der blaue reiter


Jochen Wahl: Kalte Schulter, 2005;
Öl und Eitempera auf Hartfaser
www.jochenwahl-online.de



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der blaue reiter Ausgabe 37 > zurück zur Themenliste

 



Die Helden der Moral

Müssen Ethiker moralisch sein?

Ethik ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Moral. Zu ihrem Kerngeschäft gehört, dass Ethiker „gut begründete Positionen zu konkreten moralischen Problemen ausarbeiten“. Insbesondere „Angewandte Ethiker“ sind akademisch geschulte Experten, die aufgrund ihrer Ausbildung in der Lage sind, begründete wertende Urteile über die moralische Richtigkeit, Falschheit oder Erlaubtheit bestimmter Handlungen oder Praktiken zu fällen. Aber wie halten sie es selber mit der Moral?

Die Helden und Heldinnen der vorgestellten Standardsichtweise sind seriöse, vorurteilsfreie, objektive Wissenschaftler, deren Sicht auf die Fakten von keinerlei subjektiven Verzerrungen getrübt wird. Der Vergleich zwischen Theorie und Praxis steht in dieser Sicht­weise nicht zur Debatte. Wenn der Tierethiker, dessen radikale neue Begründung von Tierrechten Furore macht, privat gerne Bratwurst isst und in den Zoo geht, ist das für seine ethische Expertise in etwa so relevant wie das private Kettenrauchen einer Lungenspezialistin. Ärztliche Autorität wird durch private Laster keineswegs tangiert. Max Scheler, Verfasser des Standardwerks Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik hat dies letztgültig auf den Punkt gebracht. Nach einem Bordellbesuch befragt, wie er dies mit seiner Ethik vereinbaren könne, soll er gesagt haben: „Der Wegweiser geht auch nicht den Weg, den er weist.“ So wie viele Ethiker moderner Prägung Fragen der Moral von solchen des guten Lebens unterscheiden – und sich im Blick auf letztere gerne für unzuständig erklären –, so ist die Frage nach dem guten Leben des Ethikers zur Privatsache geworden, die mit seiner Kompetenz, die richtigen Urteile zu moralischen Fragen abzugeben, nichts zu tun hat.

Der Ethiker und sein Gegenstand

Die beschriebene Sichtweise ist jedoch einseitig. Besser beginnt man mit dem Eros für eine bestimmte Sache (von eros: altgriechischer Gott der Liebe; bildungssprachlich: unerklärliche Anziehung, Reiz, Drang nach (geistiger) Erkenntnis). Ethiker sollten sich entsprechend zuallererst durch eine intime Vertrautheit mit dem Gegenstand ihres Nachdenkens und große Leidenschaft für ihre Arbeit auszeichnen. Mit etwas vertraut zu sein, ist jedoch keineswegs dasselbe wie über alles Bescheid zu wissen. Musikexperten, die mit Fakten über Musik glänzen und jeden Fachterminus definieren können, kann es dennoch an Musikgeschmack mangeln. Gleiches gilt für die Ethiker. Auch in ihrem Fall ist Theoriekenntnis, die nicht von einem Sinn für die Eigenart des Gegenstands und einem Gespür für die wirklich relevanten Unterscheidungen begleitet ist, bestenfalls zweitrangig. Ethiker sollten von ihrem Gegenstand bleibend fasziniert sein und den Drang verspüren, diesen immer tiefer ergründen zu wollen. Aber ein solches Verstehen besteht gerade nicht darin, das Erstaunliche am Phänomen wegzuerklären und in ein Wissen aufzuheben. Ein Großteil der akademischen Ethik ist einseitig theoriefixiert. Die erste Tugend der Ethiker aber sollte ihr „Sinn und Geschmack“ für das Moralische sein. Wäre die Moral eine Sprache, so käme es bei Ethikern primär auf deren Sprachgefühl an, nicht auf die Kenntnis linguistischer Theorien. Wie Weinkenner sollten Ethiker sich nicht nur viel Wissen angelesen haben, sondern sich vielmehr ein geschultes Urteilsvermögen angeeignet haben und über ein mit ihren Erfahrungen und Wahrnehmungen verbundenes, differenziertes Vokabular verfügen. Ihr Wissen muss aus eigener Erfahrung geschöpft sein und nicht in erster Linie aus dem, was man unter Moral versteht. Ein Marsmensch, der ganze Bibliotheken an ethischer Fachliteratur durchackert, kann deshalb kein guter Ethiker werden, weil ihm die Vertrautheit mit der menschlichen Lebensweise fehlt und er auf rein theoretischem Weg nie genuine moralische Urteilskraft wird ausbilden können.
Ethiker zu werden und zu sein, ist wesentlich eine subjektive Angelegenheit, geht es dabei doch darum, sich selbst zu bilden, sein Wahrnehmungs-, Differenzierungs-, Empfindungs- und Urteilsvermögen zu schulen – und das braucht Zeit und Erfahrung. Zu einer eigenen Stimme gefunden zu haben, ist die Voraus­setzung dafür, zu ethischen Fragestellungen etwas beitragen zu können. Deshalb muss das Verhältnis der Ethiker zu ihrem Gegenstand „inniger“ sein, als ein einseitig auf die (Natur-)Wissenschaften schielendes Ideal das suggeriert. Dass dies so ist, hängt damit zusammen, dass das Moralische eben ein Reflexionsgegenstand sehr eigener Art ist.

Was ist ein moralisches Problem?

Beginnen wir mit einem alltäglichen Beispiel eines „moralischen Problems“: Simone und Frank erwarten ihr erstes Kind. Eine vorgeburtliche Untersuchung ergibt, dass ihr Kind mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit von Trisomie 21 betroffen sein könnte (genetische Veränderung, die körperliche und geistige Beeinträchtigungen zur Folge hat). Ist das ein Grund, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen? Darf man so etwas tun? Muss man es gar tun?
Ethiker an Universitäten sehen es normalerweise nicht als ihre Aufgabe an, ihre Urteile an Menschen aus Fleisch und Blut zu adressieren. Der typische Fall, in dem die Angewandte Ethik zum Zug kommt, ist der, dass gerade ein bestimmtes Gesetz verändert oder erlassen werden soll, und ethische Expertenmeinung gefragt ist. Die Frage lautet dann in etwa, ob der Gesetzgeber es gestatten soll, Abtreibungen auch bei dieser oder jener Indikation vornehmen zu lassen. Die institutionelle Dimension ethischer Probleme soll hier keineswegs für unbedeutend erklärt werden, aber dennoch geht mit dieser Transformation einer existenziell dringlichen Entscheidung in ein angewandt-ethisches „Problem“ bereits die Gefahr einer Verkennung oder Verzerrung der moralischen Dimension einher. Wenn das Problem so reformuliert wird, ob der Staat das Recht hat, Individuen daran zu hindern, diese oder jene (private) Entscheidung zu treffen, ist das ganz offensichtlich. Aber auch, wenn das Problem als das des „moralischen Status von Föten“ gesehen wird, ist das bereits eine höchst diskutable Fassung der ethischen Problematik. Man könnte sich auch ganz andere Weisen vorstellen, die sich hier stellenden moralischen Fragen zu formulieren: Ist es gut, das zu tun? Was drücken wir über unser Verhältnis zu unserem Kind, zu kranken Menschen aus, wenn wir uns so oder anders entscheiden?

 

Moralische Fragen lassen sich
nicht an Experten delegieren.

 

Interessant ist, wie das typisch liberale „Framing“ (von englisch to frame, hier: Formulierung, Art der Herangehensweise) der moralischen Problematik – haben Staaten das Recht, mündige Individuen an X zu hindern? – einer unpersönlichen Behandlung der Thematik entgegenkommt, und dies in einem doppelten Sinne: Einerseits unpersönlich, als von den konkreten Umständen, in denen Individuen eine solche Entscheidung treffen, abstrahiert wird (und auch davon, was es bedeutet, sich so oder anders zu entscheiden). Andererseits unpersönlich in dem Sinne, dass der Ethiker sich zu diesem Problem äußern kann, als wäre er ein Außenstehender und nicht ein potenziell von dieser Situation Betroffener. Ginge es um die Frage, was Simone und Frank tatsächlich tun sollen, ob es gut, eindrücklich, leichtfertig, entlarvend oder wie auch immer ist, wie sie mit dieser Situation umgehen, dann wäre das offensichtlich eine Frage, die auch Ethiker als Personen stärker involvieren würde. Sie könnten dann nicht mit jener Leichtigkeit, die man bei Ethikern oft erlebt, behaupten, dass das, was sie selbst tun würden – und was sie ihren Freunden raten würden –, überhaupt nichts mit ihrer Einschätzung der moralischen Bewertung der jeweiligen Praxis zu tun habe. Wenn es aber um die vergleichsweise abstrakte Frage geht, ob Praxis X rechtlich verboten werden soll, fällt diese Unterscheidung leicht. Man kann dann zum Beispiel behaupten, dass es Menschen auch erlaubt sein soll, falsche Entscheidungen zu treffen, und darauf insistieren, dass es keine verallgemeinerungsfähigen Gründe gebe, eine bestimmte Praxis zu verbieten. Schon ist der ethische Experte in seinem Element. Er äußert sich nicht als dieser bestimmte Mensch, mit diesem biografischen Hintergrund, dieser Prägung, diesen weltanschaulichen Überzeugungen, diesen charakterlichen Dispositionen und Neigungen. Das Einzige, was ihn angeblich leitet, ist seine theoretische Expertise, ein Amalgam aus Kenntnissen der Logik, ethischen Theorien und den jeweils relevanten empirischen Fakten. Dabei gerät aber aus dem Blick, was doch eigentlich das ureigene Thema der Ethik wäre: Soll ich etwas tun? Darf ich das tun? Es mag zwar rechtlich erlaubt sein, aber ist es auch gut, das zu tun? …

Autor: Christoph Ammann