der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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der blaue reiter Ausgabe 38 > zurück zur Themenliste

 



Ohne festen Grund


Wahnsinn, Rausch und Gefühle stehen immer im Verdacht, nichts anderes zu sein als Flucht vor einem alles kontrollierenden Bewusstsein. Solche Versuche, aus der vernünftig geordneten Welt des Alltags auszubrechen, begegnen uns in vielerlei Gestalten: Vom mystischen Gefühlserleben bei der Begegnung mit jensei­tigen Mächten über psychotische Wahnvorstellungen aller Art, dem Rauscherleben vermittels Drogen und dem Siegesrausch bis hin zu dem wieder vermehrt zu beobachtenden Blutrausch sind Rausch, Wahnsinn und Gefühle feste Bestandteile aller Zeitalter und Kulturen.
Auf der Suche nach den Geheimnissen des Seins und den Abgründen des Menschen experimentierte auch mancher Denker mit den unterschiedlichsten Stimulantien der Weltverwandlung. „Das Wesentliche am Rausch ist das Gefühl der Kraftsteigerung und Fülle“, ein Zustand „überladen mit Kraft“ analysiert Friedrich Nietzsche vermutlich eigenes Erleben. Der drogenerfahrene Walter Benjamin weiß zu berichten, dass dem, der Haschisch gegessen hat, die Ewigkeit nicht zu lange dauert und William James, Aldous Huxley sowie Ernst Jünger schwärmen übereinstimmend von religiösen Offenbarungserlebnissen in drogeninduzierter Ekstase. Mystiker wie Meister Eckhart glauben gar, durch andauernde Übung und strenge Askese erzeugte religiöse Verzückung leibhaftig in göttliche Sphären vorzudringen und die lebendige Gegenwart des Ur-Einen spüren zu können.
Auch wenn Arthur Schopenhauer dem Menschen attestiert, kein reines Vernunftwesen, kein „geflügelter Engelskopf ohne Leib“ zu sein, beantwortet er die Frage nach dem Rausch doch weniger schwärmerisch. Den Rausch erachtet er lediglich als einen Zustand, in dem der ansonsten durch den Intellekt gezügelte Wille „das Gebiß zwischen die Zähne nimmt“, um durchzugehen. Ist der Wille solchermaßen aus dem die Triebe kontrollierenden Bewusstsein entlassen, sollte man annehmen, dass er sich jenseits aller gesellschaftlichen Fesseln als reines Wollen seiner selbst austoben kann und in den Tiefen des nunmehr frei zugänglich scheinenden Selbst zu neuen Erkenntnissen gelangt. Allerdings findet sich in den Abgründen des menschlichen Bewusstseins Franz-Josef Wetz zufolge zumeist nicht viel Überindividuelles, zumindest nichts, was intellektuell verwertbar wäre. Der Versuch, mit psychoaktiven Substanzen oder entsprechenden Übungen der Vernunft Flügel zu verleihen, eröffne erfahrungsgemäß keine neuen Aspekte der Wirklichkeit. Im Rausch könne man weder Einblicke in unbekannte Sphären des Menschseins erlangen noch zusätzliche Fenster zur Realität aufstoßen. Aber, so fragt er rhetorisch, ist ein bisschen individuelle Freude, selbst wenn diese nur chemisch induziert ist, nicht schon mehr, als manch grauer Alltag zu bieten hat? In der Tat sehnen sich in unserer Amüsier- und Leistungsgesellschaft die meisten weniger nach Weltverbesserung oder tiefsinnigen Wahrheiten wie noch die Hippies der 60er-Jahre, denn nach Linderungsmitteln für die Schmerzen des alltäglichen Konkurrenzkampfs. Entsprechend vermerkte schon der überaus nüchterne Immanuel Kant sachlich: Der wahre Nutzen aller Rauschmittel ist es, „den Menschen die Last, die ursprünglich im Leben überhaupt zu liegen scheint, vergessen zu machen“.
Solchermaßen zeigt sich die vorgebliche Suche nach der vollen Intensität des Lebens als Flucht aus dem Gefühl, den Übermächten der Welt nichts ent­gegensetzen zu können. Den Zwängen einer leibverleugnenden Vernunft, welcher der Körper und dessen Genussvermögen lediglich „Äußeres“ sind, und der unabweisbaren Präsenz des Anderen wird nicht mit Auflehnung, sondern mit der Flucht in die künstlichen Paradiese des Rauschs begegnet. Dabei werden Phasen kontemplativer Betrachtungen des Weltganzen ebenso durchlebt wie orgiastische Delirien voller euphorischer Begeisterung. Auch über abrupte Wechsel zwischen Rückzug in stille Innerlichkeit, niederschmetternde Wahnvorstellungen und extrovertierte Ausgelassenheit bis zur totalen Erschöpfung wird berichtet.
Wenn der Mensch fragt und die Welt vernunft­widrig schweigt, ist dies Albert Camus zufolge jedoch kein Grund zu verzweifeln. Um nicht an der Sinnlosigkeit und dem Leiden in der Welt zugrunde zu gehen, muss man auch nicht den Glauben an wie auch immer geartete jenseitige Mächte bemühen, die auf verschlungenen Wegen vorgeblich Eingeweihten Offenbarungen kundtun. Die Ansprüche der Vernunft lassen sich auch anders befriedigen als durch Einordnung der Zeitläufte in ein übergeordnetes Heilsgeschehen. Markiert die offensichtliche Absurdität des Lebens doch nichts anderes als die Diskrepanz zwischen Mensch und Welt. Erfüllen kann sich Leben nur in der Akzeptanz der Sinnlosigkeit und Absurdität des Lebens selbst. Findet der Mensch seine Freiheit doch gerade darin, dass er sich, losgelöst von allen äußeren Sinnversprechen, seinen Lebenssinn selbst setzt.
Doch für die Frage nach letzter Gewissheit spielen das Bewusstsein und selbst die (reine) Vernunft eine eher untergeordnete Rolle. Wo es sich um letzte Wahrheiten oder gar die letzte Wahrheit handelt, müssen sie zwangsläufig scheitern. Gibt es doch einen Bereich ursprünglicher Gewissheit, vor der alle skeptischen Einwände der Vernunft verstummen müssen: Es sind dies die ersten Voraussetzungen und Annahmen, ohne die kein Denken auskommen kann, so Blaise Pascal. Als genialer Mathematiker, Physiker und Ingenieur selbst tief eingetaucht in die Kultur vernunftzentrierter Wissenschaft, weist er dennoch den „Vernunftgründen des Herzens“ eine wichtige Erkenntnisfunktion zu. Henry More, ein Vorreiter der „anderen Aufklärung“ jenseits des Kanals, sieht die Vernunft gar auf die Welt der Gefühle angewiesen. In dessen Folge konstatiert David Hume: Moralische Missbilligung ist nicht das Werk der Vernunft, sondern des Herzens. Wie Pascal ist er der Überzeugung, dass sich die letzten Zwecke des menschlichen Handelns nicht durch die Vernunft erklären lassen. Diese lenke das Handeln lediglich durch Aufweis der Mittel. Die Motive allen Handelns erkennt er vielmehr in der Neigung, „die Lust und Unlust weckt“. Dementsprechend deutet Otto-Peter Obermeier Kants Wahlspruch der Aufklärung „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ zur Aufforderung um, mit den Mitteln der Vernunft gegen deren Diktate zu denken, und zu einer vernünftigeren Einschätzung der Bedürfnisse der leiblichen Basis des Denkens zu gelangen. Neben der Kritik der reinen Vernunft, der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten und der Kritik der Urteilskraft vermisst er eine Kritik, die den Umgang mit Trieben, Bedürfnissen, Affekten, Neigungen und Emotionen beinhaltet. Belege doch jeder notorische Säufer und pathologische Raucher, dass Vernunft und Logik das Handeln kaum beeinflussen.
Max Horkheimer und Theodor W. Adorno erkennen in der aufklärerischen Denkbewegung eine gefährliche Dialektik. Die Entzauberung der Welt, der Ausbruch aus der mythischen Welterklärung vermittels Göttern und Naturgeistern hin zu rationaler Erkenntnis von Naturgesetzen, sei in den Mythos von Vernunft und Wissenschaft umgeschlagen. Unterschiedslos würden alle Phänomene und Lebensbereiche der wissenschaftlichen Rationalität einverleibt und deren scheinbar objektiver Urteilskraft unterworfen. Anderen Denk- mustern wird konsequent jeder Wirklichkeitsbezug abgesprochen. Doch wenn Vernunft bar jeglicher Anbindung an nicht letztbegründbare Werte unreflektiert waltet, entfesselt sie zerstörerische Kräfte, die selbst die Vertreibung und Vergasung von abermillionen Menschen als zweckrationale Mittel erscheinen lassen können. Gleiches gilt für das Denken des berüchtigten Marquis de Sade. So skandalös dessen Ergebnisse anmuten mögen, sind sie doch typisch für die Denkgesten der Aufklärung, die keine Denkverbote kennt. Deren Verfechter hatten sich das Recht erkämpft, von den Möglichkeiten der individuellen Freiheit Gebrauch zu machen und dementsprechend auch die menschlichen Lüste jenseits jeglicher Gebote von Sittlichkeit und Schamempfinden ausgelotet.
Den Verheerungen, die der Geist anrichtet, könne nur durch Kopflosigkeit begegnet werden, so Georges Bataille. Weil die Natur die Sprache der Leidenschaften und der Verausgabung spreche, ist die Befreiung des Körpers aus dem Gefängnis des Kopfes und den Ketten der Moral erklärtes Ziel seines Schreibens. So wie die Sonne ihre Wärme in das All verströmt, ohne etwas dafür zu erwarten, solle sich der Mensch an das Leben verschwenden. Nicht von ungefähr lautet der Titel eines der grundlegendsten Texte der abendländischen Philosophie Das Gastmahl. Dient doch in allen Kulturen das Fest als institutioneller Rahmen des überschwänglichen Genießens als Möglichkeit, fest gefügte Odnungen zu überschreiten und solchermaßen die Souveränität des Subjekts zu ermöglichen.
In der Tat sind das, was wir Wahnsinn, Rausch und Gefühle nennen, ebenso wichtige Teile des Menschen wie das mit Vernunft Bezeichnete. Gefährlich wird es immer dann, wenn eine der Seiten des Menschseins als absolut gesetzt wird. Weder führen allein Wahnsinn, Rausch und Gefühle zu letzten Gewissheiten noch deren Verleugnung durch sich unfehlbar setzende Vernunft und Rationalität. Auch wenn der Zwiespalt zwischen dem Menschen, der nach Sinn sucht, und einer Welt, aus der sich auch beim besten Willen kein verbindlicher Sinn destillieren lässt, unüberbrückbar ist, bleibt es Aufgabe der Philosophie, den Ausgangspunkten des Denkens, das heißt den Bruchstellen zwischen logischem Schließen und dem Unbeweisbaren, unablässig nachzuspüren und diese immer wieder zu benennen. Wenn solches im Spagat zwischen dem mäßigenden appollinischen Denkvermögen des Menschen und dessen rauschhaft dionysischen Anteilen gelingt, ist schon viel gewonnen. Gelingen kann dies jedoch nur, wenn ein ausschließlich logifizierendes Verständnis von Denken und Erleben aufgegeben wird und wir den Menschen als Wesen zwischen Vernunft, Wahnsinn, Rausch und Gefühlen akzeptieren. Denn nicht jeder Rausch ist eine Flucht aus dem Bewusstsein und nicht jeder Verweis auf die Vernunft eine Leugnung von Gefühlen. Die Ausgangspunkte des Denkens lassen sich leicht wechseln, doch vermittels der Vernunft kann man sich nicht denkend aus seinen Empfindungen stehlen. Auch wenn sich Gefühle wie Angst und Verliebtsein unter Verweis auf deren Nutzen im evolutionären Überlebenskampf „sinnvoll“ in rationale Systeme von Evolution einbauen lassen, sind doch selbst die rationalsten Menschen mitunter von diesen ganz und gar ergriffen, ihnen sozusagen mit Haut und Haar ausgeliefert. Wie so oft liegt zum Leidwesen aller Extremisten das, worum sie sich unablässig zu bemühen vorgeben, eben nicht in eindeutigen, für alle verbindlichen Antworten, sondern in einem schwebenden Zwischen. Ein solches Schweben ist dem Wortsinn nach eine Bewegung ohne festen Grund. Wer sich darauf einlässt, ist dem Verständnis von Mensch und Welt jedoch allemal näher als kompromisslose Verteidiger vorgeblich rationaler Wahrheiten, überempathische Empfindungsverherrlicher und fanatische Gotteskrieger.

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur