der blaue reiter


Antje Seemann: Ernst Haeckel, 2013
Linolschnitt, 46 x 34 cm



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der blaue reiter Ausgabe 34 > zurück zur Themenliste

 



Alle wahre Wissenschaft ist Naturphilosophie

Der Naturforscher und Philosoph Ernst Hae­ckel im Portrait

Mit der Evolutionslehre von Charles Darwin verlieren 1859 die überlieferten Grenzziehungen zwischen Mensch und Tier ihre Gültigkeit, und die Frage nach der Stellung des Menschen in der Natur verlangt nach einer neuen Antwort. Doch ausgerechnet Darwin hält sich in dieser Sache zunächst bedeckt. Ganz anders Ernst Hae­ckel: Wie kein Zweiter nimmt er sich als Zoologe und Philosoph genau dieser Frage an. Und dies hat Folgen: In seinem System der Philosophie ist die Lehre vom Menschen oder die Anthropologie nur noch als Teil der Zoologie möglich.

Ernst Haeckel, geboren am 16. Februar 1834 in Potsdam, gestorben am 9. August 1919 in Jena, war eines ganz bestimmt nicht: ein unbeteiligter und stiller Beobachter seiner Zeit. Als Zoologe, Darwinist, Wissenschaftspopularisator, Religions- und Kirchenkritiker, Monist und Philosoph war er Zeit seines Lebens ein unerschrockener und ausdauernder Streiter für seine Überzeugungen.
Zu Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn erwarb sich Hae­ckel mit seiner ersten Monografie über die Radiolarien (1862) einen Namen als Systematiker der wirbellosen Meerestiere; als überzeugter Darwinist setzte er sich in seiner Rede Über die Entwicklungstheorie Darwins (1863) als einer der ersten Biologen für Charles Darwin ein und führte in seiner Generellen Morphologie der Organismen (1866) die weltanschaulichen Konsequenzen der Evolutionstheorie aus; als Wissenschaftspopularisator machte er mit seiner Natürlichen Schöpfungsgeschichte (1868) und Anthropogenie (1874) auch außerhalb der Universität auf sich aufmerksam; als Religionskritiker polemisierte er gegen die christliche Weltanschauung und bezeichnete den Schöpfergott der Gläubigen als „gasförmiges Wirbeltier“; als Kirchenkritiker spielte er zwischen 1906 und 1914 eine nicht unbedeutende Rolle in der Kirchenaustrittsbewegung; als bekennender Monist (siehe Erläuterung) bot er den Sinnsuchenden mit seiner Rede über den Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft (1892) eine Alternative zur traditionellen christlichen Glaubenslehre an; als Philosoph schließlich legte er mit der schon zu seinen Lebzeiten in etwa dreißig Sprachen übersetzten Schrift Die Welträthsel (1899) einen Weltbestseller vor, der freilich von den Philosophen überhaupt nicht gut aufgenommen wurde: Für den Kantforscher Erich Adickes war Hae­ckel als Philosoph eine Null. Ernst Hae­ckel war also vieles, nur eines war er nicht: unumstritten. Denn dort, wo die einen in ihm den großen Denker verehrten, sahen die anderen nur einen Scharlatan. Und dabei fing alles so harmlos an.
Ernst Hae­ckel wurde in eine angesehene Beamtenfamilie hineingeboren: Sein Vater Carl Gottlob war Oberregierungsrat, seine Mutter Charlotte entstammte einer Familie von Juristen. Die Trauung der Eltern vollzog kein Geringerer als der protestantische Theo­loge und Platonübersetzer Friedrich Schleiermacher. Kindheit und Schulzeit verbrachte der im Sinne eines liberalen Christentums erzogene und stark an Botanik interessierte Hae­ckel in Merseburg. Auf Drängen des Vaters, aber zugleich von diesem großzügig unterstützt und gefördert, studierte er von 1852 bis 1857 in Berlin, Würzburg und Wien Medizin. Als staatlich zugelassener Arzt eröffnete er für kurze Zeit eine Arztpraxis, vielleicht nicht zuletzt zur Beruhigung seines Vaters, und verlobte sich mit seiner Kusine Anna Se­the. Nach fünfzehnmonatiger Italienreise samt Forschungsaufenthalt in Messina habilitierte sich Hae­ckel 1861 als Privatdozent für vergleichende Anatomie an der Universität Jena. Die Forschungsergebnisse von Messina publizierte er 1862 in seiner Radiolarienmonografie, im selben Jahr wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt und konnte endlich heiraten. Doch schon zwei Jahre später, am 16. Februar 1864, seinem dreißigsten Geburtstag, starb seine Frau. Hae­ckel datierte im Rückblick auf diesen Schicksals- und Unglückstag seinen endgültigen Bruch mit dem Kirchenglauben und mit der dualistischen Weltanschauung (siehe Erläuterung). Dass er am selben Tage mit der goldenen Cothenius-Medaille der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina seine erste wissenschaftliche Auszeichnung verliehen bekam, wird ihm damals kein Trost gewesen sein. Emotional verzweifelt, aber wissenschaftlich höchst motiviert, stürzte er sich in den nächsten Jahren in Arbeit, und es zahlte sich aus: 1865 richtete die Universität Jena in der philosophischen Fakultät einen Lehrstuhl für Zoologie ein und berief Hae­ckel als ordentlichen Professor auf diese Stelle.

 

Leben ist seinem Wesen nach
Zelltätigkeit. (Rudolf Virchow, 1845)

 

Den Reigen seiner zahlreichen Schriften eröffnete die 1866 publizierte und über 1200 Seiten starke zweibändige Generelle Morphologie mit ihrem trotzigen E pur si muove! (Und sie bewegt sich doch!) auf dem Titelblatt. Mit der Welt drehte sich aber auch das Lebensrad Hae­ckels weiter: Den Wiedereintritt in die Normalität des Lebens zeigt seine Heirat mit Agnes Huschke an, die er 1867 nach der Rückkehr von seiner Reise nach den Kanarischen Inseln heiratete und mit der er dann drei Kinder hatte. Mit dem Einzug in seine im italienischen Stil erbaute „Villa Medusa“ und der Vollendung des ebenfalls neu errichteten Zoologischen Instituts betrachtete Hae­ckel gegen Mitte der 1880er-Jahre seine „wesentlichen Lebenswünsche … als erfüllt“. Dies hielt ihn aber nicht von wei­terer Arbeit ab. Ganz im Gegenteil: Die Bearbeitung der von dem Forschungsschiff H. M. S. Challenger gesammelten Tiefseeproben füllt drei Bände im Quartformat und ist ein kleines Lebenswerk für sich. Allein in dem zweiteiligen Bericht über die Radiolarien, auch Strahlentierchen genannte, ca. 0,05–0,5 mm große Einzeller, beschreibt Hae­ckel auf gut 1800 Seiten über 3500 neue Arten. Sein wissenschaftliches Werk in der Biologie krönte er mit der dreibändigen Systematischen Phylogenie (1894–96), nach deren Erscheinen er den Schwerpunkt seiner Aktivitäten auf die Naturästhetik und den Monismus verlagerte: 1899 erscheinen sowohl die Kunstformen der Natur (1899–1904) als auch die Welträthsel, denen 1904 die Lebenswunder, 1914 die Gott-Natur (Theophysis) und 1917 als letztes gedrucktes Werk die Kristallseelen nachfolgten. Aber auch öffentlich setzte er sich für die monistische Weltanschauung ein: so nahm er 1904 in Rom an dem Internationalen Freidenkerkongress teil, wo er beim festlichen Frühstück prompt zum Gegenpapst ausgerufen wurde. Zwei Jahre später wurde auf seine Initiative hin in Jena der Deutsche Monistenbund gegründet. Als Hae­ckel am 9. August 1919 in Jena starb, schied er als ordentlicher Universitätsprofessor der Zoologie, Dr. med., Dr. phil. h. c., Dr. jur. h. c., Wirklicher Geheimer Rat und Excellenz aus dem Leben.
Dieser gedrängte Lebensabriss zeigt, dass Hae­ckel weder von seiner Ausbildung noch von seiner Anstellung her Philosoph war. Sein Doktor der Philosophie ist ein „Dr. phil. h. c.“ und wurde ihm 1865 honoris causa, sprich: ehrenhalber verliehen, und das auch nur, weil die an der Jenaer Universität neugeschaffene Professur für Zoologie an die philosophische Fakultät angebunden war. Eine naturwissenschaftliche Fakultät gab es damals noch nicht. Allerdings musste Hae­ckel im Rahmen seines Medizinstudiums mit dem Tentamen philosophicum, also der philosophischen Vorprüfung, Zeugnis über seine Kenntnisse der Weltweisheit ablegen. Bekannt ist auch, dass er im Sommer 1862 bei Kuno Fischer eine Vorlesung über Immanuel Kant hörte, dessen Kritik der reinen Vernunft seiner Ansicht nach von besonderer Bedeutung für Naturwissenschaftler ist. ...

Autor: Thomas Bach