der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



Editorial im Journal-Layout herunterladen

der blaue reiter Ausgabe 37 > zurück zur Themenliste

 



Was ist das Gute?


Wer moralisch handeln will, muss sich entscheiden. Denn im Gegensatz zu den eindeutigen Gesetzen der Natur gibt es zu Fragen der Moral keine zwingenden Antworten. Moralische Normen sind kein alternativloses Müssen, sondern Regeln der Freiheit. Selbst wer sich bewusst einer Entscheidung verweigert, hat sich entschieden, nämlich dafür, eine Handlung zu unterlassen. Entsprechend können wir uns der Verantwortung für unser Tun nicht entziehen.
Um aber Handlungen eine Richtung geben zu können, um diese zu unseren Handlungen zu machen, benötigen wir eine Vorstellung des Guten, das heißt eine Ahnung davon, woraufhin wir handeln wollen und was wir nicht wollen. Allerdings ist den meisten von uns die Vorstellung einer objektiven, handlungsleitenden Vernunft, die sich an ewigen Ideen orientiert, fremd geworden. Handlungsziele überprüfen wir zumeist nurmehr vermittels einer rationalen Logik auf innere Stimmigkeit. Niklas Luhmann sprach diesbezüglich von Systemlogiken. Eine bewusste Bewertung auf Sinnhaftigkeit und Übereinstimmung mit übergeordneten, weithin geteilten Werten findet zumeist nicht mehr statt. Machbares wird gemacht, nicht weil es einem Zweck dient, sondern schlicht weil es machbar scheint. Fortschritt erfolgt nicht mehr unter der Maßgabe eines gesellschaftlichen Ziels, sondern lediglich um des puren Fortschreitens willen. Veränderung ist zum Selbstzweck geworden, eine Richtung nicht mehr erkennbar. Weil sich Fragen der Optimierung, der Effizienz und der Funktionalität leichter beantworten lassen als Sinnfragen, ist die Frage nach der Vernünftigkeit von Zielen und mithin nach dem Sinn unseres Handelns in den Hintergrund getreten. Die Beurteilung der Sinnhaftigkeit von Zwecken ist auch in der Ethik der Ermittlung der Zweckmäßigkeit von Mitteln gewichen, kurz: Die Mittel haben über die Zwecke triumphiert. Rationalität und Logik haben selbst in den allzumenschlichen Belangen die Oberhand gewonnen. Nutzen- und Güterabwägungen zählen auch in Fragen der Moral allemal mehr als Empfindungen.
Doch schon in der Antike herrschte unter den Philosophen die Einsicht vor, dass wir auf Dauer nicht gegen unsere Natur handeln können. Die für uns richtigen Handlungen erkennen wir nicht durch den Nachweis der Widerspruchsfreiheit und Verallgemeinerungsfähigkeit von Maximen des Handelns, wie der Zuchtmeister des guten Willens Immanuel Kant glauben machen will, sondern durch unser Gefühl. Kants Versuch, aus der Logik eine Ethik zu destillieren, wird von der Lebenswirklichkeit alltäglich ad absurdum geführt. Für Ethiker ist es entsprechend allemal zielführender, sich selbst auch als Menschen mit allen Stärken und Schwächen, mit allem Sehnen und Hoffen in die Diskussionen um Ethik und Moral einzubringen, als diese wie Kant von allem Menschlichen zu reinigen. „Müssen Ethiker moralisch sein?“ ist weitaus mehr als eine rhetorische Frage. Sind Ethiker doch stets zugleich urteilende Zuschauer und Akteure in einer realen Lebenswelt, in der einmal vollzogene Handlungen nicht wie bei Gedankenexperimenten umstandslos rückgängig zu machen sind. Die Verszeile Wir wären gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, die sind nicht so erklingt nicht von ungefähr in Bertolt Brechts Dreigroschenoper. Werden wir doch nicht ungefragt und unvermittelt in die Welt geworfen, sondern immer in je unterschiedliche Verhältnisse hineingeboren. Weil wir solchermaßen immer schon in mitmenschliche Zusammenhänge eingewoben sind, plädieren Vertreter einer sogenannten narrativen Ethik in Fragen der Moral entsprechend für eine stärkere Ausrichtung auf die Individuen und deren je spezifische Lebensumstände (narrare, lateinisch für erzählen). Anstatt über notwendige und hinreichende Bedingungen der Verallgemeinerung von ethischen Regeln, Rechten und Pflichten nachzudenken, versuchen diese die Lebenswirklichkeit in den Blick zu rücken und sich selbst als Person einzubringen. Solchermaßen findet wieder eine Annäherung an die antike Ethik der Glücks- und Weisheitslehre statt. Gründet diese doch weniger im Streben nach abstrakten, für alle zu jeder Zeit und unter allen Umständen gültigen Prinzipien und Wertmaßstäben, als vielmehr in der Einsicht in die menschliche Natur. Ob ein gelingendes Leben allerdings besser durch Askese und Verzicht zu erreichen ist, wie es Diogenes von Sinope vorlebte, oder eher durch vernunftkontrollierten, maßvollen Genuss, wie Epikur in seinem Garten lehrte, war auch schon damals umstritten. Ebenso wie die Frage, ob es eine alle Lebensbereiche überspannende Idee des Guten gebe, wie es in den Schriften Platons heißt, oder ob nicht doch jeder sein eigenes Maß habe, wie Aristoteles schreibt.
Den Glauben an ein unentrinnbares Schicksal meinen wir längst überwunden zu haben. Heutzutage sind wir eher davon überzeugt, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Doch weder sind wir frei von den Maßgaben und Erfahrungen unserer je verschiedenen Erziehungen, noch leben wir wie Robinson Crusoe allein und somit frei vom Zwang der Rücksichtnahme auf andere. Wenn einer glaubt, sein Glück läge in einem Sieg bei Olympia, gibt es viele, die mit aller Macht das gleiche Ziel erstreben und versuchen, ihm dies streitig zu machen. Das gleiche gilt für die Geldvermehrung wie in der Liebe. Keiner kann sein Glück alleine schmieden. Immer sind wir auf andere angewiesen oder müssen unser vermeintliches Glück gegen deren Ansprüche verteidigen. Ob wir es wollen oder nicht, wir sind sozusagen immer in Beziehung mit anderen, die den gleichen Anspruch auf Lebensglück geltend machen. Aus dieser einfachen Einsicht resultiert Jeremy Benthams sogenannte utilitaristische Ethik (von lateinisch utilitas für Nutzen, Vorteil), derzufolge Handlungen nach der Maßgabe des größtmöglichen Glücks für die größtmögliche Anzahl von Menschen zu bewerten sind. Nicht die Absicht, in der eine Handlung ausgeführt wird, sondern deren Folgen rücken solchermaßen in den Fokus der Diskussionen um Ethik und Moral. Weil ein moralisches Regelwerk, das die Möglichkeit einer Notlüge in auswegloser Situation zulasse, nicht als Grundlage eines allgemeingültigen Systems gelten könne, hatte Kant konsequent jegliche Lüge als unmoralisch verurteilt. Bentham zufolge kann eine Lüge hingegen geradezu moralisch geboten sein. Nämlich genau dann, wenn die Folgen der Lüge wünschenswertere Folgen nach sich ziehen als deren Unterlassen zeitigen würde – zum Beispiel die Irre­führung von Häschern, die einen Unschuldigen ver­folgen. Gibt man allerdings die Handlungsabsicht als Kriterium der Bewertung von Handlungen preis, stellen sich nur schwer zu beantwortende Fragen wie die, welche Folgen welcher Handlung zurechenbar sind, zu welchem Zeitpunkt eine solche moralische Bewertung durchzuführen ist, wie viel Zuwachs an Unglück für wenige Menschen „moralisch“ noch für welchen Glücksgewinn vieler vertretbar wäre etc. Leicht fällt dies bei Fragen des Tyrannenmords. Doch welcher Ethiker hätte in Unkenntnis der Zukunft schon vor Hitlers unheilvollem Wirken dessen Tötung, womöglich schon im Kindesalter, als „moralisch“ geboten rechtfertigen können? Prognosen sind schwierig, sofern diese die Zukunft betreffen, ist eine altbekannte Weisheit, die nicht nur in Fragen der Geldanlage Gültigkeit hat.
