der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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der blaue reiter Ausgabe 34 > zurück zur Themenliste

 



Was ist der Mensch?


An die Entdeckung Johannes Keplers, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Weltalls steht, hat man sich im Lauf der Jahre gewöhnt. Auch die Einsicht des Begründers der Psychoanalyse, Sigmund Freud, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause ist, lässt sich gut verdrängen. Das Verschwimmen der Grenze zwischen Mensch und Tier infolge der Entdeckungen der modernen Biologie jedoch, die Vorstellung, gar von den Affen abzustammen, ist für viele Menschen nach wie vor unerträglich. Nicht zuletzt durch die Erkenntnisse und Möglichkeiten der Gentechnik ist sich der Mensch der Gegenwart fraglicher geworden denn je zuvor.
Aber selbst wenn der Mensch aus biologischer Sicht nur ein Tier unter vielen ist, so ist er doch nicht „nur“ Tier. Gleichwohl Arthur Schopenhauer stöhnte, dass den Menschen ausgenommen sich kein Wesen über sein eigenes Dasein wundert, weist der Biologe und Philosoph Rüdiger Vaas darauf hin, dass die Neugier den Menschen stets dazu treibe, sich selbst zu hin­terfragen und über sich hinauszudenken. Obwohl der Mensch in seiner selbstbezogenen Vermessenheit beständig bestrebt sei, seine Einzigartigkeit zu beweisen, sollten „die Erkenntnisse der modernen Wissenschaften keineswegs als eine Geschichte der Kränkung missdeutet werden. Die faszinierenden Entwicklungen lassen sich vielmehr als eine Erhöhung und Befreiung des Menschen interpretieren“, so Vaas unter dem Titel Menschen und andere Tiere. Zwischen Denken und Dünkel. Die Erhöhung bestehe jedoch nicht darin, sich über die Natur zu erheben, sondern vielmehr in der Befreiung von Illusionen. Indem der Mensch seine Entwicklung und somit sich selbst immer genauer verstehe, könne er letztlich auch sein selbstzerstörerisches Erbe besser begreifen und vielleicht sogar beherrschen lernen.
In der Entgegensetzung von Mensch und Tier sieht auch Jacques Derrida ein Konstrukt. Obwohl sich ihm zufolge der Mensch nicht essenziell vom Tier unterscheidet, beharrt er doch zugleich auf den Unterschieden. Es ist nämlich genau dieser Bruch, das Trennende, was Mensch und Tier aufeinander bezieht. Denn, so Markus Wild im Beitrag Jede Katze hat drei Namen: „Das Tier hilft, den Menschen zu dem zu machen, wofür er sich nimmt.“ Damit Raum für die Andersheit der Tiere entstehen kann und wir sie moralisch berücksichtigen können, müssten wir sie in den „Kreis der Sympathie“ aufnehmen.
Entsprechend fordert Thomas Macho, dass Anthropologie als Lehre vom Menschen mehr sein muss als Rechtfertigungswissenschaft zum Ausschluss des Andersartigen. Vor allem müsse sie eine Solidarität der Sterblichen zum Ausdruck bringen. Unter dem Titel Werwölfe, Hausschweine, Terminatoren erhebt er die Forderung nach einem inklusiven, das heißt einem auch Mischwesen aus Mensch und Tier beziehungsweise Mensch und Maschine einschließenden Humanismus, denn: „Im Zweifel für den anderen!“
Weil der Mensch nicht vom bloßen Leben und nicht vom Tier, sondern von sich selbst her gedacht werden müsse, widerspricht Martin Heidegger vehement jeglichem Ansinnen, den Menschen als eine Art Über- oder Supertier mit einmaligen Eigenschaften und Fähigkeiten zu definieren. Konsequent zu Ende gedacht, hat ein solches Verständnis vom Menschen nämlich zur Folge, so Martin G. Weiß, dass es moralischer sei, einen Säugling zu töten als einen erwachsenen Schimpansen. In der Tat sprechen wir selbst Menschen, deren geistige Fähigkeiten aufgrund von Unfällen oder Demenzerkrankungen geringer sind als die gesunder Schimpansen, nicht die Menschenwürde ab. Mit Verweis auf Giorgio Agamben legt Weiß unter dem Titel Das Maß aller Dinge! Wider die Vertierung des Menschen eine Umkehrung der Deutungsperspektive nahe: Der Mensch soll nicht vom Tier, sondern das Tier vom Menschen her gedacht werden.
Im Denken Max Schelers ist der Mensch der „Neinsagenkönner“, der „Asket des Lebens“ und der „ewige Protestant gegen alle bloße Wirklichkeit“. Tiere hätten zwar durchaus praktische Intelligenz, Geist habe jedoch allein der Mensch. Weil er nicht nur auf Reize reagiere, nicht in einer Umwelt aufgehe, sei der Mensch gezwungen, sein Leben zu führen, immer in der Gefahr sich zu verfehlen. Als Tier, das keines sein möchte, sei der Mensch nicht seinen Instinkten ausgeliefert und könne, zum Beispiel von Ideen geleitet, auf die unmittelbare Triebbefriedigung verzichten. Im Beitrag Der Mensch in der Ordnung des Lebendigen bringt Ralf Becker dieses Vermögen des Menschen auf die Formel: „Tiere leben in einer Umwelt, Menschen in der Welt.“ Beim Übergang vom Animalischen zum Humanum werde aus Umweltgebundenheit Weltoffenheit. Während ein Tiger sich nicht enttigern könne, lebe der Mensch in beständiger Gefahr, sich zu entmenschlichen.
Dass der Mensch sich, seinen Umgang mit anderen Lebewesen und Natur ernsthaft infrage stellen kann, weist ihn als moralfähiges Wesen aus, so Heike Baranzke unter dem Titel Mensch und Tier – eine Frage der Würde. Weil aus der menschlichen Fähigkeit zur Moral aber nicht zwingend moralisches Handeln erwachse, bräuchten nicht die Tiere, sondern bräuchten wir Menschen Gesetze zum Schutz der Tiere. Würden uns diese doch zu einem dem Menschen würdigen Umgang mit Tieren verpflichten.
Dabei, so Herwig Grimm, darf aber nicht vergessen werden, dass mit der ethischen Forderung, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln, sich in der Tierethik nach wie vor der Mensch zum Maß aller Dinge aufschwingt. Würde doch vor allem den Tieren am meisten Schutz zuteil, die dem Menschen am ähnlichsten seien. Weil wir uns mit Fischen weniger verwandt fühlten als mit Affen, käme kaum jemand auf die Idee, Menschenrechte für Forellen zu fordern. Ebensowenig überrasche es, dass zwischen der Nacktschnecke und dem Gorilla in moralischer Hinsicht Welten lägen. Entsprechend wäre es sinnvoller, Tiere aufgrund ihrer Besonderheiten und spezifischen Eigenschaften moralisch zu achten. Denn defizient in Bezug auf den Menschen, so Grimm im Beitrag Tierschutz oder Menschenschutz?, sind die Tiere nur im Hinblick auf ein ihnen äußerliches, nämlich menschliches Maß. Das heißt: „Wir brauchen eine Ethik, die das Fremde als Fremdes zu achten lehrt.“ Nur weil beispielsweise ein Huhn weniger menschliche Fähigkeiten habe als ein Schimpanse, sei es kein weniger schützenswertes Wesen.
Doch bei allem Mitgefühl für die Kreatur darf nicht vergessen werden, dass Tiere für den Menschen auch tödliche Feinde sein können. Galten vor nicht allzu langer Zeit doch in einigen Ländern zum Beispiel Wölfe „als die hauptsächlichsten Störer der öffentlichen Ruhe und Sicherheit“, wie es in Brehms Thierleben von 1883 heißt, und weiter: „In Lappland ist das Wort Friede gleichbedeutend mit Ruhe vor Wölfen.“ Nicht von ungefähr charakterisiert Thomas Hobbes das vorstaatliche Miteinander der Menschen mit dem Satz: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“ Weil es in der Lage sei, den Freund vom Feind zu unterscheiden, adelt schon Platon das Wächtertier Hund, das einzige Haustier, das es Brehm zufolge wagt, sich dem Wolf entgegenzustellen, zum philosophischen Tier. Erkenne der Hund doch jeden Feind, selbst wenn er im Schafspelz daherkomme. Indem das politische Lebewesen (altgriechisch zoon politikon), wie Aristoteles den Menschen charakterisiert, den Hund nutzt, um den Wolf aus dem Raum der Kultur auszugrenzen, nimmt er dessen Wildheit allerdings mit in den Raum der Kultur hinein. Roland Borgards zeigt auf, dass Tierbilder in der politischen Theorie ein Eigenleben entwickeln, deren Verwendung mithin mehr ist als nur illustratives Beiwerk. Unter dem Titel Der Staat und die Tiere kommt er zu dem Schluss: „Ohne Tiermetaphern wäre die Staatslehre eine andere.“
Anlässlich der Untersuchungen über die Kreativität bei Menschen und Affen ist es Hans Werner Ingensiep ein Anliegen aufzuzeigen, dass das Verhältnis von Mensch und Tier ein wechselseitiges ist. Denn auch wenn es für den Menschen kein Fenster ins Tierbewusstsein gebe, sich Menschen und Menschenaffen nicht immer verstanden hätten, so schreibt er unter dem Titel Schmiererei oder Kunst?, hätten sie sich doch in jedem Fall gegenseitig kultiviert.
Der moderne Enthusiasmus für Tiere und die Tiernatur ist Andrea Grill suspekt. Mit Tieren gebe es keinen Dialog und daher auch keinen Streit. Weil wir Menschen besser kennen und mehr von ihnen erwarten als von Tieren, werden wir von Menschen auch öfter enttäuscht, schreibt sie im Beitrag Hierarchien menschlicher Liebe und kommt zu dem Schluss: „Je besser ich – durch meine Arbeit als Biologin – die Tiere kenne, desto lieber sind die Menschen mir geworden.“
Die Fähigkeit, sich von der Welt zu distanzieren, sich aus allen aktuellen Bezügen und Anforderungen herauszuheben, macht den Menschen zu einem zutiefst wurzellosen Wesen. Ständig über sich hinausgetrieben, ständig im Bemühen Sinn auch da zu machen, wo vernünftig keiner zu finden ist, ist jede Selbstdefinition und Abgrenzung als wissendes, als denkendes, als soziales, als Werkzeuge gebrauchendes, als lachendes, als seinesgleichen tötendes oder was auch immer Tier nichts anderes als Ausdruck einer Hilf- und Heimatlosigkeit angesichts der Zufälligkeit von Welt. Vergleiche mit Tieren können diesbezüglich keine Antwort geben, egal wie positiv oder negativ sie für den Menschen ausfallen mögen. Nicht von ungefähr weist Jakob Uexküll darauf hin, dass Tiere nicht nur aus ihrem Körper, nicht nur aus Physiologie bestehen. Zur Spinne gehöre unabdingbar auch der von ihr gesponnene Faden, das von ihr gewobene Netz, die Äste, zwischen denen dieses Netz gespannt wird, ihre Beutetiere und so weiter. Es ist schon schwer genug nachzu- vollziehen, wie ein anderer Mensch zum Beispiel die Farbe Rot empfindet, welche Gefühle und Erinnerungen diese bei ihm auslöst. Definitiv unmöglich ist es jedoch, die Eindrücke von Lebewesen nachzuempfinden, die über eine andere Sinnesausstattung verfügen. Eine Eintagsfliege hat sicherlich eine andere Zeit- und Raumwahrnehmung als eine Riesenschildkröte oder ein Blauwal. Entsprechend hat der Mensch mit dem Affen ungefähr so viel gemein, wie das majestätisch durch die Meere treibende Seepferdchen mit einem rassigen Vollblüter.
Tiere unter Tieren sind wir Menschen nur in der von uns selbst geschaffenen Einteilung des Lebendigen. Bestenfalls ist der Mensch, wie Helmuth Plessner es formuliert, ein die Tierheit hinter sich lassendes Tier. Denn selbst ein sprechender, denkender, künstlerisch tätiger, in allen Belangen dem Menschen überlegener Affe ist und bleibt ein Affe, ist eines nicht und wird es auch nicht werden: ein Mensch. Es gibt keinen Grund sich deshalb zu freuen oder gar zu grämen!

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur