der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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No Future!

Philosophie des Augenblicks

Der kürzeste und flüchtigste aller erlebbaren Zeiträume übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus: Der Augenblick ist Entscheidung, ein Moment ohne Dauer, in dem alles anders wird als zuvor oder aber auch alles so bleibt, wie es ist. Auf der Schwelle zwischen Vergangenheit und Zukunft ist alles möglich, ist das Leben zu einem ausdehnungslosen Punkt verdichtet. Nur im Augenblick fallen Erwartung und Erfüllung in eins: Ein Mensch fällt ins Glück oder dem Unglück anheim. Der günstige Augenblick, altgriechisch kairos, muss ergriffen, muss beim Schopfe gepackt werden, er ist es, der einem Leben Glanz verleiht oder dieses gar zerstört. Der Augenblick ist die extremste Form der Gegenwart, der Moment der Tat und der Tatenlosigkeit, des Handelns und Duldens zugleich. Aufgehoben in Zeitlosigkeit erschöpft sich der Augenblick in sich selbst, ist er als Minimum an Zeit ein Maximum unmittelbaren Seins.
Weil aber Schuld und Reue, die Grundkategorien jeder Ethik, der Erinnerung und des Blicks voraus bedürfen, ist der Augenblick gegen die Zumutungen der Moral immun, ist er Synonym für den Schlaf der Vernunft. Mithin ist der Augenblick „das Geheimnis des Verführers und das Geheimnis des Augenblicks ist die Verführung … jener Ausbruch sinnlichen Begehrens und Verlangens, der kein Davor und kein Danach“ kennt, schreibt Konrad Paul Liessmann unter dem Titel Die (Un-)Moral des Augenblicks. Angesichts der Möglichkeit einer sinnlichen Begegnung wäre es moralisch zu fragen, ob man die Folgen wird tragen können. Sich ganz dem Lustversprechen des Augenblicks hinzugeben heißt, diese Frage erst gar nicht zuzulassen.
Allerdings ist der Mensch kein reines Sinnenwesen und nicht von ungefähr ist in Goethes Faust der Augenblick zentrales Element der Wette des Dr. Faust mit dem Teufel. Im Bewusstsein, alles ausgekostet zu haben, was das Leben bieten kann, glaubt Faust nicht, dass selbst der Teufel mit all seinen Zauberkräften ihm noch Lüste zu bescheren vermag, die auf Dauer zu stellen es verlohnen würde. So geht er gern den Pakt mit Mephisto ein: „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! Du bist so schön! / Dann magst Du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zu Grunde gehn!“ Eine solche Überhöhung und Vergeistigung des Augenblicks als von der Vergangenheit und Zukunft zum zeit- und ausdehnungslosen Punkt ausgezehrtes Jetzt, in dem gleichwohl alles Sein, alle Erfüllung versammelt ist, steht in Übereinstimmung mit den Vorstellungen der Mystiker. Während die europäische Mystik Erlösung von allem Sehnen und Trachten nur in der Flucht aus dem Verfallensein an die Lebenszusammenhänge und dem Verleugnen der Leiblichkeit verspricht – und sei es lediglich für einen Augenblick –, weist die asiatische Form der Mystik den entgegengesetzten Weg. Diese lehrt, nicht dem leiblich-sinnlichen Bereich zu entfliehen, um zur geistigen Schau aufzusteigen, sondern fordert ein „Hinabsteigen“ zum leiblichen Spüren, wendet sich dem einzelnen, sinnlich gegebenen Gegenstand zu und nimmt die leibliche Präsenz des anderen Menschen ernst. Ziel entsprechender Bemühungen, so Gernot Böhme unter dem Titel Das Glück, da zu sein, „ist das lang anhaltende wache Sein bei etwas, das Verweilen, der gedehnte Augenblick“.
Während Georg Wilhelm Friedrich Hegel nur das als „konkret“ gelten lässt, was auf den Begriff gebracht wird, ist für Eihei Dôgen, den Begründer des japanischen Soto-Zenbuddhismus, das begriffliche Denken gerade nicht das letztgültige Element des Innewerdens einer Sache. Verbürgt werde das Konkrete vielmehr erst durch die Eindämmung der einen beständig wie aus dem Nichts überfallenden Gedankenflut in der buddhistischen Übungspraxis: in der Sitzmeditation und in der vollkommenen und ausschließlichen Konzentration auf die Tätigkeiten, die man im jeweiligen Augenblick ausübt. Hingabe an das Seiende und der Fluss der Zeit sind keine Gegensätze, Zeit und Sein nichts voneinander Verschiedenes, so Ryosuke Ohashi im Beitrag Der erfüllte Augenblick.
