der blaue reiter


Johannes Nikel: Maß der Dinge
Metallgrafik, 69 x 65 x 31 cm



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der blaue reiter Ausgabe 34 > zurück zur Themenliste

 



Menschen und andere Tiere

Zwischen Denken und Dünkel

Vernunft und Kultur, die bis vor Kurzem als wichtige Alleinstellungsmerkmale des Menschen galten und seine Sonderstellung gegenüber den Tieren begründeten, sind ein Teil der Natur – nicht unabhängig von ihr oder im Widerspruch zu ihr. Dies nicht zu verstehen, hieße, den Menschen nicht zu verstehen.

Auf- und Abstieg des Menschen – oder seiner Vorstellung davon – sind zugleich provinziell und provokant. Denn der Mensch kreist auf einem Planeten unter Myriaden von Planeten, um einen Stern unter Myriaden von Sternen, um ein Galaxienzentrum unter Myriaden von Galaxien, in einem Universum unter (vielleicht) Myriaden von Universen… und in Gedanken doch hauptsächlich um sich selbst.
Trotzdem, oder genau deshalb, ließ der schwedische Naturforscher Carl von Linné, als er 1735 mit seinem Buch Systema Naturae einen Vorschlag machte, die Vielfalt des Lebens zu ordnen und mit Namen für Gattung (Genus) und Art (Spezies) zu klassifizieren, den Menschen zunächst außen vor. Seine Devise dabei, entsprechend den Worten des legendären Orakels von Delphi: „nosce te ipsum“ (lateinisch für: Erkenne dich selbst). Erst in der zehnten Auflage von 1758 charak­terisiert Linné den Menschen als homo sapiens, als weisen oder denkenden Menschen – zumindest den gegenwärtigen Menschen, denn über andere Arten der Gattung homo konnte Linné noch nichts wissen, obschon die Ähnlichkeiten mit den Menschenaffen für ihn offenkundig waren. Fast suggeriert Linné, der Mensch sei von Natur aus ein Philosoph (philosophia: Liebe zur Weisheit, ursprünglich aber eher nach Herodot „Freund des Wissens“, vom altgriechischen philosophéon – von philia für Liebe, Freundschaft und sophia für Wissen).

 

„Einst wart ihr Affen, und auch
jetzt noch ist der Mensch mehr
Affe, als irgend ein Affe.“
(Friedrich Nietzsche)

 

Linnés System der biologischen Klassifikation hat sich rasch durchgesetzt und bis heute als Ordnungsschema erhalten. Es wurde allerdings durch die Erkenntnisse in der Evolutionstheorie, der vergleichenden Anatomie, der Physiologie sowie der Molekulargenetik beträchtlich modifiziert, um die wahrscheinlichste Verwandtschaft der Arten abzubilden. Es ist daher nicht bloß eine willkürliche Anordnung wie etwa die Sor­tierung nach Motiven in einem Briefmarkenalbum, sondern stellt einen entwicklungsgeschichtlichen und somit genetischen Zusammenhang dar. Tatsächlich haben Menschen über 98 Prozent der Erbsubstanz mit ihren nächsten Verwandten gemeinsam, den Schimpansen und Bonobos (Zwergschimpansen).
Mit solchen evolutionsbiologischen Erkenntnissen, aber auch denen der Grundlagenphysik und Kosmo­logie, ist „sich der Mensch völlig und restlos proble­matisch geworden“, wie Max Scheler, Mitbegründer der modernen philosophischen Anthropologie, 1927 schrieb. (Der Begriff „Anthropologie“ für die Wissenschaft vom Menschen – von altgriechisch anthropos für Mensch und logos für Lehre – wurde bereits 1501 von dem Arzt und Theologen Magnus Hundt geprägt.) Und so stellt sich die von Immanuel Kant formulierte Grundfrage der Philosophie aufs Neue und zugleich immer wiederkehrend: Was ist der Mensch?

Irrtum und Wahrheit

„Wir haben umgelernt. Wir sind in allen Stücken bescheidner geworden. Wir leiten den Menschen nicht mehr vom ‚Geist‘, von der ‚Gottheit‘ ab. Wir haben ihn unter die Thiere zurückgestellt“, hat Friedrich Nietzsche die Einsicht in die anthropologischen Konsequenzen der Evolutionstheorie zusammengefasst.
Zuvor hatte Charles Darwin – sich hinter einer vorsichtigen Andeutung versteckend, um nicht noch mehr religiös motivierte Proteststürme zu ernten – am Ende seines epochalen Werks Über die Entstehung der Arten von 1859 geschrieben: „Licht wird auf den Ursprung der Menschheit und ihre Geschichte fallen.“ Und so geschah es auch. Wie kaum eine andere wissenschaftliche Erkenntnis hat die Evolutionstheorie das Verständnis des Lebens einschließlich des Selbstverständnisses der Menschen radikal revolutioniert. Weniger durch den Nachweis einer tiefen Verwandtschaft aller Organismen als durch die kausale, quasi mechani­stische Erklärung der Entwicklungsprinzipien: Mutation, Selektion und andere Evolutionsfaktoren, aber keine Zwecke, Ziele oder gar absichtsvolle Schöpfung; es herrscht gleichsam das sich selbst organisierende Spiel von zwingendem Zufall und nackter Notwendigkeit.
Für manche mag das, ebenso wie die kopernikanische Revolution in der Astronomie (die Einsicht, dass sich die Erde um die Sonne bewegt, nicht umgekehrt) und vielleicht weitere Erkenntnisse, eine nachhaltige „Kränkung“ (Sigmund Freud) bedeuten – eine Desillusionierung eben. Doch das lässt sich auch umgekehrt bewerten und, trotz aller Ambivalenz, als bedeutende Einsicht feiern. Dies wurde von Nietzsche in Mensch­liches, Allzumenschliches, seinem „Buch für freie Geister“, mit einer fein-, tief- und hintersinnigen Frage pointiert: „Der Irrthum hat aus Thieren Menschen gemacht; sollte die Wahrheit im Stande sein, aus dem Menschen wieder ein Thier zu machen?“

Weltoffen und weltverfrüht

Als Produkt der Evolution ist der Mensch eingeflochten in eine Milliarden Jahre währende Naturgeschichte. Die stammesgeschichtliche Trennung von den Schimpansen erfolgte vor gut fünf Millionen Jahren. Zunächst entwickelten sich der aufrechte Gang und eine feinere Bewegungssteuerung der Hände. Wie es dann zu der Verdreifachung des Gehirnvolumens und der damit einhergehenden Intelligenz-Steigerung kam, ist bislang nur ansatzweise geklärt. Das komplexe Groß- und Kleinhirn mit zusammen über 100 Milliarden Nervenzellen, die jeweils bis 10000 Verknüpfungen untereinander eingehen, ist jedenfalls kein evolutionärer Luxus. Neben einer effizienteren Nahrungsnutzung (besonders durch das Kochen) waren soziale Faktoren entscheidend – einschließlich eines „geistigen Wettrüstens“ im Lug-und-Trug-Kampf um Ressourcen („Schlauere“ haben einen Vorteil) und der sexuellen Selektion (wie schon Darwin erkannte, kann neben der natürlichen Selektion auch die Partnerwahl ein Faktor bei der Evolution sein).
Biologisch betrachtet kommen Menschen von ihrem Entwicklungsstand her ein Jahr zu früh auf die Welt. Aufgrund des großen Gehirns und des entsprechenden Schädelwachstums wäre ein späterer Zeitpunkt bei gleichbleibender Beckengröße der Frau allerdings nicht mehr möglich. Seine „physiologische Frühgeburt“ (Adolf Portmann) macht den Menschen empfänglich für soziokulturelle Einflüsse – Sprache und Erziehung eingeschlossen. (Immanuel Kant glaubte sogar: „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung.“) Die verlängerte Kindheit und Jugend verstärken diesen Effekt noch. Das ist einmalig im Tierreich und erfordert einen großen Aufwand an Zu­wendung. Dies schließt die Notwendigkeit väterlicher Unterstützung und somit einer längerfristigen Paarbindung ein.
Aus biologischer oder zoologischer Perspektive ist der Mensch ein Tier unter vielen. Aber eben nicht „nur“(!) ein Tier. Denn solche Wertungen haben in der Naturwissenschaft keine Grundlage. Und viele Fragen bleiben – oder stellen sich im richtigen Kontext überhaupt erst. Denn seine „Weltoffenheit“ (Max Scheler) treibt den Menschen weiterhin dazu, über sich hin­auszudenken. Auch ohne metaphysische Wunsch- und Blütenträume muss und kann man sich selbst hinterfragen. Dazu gehört: Wie und warum unterscheidet sich der Mensch von anderen Tieren?
Diese Frage ist uralt und auf verschiedene Weisen zu beantworten versucht worden – durch Definitionen, Behauptungen oder erfahrungswissenschaftliche Tatsachen. Besonders drei Arten von prinzipiellen Differenzen wurden dabei diskutiert: soziale, kulturelle und geistige – die allerdings miteinander zusammenhängen und interagieren können (sowie zuweilen metaphysisch überhöht werden). …

Autor: Rüdiger Vaas