der blaue reiter


Antje Seemann:
Bernard de Mandeville, 2014
Linolschnitt, 42 x 35 cm
www.antjeseemann.de



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der blaue reiter Ausgabe 36 > zurück zur Themenliste

 



Die regulierte Lasterhaftigkeit

Bernard de Mandeville im Porträt

Der Name „Mandeville war bei allen angesehenen Autoren seiner Tage identisch mit einem Schimpfwort; sein Buch (Die Bienenfabel) wurde als eine Art von Spelunken-Ausgabe des Erzfeinds der damaligen Schulphilosophie, Thomas Hobbes, angegriffen“, schreibt Leslie Stephen in seiner 1876 erschienenen Geschichte des englischen Denkens. Bei Karl Marx heißt es hingegen: „Was Mandeville, ein ehrlicher Mann und heller Kopf, noch nicht begreift, ist, daß der Mechanismus des Akkumulationsprozesses selbst … die Masse der ,arbeitsamen Armen‘ vermehrt.“ War Bernard de Mande­ville aus heutiger Sicht nur ein „abscheulicher Kneipenphilosoph“ oder nicht doch ein weitsichtiger Denker?

Es gibt eine hall of fame und eine hall of shame nicht nur von Wirtschaftsführern und Unternehmern, sondern auch von Philosophen. Wer in der Ruhmeshalle der Philosophen residieren darf, ist einigermaßen klar: selbstredend Platon, Aristoteles, Thomas von Aquin und so weiter. Auch ist „man“ sich darüber einig, wer in die „Halle der Schande“ verdammt wird. Um nur drei kollektiv Verfluchte zu nennen: Thomas Hobbes, Baruch de Spinoza und der bekannteste Buhmann des 18. Jahrhunderts Bernard de Mandeville. Wie schafft man es, dass sich sowohl beim moralinsauer philosophierenden Spießer als auch bei so scharfsinnigen und angesehenen Zeitgenossen wie Francis Hutcheson oder Bishop George Berkeley allein schon beim Namen Mandeville Schaum vor dem Mund bildete? Ein anonymer Schreiberling giftete gar: „Genügen wir uns damit, dass die schäbige Absicht und der Plan dieser Publikation der Propagierung der Hurerei dient. – Insgesamt kann man sagen, diese Publikation ist eine derartige Mischung aus Dumpfheit und Unverschämtheit, ein Ereignis, das sogar dieses außergewöhnliche Zeitalter niemals zuvor hervorgebracht hat“. Gemeint ist hier sicherlich Mandevilles Arbeit Eine gemäßigte Verteidigung öffentlicher Freudenhäuser: oder eine Abhandlung über die Hurerei wie sie derzeit in diesen Königreichen praktiziert wird. Verfasst von einem Laien. Mandeville tritt in dieser Schrift für eine vernünftige staatliche Regelung dieser prekären „sozialen Tatsache“ ein.
Welchen Ruf man sich erwerben muss, um in der schäbigen Hütte der Schande zu landen, zeigt die Bemerkung von John Dennis, einem Zeitgenossen Mandevilles, über dessen Bienenfabel: „Denn, um die äußerste Verderbtheit unserer Zeit aufzuzeigen, in der wir leben, haben Laster und Luxus einen Schwätzer und Verteidiger gefunden, wie sie das zuvor niemals taten. Es war schon so, es gab zahlreiche ungläubige, deistische, arianische, sozianische Schwätzer und Schwätzer für tausend Arten von hirnrissigen und eifernden Fanatismen. Aber dennoch haben all diese Schwätzer sich lauthals für Moralität und Tugend ausgesprochen und auch alle von ihnen, nimmt man die Deisten heraus, die Offenbarung anerkannt. Aber ein Schwätzer, der Laster und Luxus befürwortet, ein ernstzunehmender, ein cooler, ein abwägender Schwätzer, das ist eine völlig neue Kreatur, die man niemals zuvor in irgendeiner Nation gehört hat oder in irgendeinem Zeitalter dieser Welt. Und, um zu illustrieren, wie weit sich Ungläubigkeit und wie penetrant sich deren Kinder, nämlich Laster und Luxus ausgebreitet haben, hat das Werk, das dieser Schwätzer zu ihrer Verteidigung (des Laster und des Luxus) veröffentlicht hat, noch großen Erfolg. Gleichwohl ist es eine miserable Erdichtung, schwach und falsch und absurd in ihrer Argumentation; peinlich und nörglerisch, sowie tiefstehend in ihren Einsichten. In ihrem Witz ist diese Darstellung bemerkenswert tiefstehend und in ihrer Sprache häufig grob.“
Wer war der Autor, den die Heerschar von Gutmenschen geifernd und beschimpfend umkreiste wie Motten das Licht, jener „Gentleman“, welcher als erster „für die öffentliche Tolerierung der Laster“ schrieb, wie wir in einem 1724 anonym erschienenen Schmähartikel lesen können?

Über den Menschen Mandeville ist relativ wenig bekannt. 1670 wahrscheinlich in Rotterdam oder dem nahegelegenen Dort (Dordrecht) geboren, entstammt er einer Akademikerfamilie. Trotz des französisch klingenden Namens lässt sich keine Verbindung nach Frankreich nachweisen. Er studierte an der Universität Leiden Philosophie, später Medizin und erwarb 1691 den Doktortitel der Medizin. Entscheidend und prägend für Bernard de Mandeville dürfte dessen „literarische“ Beteiligung an einem Aufruhr in Rotterdam gewesen sein. Dieser war eine Folge der als himmelschreiendes Unrecht empfundenen Hinrichtung des Rotterdamer Bürgers Cornelis Costerman. Der Aufruhr richtete sich eigentlich gegen den korrupten Chef der Rotterdamer Verwaltung Van Zuijlen. Van Zuijlen war zwar 1690 abgesetzt worden, kehrte aber 1692 ohne Angabe von Gründen wieder in sein Amt zurück. Da offensichtlich beide Mandevilles, Vater und Sohn, an einer damals üblichen Pasquill, einer anonymen Schmähschrift gegen Van Zuijlen, beteiligt gewesen waren, dessen Haus während der sogenannten Costerman-Unruhen verwüstet worden war, sann dieser auf Rache. Der Vater Mandevilles wurde ohne Gerichtsverfahren aus der Stadt verbannt und siedelte nach Amsterdam um, der Sohne reiste einige Jahre durch Europa, um der Verfolgung durch die niederländische Justiz zu entgehen und landete schließlich in London. Dort übte er recht erfolgreich seinen Arztberuf aus. Daneben zeichnete ihn eine Liebe zur Schriftstellerei aus, vor allem zu satirischen (Tier-)Fabeln. Tiere oder Insekten, etwa Bienen, dienten ihm dazu, menschliche oder auch gesellschaftliche Widersprüche und Heucheleien zu entlarven, um witzig, gleichsam spielerisch, wie er es nannte, eine anatomy of society, eine Sektion der Gesellschaft, vorzunehmen. Bernard de Mandeville, der in England sein „de“ abgelegt hatte, starb 1733 in Hackney/London, wahrscheinlich an einer Grippe.

Die Bienenfabel

1705 erschien in London ein kleines anonymes Pamphlet, eine Tierfabel in Versform, mit dem Titel: The grumbling hive: or, knaves turn’d´honest (frei übersetzt: Der sich beklagende Bienenstock, oder, was sich alles ereignet, wenn Schurken plötzlich zu Ehrenmännern mutieren). Um dieses Spottgedicht herum komponierte er seine erstmals 1714 erschienene Bienenfabel oder wie sich private Laster in öffentlichen Nutzen verwandeln. Dem Gedicht The grumbling hive hatte Mandeville Eine Untersuchung über den Ursprung der sittlichen Tugend sowie Remarks, also Anmerkungen und Erläuterungen zu Aussagen seines Gedichts, hinzugefügt. Dieses Buch erregte weder öffentliches Ärgernis noch war es sonderlich erfolgreich. Das änderte sich schlagartig, als Mandeville 1723 seine Fabel um zwei weitere Aufsätze ergänzte, nämlich um die Abhandlung über Barmherzigkeit und die Armenschulen sowie Eine Untersuchung über die Natur der Gesellschaft. Besonders ersterer brachte Theologen, Schulphilosophen sowie sonstige moralische Saubermänner, vor allem die Besorgnis- und Empörungsliteraten, zur Weißglut. Mandevilles Ruhm und Auszeichnung als Menschen- und Gesellschaftsverderber, der seinesgleichen sucht, war aus einem Skandal geboren.

 

Mandeville hat einen festen
Platz in der „hall of shame“
der Philosophie.

 

1729 veröffentlichte Mandeville quasi eine Fortsetzung, in Dialogform. In diesem zweiten Band seiner Bienenfabel präsentiert er vor allem seine evolutionäre Gesellschaftstheorie. Die Entwicklung der menschlichen Gattung, heißt es dort, wird durch den Wettbewerb um knappe Güter vorangetrieben. Schließlich schickte Mandeville 1732 noch einen dritten Band seiner Fable of the Bees hinterher, dem er einen neuen Titel verpasste: Eine Untersuchung über die Ursprünge der Ehre und die Nützlichkeit des christlichen Glaubens im Kriege. In diesem die Bienenfabel ergänzenden Werk verteidigt er erneut seine Grundpositionen und präzisiert den im zweiten Band eingeführten Begriff des self-liking, des menschlichen Bedürfnisses sich selbst gut zu finden, sprich den für seine Lehre so bedeutsamen Begriff des „Sich-selbst-Gefallens“. Self-liking ist nicht mit self-love zu verwechseln, also mit Selbstliebe, ein Begriff, der bei Mandeville für die klassische conservatio sui steht, den Selbsterhaltungstrieb. Das „Sich-selbst-Gutfinden“ wird vor allem in höheren Kulturen, in denen für viele Schichten schon ein „Überflusskonsum“, sprich Luxus, möglich ist, virulent. So gesehen besteht Die Bienenfabel aus drei Bänden, von denen die zwei zeitlich letzteren in Dialogform verfasst sind. Die beiden bedeutsamen Dialogpartner sind Cleomenes, der hauptsächlich, jedoch nicht immer, die Position von Mandeville vertritt, und Horatio, der mehr in die Richtung von Anthony Ashley-Cooper, dem dritten Earl of Shaftesbury, tendiert. Shaftesbury geht davon aus, dass es in allen Menschen ein eingeborenes, universelles und sie bestimmendes Wohlwollen gibt, eine Position, die dem mandevilleschen universellen Egoismus des Menschen diametral entgegensteht.
Im ersten Teil seines Gedichts The grumbling hive beschreibt Mandeville einen blühenden, prosperierenden, von allen Nachbarbienen bewunderten und gefürchteten Bienenstock, sprich Staat. Der Wohlstand dieses Staats fußt auf Spekulanten, dubiosen Geschäftemachern und selbstredend auch auf der Arbeit der seriösen und pathologisch Fleißigen. Dennoch sind sie irgendwie alle Schurken, leben der Handel und die Märkte letztendlich doch vom Übervorteilen des andern, sprich vom Betrug.
Mandeville durchforstet die einzelnen Lebensgebiete, die produktiven Bereiche der Wirtschaft, die wesentlichen akademischen Berufe der drei maßgebenden Fakultäten in den Universitäten, das Militär, die Politik und enthüllt, spöttisch, ironisierend und auch sehr direkt, deren Laster. Der größte Teil der Priester ist fanatisch und ungebildet, der Rest gelehrt und wortgewaltig. Aber alle erfüllen, so Mandeville, „eine Anforderung: nämlich jene, ihre Faulheit (sloth), ihre Geilheit (lust), ihre Habgier (avarice) und ihre Aufgeblasenheit (pride) gekonnt zu verbergen“. Auch wenn Mandeville eingangs dieser Strophe von „den vielen Priestern des Jupiters“ spricht, ein Narr, der glaubt, es wäre nicht die seinerzeitige Priesterschaft gemeint. …

Autor: Otto-Peter Obermeier