der blaue reiter


Keuchenius: Immanuel Kant, 2003



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Immanuel Kants Lieblingswitze

Ein Streifzug durch die Philosophiegeschichte des Lachens

Das Verhältnis von Philosophie und Lachen ist ambivalent: Platon galt Lachen als Zeichen der Schwäche und Verweichlichung, wohingegen Demokrit als „der lachende Philosoph“ in die Geschichte einging. Während das Lachen für die religiösen Autoritäten des Mittelalters des Teufels war, erachtete Baruch de Spinoza Fröhlichkeit als Zeichen für die Teilhabe an der gött­lichen Natur. Die Aufklärer schätzten zwar die gesundheitsfördernde Kraft des Lachens, gelacht wurde aber auch in Zeiten der Aufklärung nicht aus Gründen der Gesundheit, sondern aufgrund von Widersinnigkeiten, die Immanuel Kant zufolge dem Verstand keine Freude machen können. Sind also Lachen und Vernunft ein Widerspruch?

Philosophie und Lachen erscheinen zunächst als Feinde. Aus der Frühzeit der abendländischen Philosophie stammt das Lachverbot Platons. Wenn der „Staat“ stabil sein soll, dann dürfen seine Wächter nicht lachen und keine Gedichte lesen: „Wir aber fürchten für die Wächter, sie möchten uns … zu hitzig und zu weichlich werden.“ Lachen ist für Platon eine körperliche Revolution, deshalb muss es unterbleiben, „denn wenn man sich heftigem Lachen überläßt, so zieht es gewöhnlich eine heftige Umwandlung nach sich“.
Bei der ungeheuren Autorität, die Platon bis heute hat („Alle abendländische Philosophie“, sagte Alfred N. Whitehead, „ist nur eine Fußnote zu Platon.“), war dieses Verdikt verhängnisvoll. Es hat nicht nur mit Staatsräson zu tun, die man, wenn man an Platons Erfah­rungen mit Bürgerkrieg und Tyrannen denkt, billigen kann, sondern auch mit dem Ekel des Idealisten vor allem Körperlichen. Lachen aber ist aufdringlich körperlich: Zwei reden gescheit miteinander, plötzlich antwortet der eine mit konvulsivischen Krämpfen des Zwerchfells.

Lachen ist des Teufels

Es ist denkbar, dass Aristoteles unter der Last des platonischen Lachverbots das Lachen selbst nicht mehr thematisierte. Denn die immer wieder zitierte Stelle: „Daß nur der Mensch kitzlig ist, liegt an der Feinheit seiner Haut und an dem Umstand, daß nur er von allen Geschöpfen lachen kann“, findet sich an entlegenem Ort. Immerhin gilt ihm Lachen als genuin menschlich, wo es doch in der Nachfolge Platons auch leicht dem Tierischen hätte zugeschlagen werden können. Sprechen wir doch heute noch von „wiehern“ und „gackern“, um Lachformen zu charakterisieren.
Immer wieder wurde über das möglicherweise verlorene zweite Buch der Poetik des Aristoteles, das von der Komödie handeln soll, spekuliert. Das berühmteste Beispiel zu diesem Thema ist Umberto Ecos Roman Der Name der Rose (1980). Eco hat recht damit, dass die katholische Kirche mit ihrem gegen die karneva­listische Volkskultur gerichteten Lachverbot in arge Bedrängnis gekommen wäre, wenn sich in der einzigen heidnischen Autorität, die sie anerkannte, eine Feier des Lachens gefunden hätte. Ein solches Buch hätte als heitere Aufklärung tatsächlich verbrannt werden müssen.

 

Sind Lachen und Vernunft ein Widerspruch?

 

Um den offiziellen Status des Lachens im Mittelalter zu charakterisieren, genügen wenige Zitate von Kirchenvätern: „Solange wir im Tal der Tränen sind, dürfen wir nicht lachen, sondern müssen weinen. Deshalb sagt auch der Herr: Selig die Weinenden, denn sie werden lachen. Wir sind im Tal der Tränen, und dieses saeculum gehört den Tränen, nicht der Freude.“ (Hieronymus, ca. 347-419); „Die Menschen lachen und weinen, und dass sie lachen, ist zum Weinen!“ (Augustinus, 354-430); „Wenn du auch solche Tränen weinst, dann bist du dem Herrn ähnlich geworden. Denn auch er hat geweint über Lazarus und Jerusalem … Und weinen sehen kann man ihn oft, lachen niemals, nicht einmal stille lächeln. … Darum redet Christus so oft von Reue zu uns, preist die Bußfertigen glücklich und ruft wehe über die, die lachen. Diese Welt ist eben kein Theater zum Lachen, nicht dazu sind wir beisammen, um schallendes Gelächter anzuschlagen, sondern um über unsere Sünden zu seufzen, und mit diesen Seufzern werden wir uns den Himmel erwerben.“ (Chrysostomos, 344-407)
Jacques LeGoff fasst zusammen: „Insgesamt gesehen ist das Lachen zusammen mit der Eitelkeit der zweite große Feind des Mönchs … Wenn das Lachen beginnt, muss es auf jeden Fall daran gehindert werden, sich Ausdruck zu verschaffen. So sehen wir, wie von all den üblen Ausdrucksformen, die von innen kommen, das Lachen das schlimmste ist: Die schlimmste Verschmutzung des Mundes.“

Die heitere Aufklärung

Die Philosophie der Neuzeit steht unter dem Motto „Lachen ist gesund“. Beispielhaft heißt es bei Immanuel Kant: „Es muss in allem, was ein lebhaftes erschütterndes Lachen erregen soll, etwas Widersinniges sein (woran also der Verstand an sich kein Wohlge­fallen finden kann).“ Kant fährt fort: „Das Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts.“ Sitzt man im Kabarett, dann erwartet man aber „gespannt“ die Pointe. Diese Erwartung der Lachlust meint Kant offensichtlich nicht, sondern die Erwartung des Verstands auf eine rationale Kommunikation. Sie wird in der Pointe enttäuscht. Bleibt die Frage, wer dann Vergnügen empfindet, wenn nicht der Verstand. Man ahnt schon: Was dem Verstand nicht gefällt, kann doch dem Körper gefallen. „Also muss die Ursache in dem Einflusse der Vorstellung auf den Körper und dessen Wechselwirkung auf das Gemüt bestehen; und zwar nicht, sofern die Vorstellung objektiv ein Gegenstand des Vergnügens ist (denn wie kann eine getäuschte Erwartung genügen?), sondern lediglich dadurch, dass sie, als bloßes Spiel der Vorstellungen, ein Gleichgewicht der Lebenskräfte im Körper hervorbringt.“
Kant bleibt dabei, dass ein Widerspruch kein Vergnügen machen kann, aber als „Spiel der Vorstellungen“, welches das „Gemüt“ akzeptiert, auf den Körper durchzuschlagen vermag und dort offenbar etwas Umfassenderes, nämlich „Lebenskräfte“ in einen vergnüglichen Zustand versetzen kann.
Das ist die Hauptlinie des aufgeklärten Denkens. Sie setzt dem kirchlichen Motto „Lachen ist des Teufels“ (weil Jesus nie gelacht hat) die Gesundheit des Lachens entgegen. Das Argument hat aber einen Pferdefuß: Leicht lässt sich Lachen ausschließlich auf die körperliche Seite schieben. Wenn sich der lachende Körper schon nicht beherrschen lässt, dann sollen seine Eskapaden wenigstens gesund sein, denn was gesund ist, ist vernünftig. Es lacht aber kein Mensch, weil es gesund ist, sondern weil’s Spaß macht. Und dem Lustprinzip steht das Denken als Teil des Realitätsprinzips fern. Die Philosophie der Aufklärung mag den natürlichen Grund des Lachens getroffen haben, das subjektive Motiv nicht.
Bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel sind Natur und Geist nicht getrennt, sondern der Geist ist die Kraft, die sich durch die Natur- und Kulturgeschichte realisiert. In seinem großen Systematisierungsversuch der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften erscheint das Lachen im dritten Teil. Hegel „platziert“ seine Auseinandersetzung mit dem Lachen zwischen die Erläuterungen über den natürlichen und den schon empfindenden, also eigentlich geistigen Teil der Seele, was genau der Ambivalenz des körperlich-geistigen Doppelcharakters entspricht, den man beim Lachen beobachten kann. Er beruft sich ganz ähnlich wie vor ihm schon Kant auf den vernichtenden Geist des Lachens. Bei jeder Komik, schreibt Hegel, „kommt die Subjektivität des Zuschauers oder Zuhörers zum ungestörten und ungetrübten Genuss ihrer selbst, da sie die absolute Identität, die unendliche Macht über jeden beschränkten Inhalt … ist, durch welche eben der komische Gegenstand vernichtet wird. Hierin ist der Grund der Heiterkeit enthalten, in die wir durch das Komische versetzt werden. Mit diesem Grunde steht aber die physiologische Erscheinung jenes Heiterseins, die uns hier besonders interessiert, im Einklange; denn im Lachen verleiblicht sich die zum ungetrübten Genuss ihrer selbst gelangende Subjektivität, dies reine Selbst, dies geistige Licht, als ein sich über das Antlitz verbreitender Glanz und erhält zugleich der geistige Akt, durch welchen die Seele das Lächerliche von sich stößt, in dem gewaltsam unterbrochenen Ausstoßen des Atems einen leiblichen Ausdruck.“
Das kann man wohl eine enthusiastische Würdigung des Lachens nennen, die bemüht ist, seinen „Geist“, „dies geistige Licht“ als ungetrübte Subjektivität zu fassen, die dadurch sich herstellt, dass sie das Objektive in Form des Lächerlichen vernichtet. Lachen ist nach Hegel eine begrenzte Gestalt der Freiheit, die durch eine besonders scharfe Trennung des Subjektiven vom Objektiven entsteht. Diese der bloßen Natur innewohnende Schärfe der Trennung aber ist es gerade, die Hegel im weiteren kritisiert: „Übrigens ist das Lachen zwar etwas der natürlichen Seele Angehöriges … durchläuft aber von dem gemeinen, sich ausschüttenden, schallenden Gelächter eines leeren oder rohen Menschen bis zum sanften Lächeln der edlen Seele, dem Lächeln in der Träne, eine Reihe vielfacher Abstufungen, in welchen es sich immer mehr von seiner Natürlichkeit befreit, bis es im Lächeln zu einer Gebärde, also zu etwas vom freien Willen Ausgehenden wird.“ Hegel löst jeden Widerspruch im Denken und raubt dem Lachen seinen traditionellen Stoff. Wer glaubt, dass sich die wirkliche Welt so bewegt wie das eigene dialektische Denken, kann im Lachen nur die Abwehr der Welt erkennen, nicht die Öffnung zu ihr hin.
Abschließend beruft sich Hegel auf Perikles, der angeblich nach Übernahme des Staatsamts nicht mehr gelacht haben soll (also ganz im Sinne Platons), und erklärt im nächsten Abschnitt die Stimme, die sprachlich artikulieren kann, zur höheren Form des Ausdrucks gegenüber dem bloßen Lachen (und Weinen). Das heißt, das Körperlich-Natürliche des Lachens verfällt, auch wenn zuvor sublim interpretiert und enthusiastisch gewürdigt, der Abwehr. Lachen und Weinen sind gewissermaßen nur niedrige Stufen auf dem Weg des Geistes, ganz ähnlich, wie es auch bei den Indianern heißt: Ein Indianer lacht und weint nicht, das ist eine Sache der Weiber und Kinder. …

Autor: Rainer Stollmann