Als entschiedener Gegner der Philosophie des Augenblicks wendet sich Henri Bergson gegen jeden Versuch, die moderne Infragestellung aller herkömmlichen Lebensverhältnisse mittels einer intensivierten Augenblickserfahrung zu überwinden. Einen Moment, der soeben noch nicht war, jetzt ist und gleich nicht mehr sein wird, könne es nicht geben. Gegen das augenblicksfixierte Gegenwartsverständnis und den zeitlichen Provinzialismus der Moderne setzt er den Geist als eine Art Gedächtnis, dessen Erinnerungen nicht im Gehirn lokalisiert sind. Als Kontinuum, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft untrennbar verknüpft, schaffe der Geist ohne einen ihm übergeordneten Zweck fortwährend etwas Neues. In der subjektiv erfahrenen Lebenszeit, der durée, fällt der Mensch seine Entscheidungen nicht durch den Verstand, sondern durch die Unmittelbarkeit der Intuition, schreibt Stefan Artmann im Portrait Wider den Augenblick! Henri Bergsons Suche nach dem letzten Grund des Bewusstseins.
Auch Horst Bredekamp bringt in seinem Beitrag die Intuition gegenüber der Kalkulation in Stellung. Mit Bezug auf Edmund Husserl und den preußischen General Carl von Clausewitz zeigt er auf, dass zum Beispiel nicht mechanisch-wissenschaftliches Denken über den Ausgang eines Kriegs entscheidet, sondern künstlerisches Vermögen: Militärische Aktionen müssten nicht mechanisch, sondern intuitiv gelenkt werden. „Es ist der göttliche, intuitive Blick, der keine Konstruktion benötigt, um auf einen Schlag alles in Vollendung zu übersehen; eine Form der Wahrnehmung, die das Empirische mit dem Intuitiven verbindet und so das Offene und Überraschende in das Kalkül aufzunehmen vermag“, schreibt er unter dem Titel Die Erkenntniskraft der Plötzlichkeit. Im coup d’oeil – ein unübersetzbarer Begriff für das kurze, blitzartige Erfassen einer Situation – sieht er nicht nur die Bedingung von Herrschaft und Kriegsführung, sondern auch eine Voraussetzung der Kunst. Dem „Ich denke, also bin ich“ des Descartes setzt er gleichsam ein „Ich sehe, also denke ich“ entgegen.
Eine Möglichkeit der Hinwendung zur Sehform des coup d’oeil, die ein schlaglichthaftes Erkennen mit der souveränen Erfassung der Essenz verbindet, ist die Verlagerung der Konzentration weg von der Suche nach Sinn hin zu den Dingen. In der spürbaren Anwesenheit der Dinge, in deren Präsenz, sieht Hans Ulrich Gumbrecht eine existenzielle Dimension, die der bewussten Einordnung des Wahrgenommenen in Sinnzusammenhänge noch vorhergeht. Und in der Tat haben es die modernen elektronischen Kommunikationsmittel mit ihren virtuellen Welten vermocht, die realen Dinge und den Raum aus unserem Alltag zu verdrängen: Die reale Präsenz der Welt ist für viele nurmehr auf einen Computerbildschirm zusammengeschrumpft. „Die ganze Welt auf einen Blick“, das Versprechen des Internetzeitalters, alles im Blick halten zu können, ist durch die Perfektion der elektronischen Gedächtnisse Wirklichkeit geworden: Weil immer schon alles in Echtzeit verfügbar ist, wir die Vergangenheiten nicht mehr vergessen und beliebig viele Zukünfte durch Simulation ins Hier und Jetzt geholt werden können, ist unsere Gegenwart eine breite geworden, in der alle herkömmlichen Zeitvorstellungen zu einer (All-) Gegenwart von Gleichzeitigkeiten verschwimmen, so Gumbrecht unter dem Titel Das Ende der Zukunft. Wir leben in einem überdehnten Nichts, das so viel Raum einnimmt, dass wir es gar nicht mehr überschauen können; selbstbestimmtes Handeln wird zur Unmöglichkeit.
Solchermaßen zu einer Sandbank im Fluss der Zeit gewordene Gegenwärtigkeit ist nicht mehr endlose Dauer, sondern vielmehr eine Form der Unzeitlichkeit. Denn gleichwohl es in Ludwig Wittgensteins Tractatus heißt, dass, wer beständig in der Gegenwart lebt, ewig lebt, so scheitert auf Dauer angelegte Gegenwart doch an der Leibgebundenheit des menschlichen Denkens und Wahrnehmens, bleibt letztlich der Tod doch immer Meister über jedwede Lebenszeit. Erst wenn sich der Mensch seines Lebens als eines Vorlaufens auf den Tod hin bewusst wird, so Martin Heidegger, ist die Zukunft nicht länger reines „Gewärtigen“ dessen, was kommt. Indem wir unser Leben entschlossen auf den Tod hin entwerfen, erwächst aus der Gegenwart der Augenblick als Moment der existenziellen Entscheidung. In einem solchen Augenblick wird einem deutlich, dass die verfließende Zeit nichts anderes ist als Lebenszeit, Zeit, die an sich nicht verfließt oder zerrinnt, sondern zu einem gehört, schreibt Andreas Luckner unter dem Titel Aufbruch zum Selbst.
Ein solches Selbst ist Erika Fischer-Lichte zufolge jedoch nicht ohne den Leib und den Leib des Anderen zu haben: Präsenz als gesteigerte Form von bloßer Anwesenheit und Gegenwärtigkeit „ist eine Qualität, die ausschließlich an einem anderen Menschen gespürt werden kann, zugleich aber Rückwirkung auf das eigene Gefühl des In-der-Welt-Seins hat“. Im gelungenen Spiel des Theaterschauspielers, in dem dieser eine Figur vermittels seiner körperlichen Präsenz – im „Material der eigenen Existenz“ – zum Leben erweckt, könne sich der Zuschauer selbst als „verkörperter“ und „verkörpernder Geist“ (embodied mind) erfahren.
Gleichwohl die Physik nur eine quantitative Bestimmung der Zeit kennt, ist es weniger die absolute zeitliche Dauer, welche die Faszination des Augenblicks ausmacht, als vielmehr dessen qualitative Bestimmung. Entgegen Friedrich Nietzsches Überzeugung ist der Augenblick nicht „vorher ein Nichts“ und auch nicht „nachher ein Nichts“. Selbst wenn er in Nietzsches Worten „im Husch da, im Husch vorüber“ ist, so hat er doch ebenso Geschichte, wie er Zukunft kennt. Karl Jaspers betont zwar mit Recht, dass allein die „Realität des Augenblicks“ das unmittelbar Wirkliche ist, die jeweilige Gegenwart ist jedoch niemals reine Jetzt-Zeit. Vergangenes wirkt in ihr nach und Zukünftiges weist gestaltend in sie zurück, heißt es in Gudrun Kühne-Bertrams Beitrag Der Augenblick der Existenz.
Wer aber die Vergangenheit glorifiziert oder deren Fehler beständig zu vermeiden sucht, ist für die Gegenwart genauso verloren wie diejenigen, die alle Hoffnungen auf die Zukunft setzen oder von dieser nur das Schlimmste befürchten. Befreit von den Schatten der Vergangenheit sowie den Hoffnungen und Sorgen um die Zukunft ist das Verweilen im Augenblick in der Tat ein Stück Ewigkeit, wie Sören Kierkegaard lehrt. In seiner zeitlosen Leere entpuppt sich der Augenblick als Fülle des Lebens. Anwesenheit, Gegenwärtigkeit und Präsenz kennen als Zeithorizont immer nur den ausdehnungslosen Moment; uns und Welt können wir immer nur im Augenblick erleben, handeln immer nur im Jetzt. Doch die Erfahrung und Annahme der Dauer, der bewusste Umgang mit dem Vergangenen wie dem Kommenden, ist es, der uns in Form der Rückschau und des Vorausblicks eben nicht entrückt, sondern immer wieder zurechtrückt.

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur