der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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Luxus

20 Jahre der blaue reiter – 20 Jahre Luxus des Denkens

Die philosophische Frage nach Luxus ist keine aus Überdruss geborene Erfindung unserer modernen Überflussgesellschaft. Schon in der Antike setzte Diogenes von Sinope mit seinem asketischen Lebenswandel ein großes Fragezeichen hinter den Genuss des nicht unmittelbar zum Überleben Notwendigen: Hauste der bedürfnislose Philosoph doch fast nackt in einem Fass auf dem Marktplatz von Athen und pflegte, um sein Essgeschirr zu sparen, seinen erbettelten Linsenbrei aus einem aufgebrochenen Brot zu essen. Dem entgegen steht die These, dass es gerade das Streben nach Luxus und Annehmlichkeiten sei, das die Menschen zu ihren zivilisatorischen Anstrengungen motiviere und vom Müßiggang abhalte. In der Tat steht außer Frage, dass die dem Luxus frönenden Athener dem kulturellen Erbe der Menschheit Bedeutenderes hinzugefügt haben als die asketisch lebenden Spartaner. Auch wenn Prunkbauten wie die Akropolis, der Petersdom, das Taj Mahal oder die Blaue Moschee vordergründig nicht dem puren Überleben dienen, dürften sich jedoch kaum Mehrheiten finden lassen, die ernstlich für deren Abriss plädieren würden. Gleiches gilt für ein Verbot nicht überlebensnotwendiger Künste wie Musik, Bildhauerei oder Philosophie. Entsprechend stellt sich die Frage, ob der Genuss des über das Notwendige Hinausgehenden, der Konsum des solchermaßen als Luxus Ausgezeichneten gar kein überflüssiger oder gar schädlicher, sondern vielmehr ein wesentlicher Teil des Menschen ist und mithin Bedingung jeglicher Zivilisation.
Jean-Jacques Rousseau würde dies entschieden verneinen. Weil Wissen und Künste immer neue Schleier über das einstmals so reine Leben in würdiger Einfalt legen, plädiert der Wegbereiter der Französischen Revolution für die Vorzüge eines einfachen und ehrlichen ländlichen Lebens. Der elegante Lebensstil und die intrigante Streitkultur der Pariser Salons seiner Zeit waren ihm fremd. Auf dem Land gäbe es keine Maskeraden und Verstellungen. Die Menschen würden sich vielmehr mit offenen Herzen in Freude und fühlendem Einvernehmen begegnen. Die elaborierten großstädtischen Umgangsformen und das elegante Treiben der im Reichtum Schwelgenden sind ihm Synonym einer inhaltsleeren, im Verfall begriffenen Zivilisation. Reichtümer, so Rousseau, verleiten die Eigentümer zu Lastern, die der Freiheit des Einzelnen schaden und immerzu neue Begehrlichkeiten wecken. Damit formuliert er das Grundprinzip des modernen Konsum-Kapitalismus, in dem Angebot und Bedarf in keinem rechten Verhältnis mehr stehen. Wenn Konsum kein schlechtes Gewissen mehr kennt und Verbrauch solchermaßen zum Selbstzweck geworden ist, wird reflektierendes Denken durch Einkaufen ersetzt. Sind die Grundbedürfnisse gedeckt, kann die Industrie nur noch Wünsche verkaufen. Konzerne mutieren derart zu Philosophenschulen, die uns mit ihren quasireligiös aufgeladenen Produkten vorgaukeln, das gute Leben zu lehren. Bezahlt wird für Ware, gekauft wird ein gutes Gefühl. Aber wie lange kann ein solches System des Konsumismus funktionieren? Werden dabei doch zwei wichtige Fragen unbeantwortet gelassen: Hilft Luxus überhaupt bei der Suche nach dem guten, dem gelingenden Leben? Und, da sich Luxus für die meisten Menschen nicht in geistigen Werten oder in selbstbestimmter Zeit bemisst, sondern vielmehr eine begrenzte, materielle Form von Luxus weithin als dominanter Maßstab gilt: Wie gerecht ist der Luxus verteilt? Wird man doch nur dadurch reich, dass man andere für sich arbeiten lässt.
Die Frage nach der Gerechtigkeit hat der damalige Außenminister Guido Westerwelle im Rahmen einer Diskussion um eine marginale Erhöhung der Hartz-IV-Sätze mit dem unüberbietbaren Zynismus eines Staatsdieners mit Pensionsanspruch beantwortet: Er geißelte die Forderung als „spätrömische Dekadenz“. Leistung müsse sich lohnen, wer keine Arbeit habe, solle sich halt anstrengen. Eine bezahlte Arbeit zu haben, ist angesichts Millionen Erwerbsloser zwischenzeitlich jedoch schon selbst zum Luxus geworden. Entsprechend gelten alle Rechtfertigungsversuche des Luxus vielen nurmehr als plumpe Verteidigungsmanöver gegen berechtigte Umverteilungsansprüche.
Im Bewusstsein der Gefahren, die Luxus für Wenige auf Kosten der Vielen für ein Gemeinwesen mit sich bringt, hatten schon die römischen Kaiser Gesetze gegen überbordenden Luxus erlassen. Von seinen Beamten auf die zur Gewohnheit gewordene Übertretung dieser Gesetze hingewiesen, kam Kaiser Tiberius jedoch zu dem Schluss: „Uns möge Ehrgefühl, die Armen Not, die Reichen Übersättigung zum Besseren lenken.“ Auch wenn Reichtum und Prunk heute nicht mehr so öffentlich zur Schau gestellt werden wie noch zu Zeiten des Feudalismus, scheint es offensichtlich, dass allein die Hoffnung auf Einsicht, Ehrgefühl und Übersättigung der Armut nicht entgegenwirken kann. Nach wie vor sind alle Gesellschaften in Arm und Reich gespalten, wenige Promille der Bevölkerung verfügen über einen Großteil des vorhandenen Vermögens. Von Gerechtigkeit im Sinne der Verfügungsgewalt über die gleiche Menge an Ressourcen sind die real existierenden Gesellschaften weiter entfernt denn je.
Weit davon entfernt, den Luxus zu verbieten, sind auch Denker wie Bernard de Mandeville, der die Laster gar als Quelle des Wohlstands einer Nation erachtet, sowie Baron de Montesquieu, demzufolge die Armen verhungern, wenn die Reichen nicht prassen.
Auch ein Blick auf die Vielfältigkeit der Natur liefert kaum Argumente für freiwillige Askese. Mehr als durch ein strenges Regime der Not, das allenthalben Sparsamkeit und beständige Anpassung erfordert, ist sie bestimmt durch überschießende Produktivität und eine jenseits aller Nützlichkeit stehende Gestaltungsfreude. Die vielerorts durch eine opulente Fülle von Gestalten, mannigfache Formen und überbordende Farben charakterisierten Bildungen der lebendigen Natur verlieren jedoch schnell ihren Wert und ihren Reiz, wenn man sie nur durch die Brille von Zweckmäßigkeit oder biologischer Notwendigkeit betrachtet.
Aber auch unspektakulär und ausgeglichen wirkende, weich fließende Formen lassen sich durchaus mit einem reichhaltigen Glanz der Oberfläche verbinden, wie ein Blick auf die japanische Kultur verdeutlicht. Ist doch der Sinn für bedeutungsvolle Schlichtheit wie jener für das luxuriös Überschießende schon lange in ihrer wechselvollen Geschichte verankert.
Scheinbare Widersprüche zwischen Opulenz und Kargheit sind zumeist einer allzu menschlichen, oft ideologisch gefärbten Differenz zwischen sinnlicher Wahrnehmung und kognitiver Verarbeitung geschuldet. Weil denkerische Verengung zu einer Degradierung der körperlichen Empfindungen führt, bringt Johann Friedrich Herder mit seinem Bekenntnis „Ich fühle mich! Ich bin!“ und dem daraus folgenden Schluss „Existenz ist Genuss“ die Sinnlichkeit als Mittel der Welt- und Selbstbegegnung gegen eine allzu rationalistische Bewusstseinsphilosophie in Stellung. Wer dies jedoch als Weltaneignung missversteht und der Welt nur eine Haltung des unablässigen Verzehrens entgegenbringt, läuft Gefahr, im Verzehr der Dinge zu verschwinden. Aus Selbst- und Weltaneignung durch Genuss werden solchermaßen Selbst- und Weltverlust; die Welt verliert ihren Zauber, das Leben als Modus der Selbst- und Weltentdeckung seinen Reiz.
Nicht vergessen werden darf, dass Luxus immer eine soziale Komponente hat. Denn um als Luxus gelten zu können, müssen Güter einen Distinktions­gewinn versprechen. Neben der Exklusivität des Zugangs, der sich im Preis manifestiert, ist vor allem der Eindruck entscheidend, den das Objekt auf andere macht. Entsprechend ist es wesentlich, dass man beim Genuss von Luxusartikeln von anderen beobachtet werden kann. Wie in der Mode wird dabei eine Grundparadoxie der Gesellschaft offensichtlich: Man kann sich selbst nur im Verhältnis zu anderen finden. Darin liegt jedoch gerade in Bezug auf den Genuss von Luxus die Gefahr, sich lächerlich zu machen. Denn Stil und mithin ehrliche Anerkennung ist für kein Geld der Welt zu kaufen.
Ist Luxus also die Glasur, die wir dem gesellschaftlichen Leben überziehen, sozusagen die Sahne auf dem Kuchen, oder ist Luxus der Treibstoff für jegliche Form von Zivilisation? Letztlich kommt es auf den richtigen Luxus an! Philosophie zum Beispiel ist für die Menschheit definitiv nicht überlebensnotwendig. Doch was wäre das für eine Welt ohne die Freuden des Denkens, ohne die Freude an Musik und Kunst? Und: Ist das Leben ohne jeglichen sinnlichen Genuss überhaupt lebenswert? Aristoteles wirft diesbezüglich die Frage nach dem richtigen Maß in die Waagschale. So wie Tapferkeit weder Tollkühnheit noch Feigheit meint, hält das gelingende Leben das Maß zwischen Askese und Völlerei, zwischen notwendigem Überfluss und überflüssigem Prunk. Welches das richtige Maß ist, darüber gibt Aristoteles klugerweise keine Auskunft. Entheben allgemein- und letztgültige Antworten doch den Einzelnen der Verantwortung für sein Tun. Sicher ist nur: Reich sein oder Überleben alleine ist nicht genug!
Luxus, wie immer man ihn auch definieren mag, ist ebenso wenig gerecht wie demokratisch, ist weder uneingeschränkt zu verurteilen noch unreflektiert erstrebenswert. Ein Diogenes kann nur in einer Umgebung existieren, die sich den Luxus leisten kann, einen nicht für die Gemeinschaft produktiven Menschen zu ernähren. Kann er nichts erbetteln, muss er die Linsen für seinen Brei und das Korn für sein Brot selbst mühsam einem Acker abtrotzen und gegen Schädlinge verteidigen. Auch ein Dandy bedarf der Alimentierung derer, die er so gekonnt verachtet.
Selbst wenn Zurück zur Natur keine Option ist, wie schon Voltaire gegen Rousseau anmerkt, verfehlt eine ausschließliche Weltaneignung durch die Sinne ebenso das Wesen des Menschen wie eine einseitige Weltaneignung durch Begriffe. Man kann leicht Einigkeit darüber herstellen, dass der Genuss von Wein als Luxus des Wohllebens allemal besser ist als luxuriöse Verschwendung desselben durch gedankenloses Verschütten. Die grundsätzliche Frage nach dem richtigen je persönlichen Maß ist damit allerdings nicht beantwortet.

Mit der vorliegenden Ausgabe des Journals für Philosophie der blaue reiter sollen, wie mit allen vorangegangenen, keine abschließenden Antworten gegeben werden. Anliegen der Redaktion ist es vielmehr, An­regungen zum Weiterdenken vorzustellen. Ich für meinen Teil bin dankbar, dass mir entgegen jeglicher betriebswirtschaftlicher Logik seit nunmehr zwanzig Jahren der Luxus vergönnt ist, das vorliegende Journal publizieren zu dürfen. Ihnen als Leser, allen Autoren, Künstlern, Redakteuren, Mitarbeitern und Förderern möchte ich an dieser Stelle auch im Namen meiner Mitherausgeber ganz herzlich dafür danken. Ich freue mich auf viele weitere gemeinsame Jahre des Luxus der durchaus auch sinnlichen Freude am Denken.

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur