeleiteten Bewusstseins in dem Funken, mit dem sie die Ladung zünden, jenen Moment nachahmen, von dem ein detonierendes All seinen Ausgang nahm?
Autor: Friedrich Dieckmann


interview
mit Ulla Hahn
Katzenmahlzeit
„Den Ballast der Vergangenheit in Proviant verwandeln“

„Jede Flucht führt in die Lebenswirklichkeit zurück.“ „Poesie ist das Gegenteil von Flucht.“ „Gedichte sind Anstoß zu spielerischer Erfahrung von Freiheit.“ „Gedichte sind Expeditionen in unerforschtes Gelände.“ Und: „Ein jedes Gedicht schreibt der Leser in seinem Kopf zu Ende.“


lexikon
Intelligenz, emotionale
Autor: Andreas Gelhard

Irrationalität
Autor:
Christoph Asmuth

Liebe
Autorin:
Greta Staufenbiel

Zurechnungsfähigkeit
Autor:
Dietmar von der Pfordten


unterhaltung
Bücherrätsel
Autor: Stefan Baur

Haben Sie Probleme philosophischer Art? Dr. B. Reiter sorgt für Aufklärung!
Autor: Dr. B. Reiter
Dr. B. Reiter beantwortet Ihre Fragen auch auf seiner > Facebook-Seite.

Der nicht ganz helle Wahnsinn
„Den Reiz des Verbotenen kann man nur kosten, wenn man es sofort tut. Morgen ist es vielleicht schon erlaubt.“ Warnte Jean Genet. Das waren noch Zeiten! Man konnte ja nicht genug davon kriegen, vom Verbotenen.
Autor: Stefan Reusch


porträt
Auf schwankender Mitte
Blaise Pascal im Porträt

Blaise Pascals Leben ist Zeugnis einer kritischen Arbeit der Vernunft an sich selbst. Als Mathematiker, Ingenieur und Physiker, als Wissenschaftstheoretiker und Philosoph ist er tief eingetaucht in die Kultur von Wissenschaft und Vernunft, war aber zugleich einer ihrer hellsichtigsten Kritiker.
Autor: Robert Hugo Ziegler