Darüber, dass wir nicht in der besten aller möglichen Welten leben, herrschte schon zu Lebzeiten der französischen Moralisten weitgehend Einigkeit. Entsprechend war für Autoren wie Baltasar Gracián soziale Klugheit allemal wichtiger als moralische Tugend. Zwischenzeitlich hat sich deren im 17. Jahrhundert für Wenige bei Hofe konzipierte Überlebenslehre für den desillusionierten „klugen Weltmann“ als gewieftem Sozialtaktiker jedoch zu einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen entwickelt. Bereits in staatlichen Schulen wird heute gelehrt, dass man sich über das schamlose Ausnutzen von Beziehungen, beschönigend „netzwerken“ genannt, Vorteile verschaffen müsse, und dass das richtige Sich-Präsentieren wichtiger sei als Können und Inhalte. Für die Verweigerer der Show- und Marketinggesellschaften sowie die Verlierer des ununterbrochenen Wettbewerbs um monetäre Werte bleibt dann nur noch die demonstrative Selbstverachtung und Selbstzerstörung, wie viele Punker sie gerne öffentlich demonstrieren. Das Nachdenken über die Grundlagen und das Worumwillen unseres Handelns scheinen heute der Suche nach dem schnellen persönlichen Vorteil sowie der ebenso kurzfristigen wie wohlfeilen moralischen Empörung einer Erregungsgesellschaft gewichen. Ein entrüstetes und moralisierendes „Posting“ in den sogenannten sozialen Medien ersetzt allemal unmittelbares menschliches Mitgefühl und tätige soziale Verantwortung.
Weil der Ernstfall der Moral nicht die Theorie, sondern der Alltag ist, mit all seinen Untiefen und seiner Komplexität, die uns zu Abwägungen zwingen, lässt sich weder eine Reinform des Ethos (altgriechisch für Sitte) noch eine allgemein anerkannte Methode zur Gewinnung moralischer Erkenntnis finden. Auch wenn wir nicht umhin kommen, uns handelnd mit der Welt auseinanderzusetzen, ist das Wichtigste in Fragen der Moral nicht deren eindeutige Auflösung, sondern dass sie gestellt und diskutiert werden. Solange wir unser Augenmerk aber nur auf die Verhinderungsfunktion von Ethik richten, verfehlen wir auf Dauer deren Sinn. Moral darf nicht als Abwehr von Grenzüberschreitungen verstanden werden, sondern als Mittel, das Leben in der Einsicht zu genießen, nicht der einzig Glückswürdige und Genussberechtigte zu sein. Wer sich nicht beständig zur Disposition stellt, delegiert die Verantwortung für sein Handeln auf andere. Seien diese anderen diesseitige oder jenseitige Mächte, die ihren Willen wie auch immer kundtun.
Jegliche Handlung steht unter dem Verdikt, dass man auch anders hätte handeln können. Und da, wo nicht mehr diskutiert wird, wird nur allzu schnell geschossen, entscheidet nicht mehr die Kraft der Argumente, sondern hat die Gewalt das Sagen. Wer sich seiner sicher ist, wer glaubt unabweisbar zu wissen, was das Richtige ist und sich solchermaßen ungefragt zum Richter über die Moral aufschwingt, schreckt vor nichts mehr zurück. Ebenso verfehlt derjenige den Zweck von Ethik, der Handlungen nur auf logische Stimmigkeit hin überprüft, sein eigenes Fühlen, Hoffen und Streben aber außen vor lässt oder gar als irrational diffamiert. Der Richterstuhl der Vernunft kann ethische Fragen nicht entscheiden. Ethik und Moral sind ebenso wenig absolut und unumstößlich, wie sie beliebig sind. Funktion der Ethik ist es gerade nicht, den Menschen Vorschriften zu machen. Aufgabe der Ethik ist es vielmehr, die Menschen nicht alleine zu lassen, sie im Gespräch über Ziele und Zwecke zu halten und solchermaßen ihr Urteilsvermögen zu schärfen. In diesem Sinne ethisch und moralisch zu handeln heißt, im Gespräch zu bleiben, unablässig und bewusst in Beziehung zu sein, sich mit anderen und anders Denkenden auseinanderzusetzen, auch um etwas über die eigenen Interessen und Gründe für das je persönliche Handeln zu erfahren.

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur