der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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Freundschaft


Twittern, chatten, profilieren: Freundschaft hat wieder Konjunktur! „Amigos“ sind nicht nur in Politik und Wirtschaft gewichtiges Kapital, mit dem man wuchern kann. Auch in den modernen sozialen Netzwerken wie Facebook, Myspace und Google+, den World-Trade-Centern unserer mitteilungssüchtigen Zeit, wird der Wert eines User genannten Menschen in der Anzahl seiner vorgeblichen Freunde gemessen. Selbst wenn beim Geld die Freundschaft erfahrungsgemäß schnell endet, ist die aus analogen Zeitaltern überlieferte Einsicht, dass ein guter Freund Goldes wert ist, nach wie vor gültig. Doch so, wie die Entwertung des Geldes eine Krise der Wirtschaft anzeigt, offenbaren die inflationären Freundschaftszahlen in den uferlosen Weiten des World-Wide-Web eher eine Abwertung der Freundschaftswährung, sind eher Indiz einer Weltfreundschaftskrise der modernen Gesellschaften, denn Vorbote eines anbrechenden Zeitalters allgemeiner Verbrüderung. Der Freunde- und Kommunikationswahn auf den diversen Plattformen des Internets, die virtuellen, sprich nur scheinbaren Werte, welche die Internetindustrie trefflich in reales Geld umzumünzen versteht, zeugen davon, dass Freundschaft im modernen Sprachgebrauch nur mehr eine Schwundform dessen ist, was in poetischen Lobsprüchen seit alters her besungen wird.
Schon Aristoteles hat Freundschaft als unter den Lebewesen einzig dem Menschen eignendes Charakteristikum herausgestellt: „Niemand würde wählen, ohne Freunde zu leben, auch wenn er alle übrigen Güter hätte“, zitiert Jörn Müller unter dem Titel Glücklich ist nur der, dessen Freunde auch glücklich sind. Zu den unverbindlichen virtuellen Freundschaften unserer Tage, die sich leicht und konfliktfrei mit einem Mausklick beenden lassen, hätte Aristoteles wohl ein eher reserviertes Verhältnis, so Müller. Ob wirklich eine Basis echter Freundschaft vorhanden ist, eine Eintracht (homonoia) in den praktischen Überzeugungen, Entscheidungen und Handlungen, kristallisiere sich erst in der tätigen Erprobung des realen Zusammenlebens heraus. Denn, so der Tenor des lebensklugen Denkers der Antike: „Freunde wünschen sich einander nicht nur Gutes, sondern sie tun es auch.“ Entsprechend ist Freundschaft für Cicero ein wesentlicher Teil der moralischen Entwicklung eines jeden. Müller weist jedoch auch darauf hin, dass man Cicero zufolge die persönliche Loyalität gegenüber dem Freund nicht höher stellen dürfe als patriotische Pflichten.
Mit seiner Definition des Politischen als Unterscheidung zwischen Freund und Feind hat der Rechtsphilosoph Carl Schmitt dies in extremer Form auf den Punkt gebracht. Während Aristoteles die bürgerliche Verfassung als eine politische Voraussetzung symmetrischer Freundschaft betrachtet, so Reinhard Mehring unter dem Titel Schluss mit Lustig!, definiert Schmitt den politischen Bereich eher als strategischen Raum des Konflikts. Weil alle sozialen Beziehungen auf einer Tauschökonomie beruhten, seien nicht Gemeinsamkeiten Voraussetzung und tragende Säule des gegenseitigen, interesselosen Wohlwollens der Freunde, sondern die Abgrenzung gegenüber den gemeinsamen Feinden: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“
Solchermaßen ist der Feind unabdingbar der Splitter im Auge der Freundschaft, wird ein „vernunftgetragener Gemeinwille“, wie ihn die Denker der griechischen Polis im Gespräch unter Gleichen glaubten herausdestillieren zu können, zur Illusion. Die entsprechende Beschreibung der Gesellschaft als „System“ und die Ersetzung des Begriffs gegenseitiger Verantwortung durch Entschuldungsformeln wie „Systemlogik“ und „Systemzwang“ von Niklas Luhman kam so gesehen nicht von ungefähr. Entgegen der Vorstellungen der Denker der Antike von Freundschaft als enger Beziehung zwischen nur ganz wenigen Menschen ist im „System“ der virtuellen Beziehungen die Zahl der „Freunde“ beliebig vermehrbar. Entsprechend wirft Alois Hahn in seinem Beitrag die Frage auf, ob das klassische Konzept der Freundschaft heutzutage überhaupt noch zeitgemäß ist. War Freundschaft vormals eine Kompensation von Strukturdefiziten, stellen wir, so Hahn, zunehmend von persönlichem Vertrauen auf Systemvertrauen um. Übernähmen heutzutage doch Versicherungen die Aufgabe in finanziellen Notlagen zu helfen deutlich verlässlicher als Freunde, die erfahrungsgemäß vor allem in der Not rar sind: Für die Altersvorsorge bauen wir auf die Renten-, im Krankheitsfall auf die Krankenkasse und für unsere persönliche Sicherheit vertrauen wir auf die Polizei. Und selbst für eventuell nötigen seelischen Trost gebe es professionellen Beistand. In guten sozialen Systemen, so der Schluss von Hahn, ist Freundschaft überflüssig.
In dem Maß, in dem sich unsere Gesellschaft ausdifferenziert, wird völlige Vertrautheit und Übereinstimmung aller Interessen, wie es das antike Freundschaftsideal fordert, in der Tat schwieriger. Die romantische Vorstellung des einen, uns ganz zugewandten und lebenslang begleitenden Freundes als quasi anderes Selbst, wie ihn Ralf Becker in seinem Beitrag Der Freund als Tor zur Welt mit Bezug auf Max Scheler beschreibt, gerät immer mehr aus dem Blick. Dabei, so Becker, benötigen wir den Freund um unser eigenes Wesen erkennen und uns weiterentwickeln zu können, denn: Der Freund wartet nicht am Ziel, er begleitet uns.
Dem gegenüber weist Jan Urbich mit Bezug auf Jacques Derrida und Emmanuel Levinas darauf hin, dass wahre, humane Anerkennung, welche die Freiheit und Würde des Anderen zu bewahren weiß, paradoxerweise nicht Hinwendung zum Anderen erfordert, sondern vielmehr Abwendung. Kennt unser Alltag unter den Bedingungen einer ökonomisierten Lebenswelt Anerkennung doch zumeist „nur in der Form, sich selbst zur Ware zu machen. Wir betrachten den Anderen als Möglichkeit, uns durch seinen ideellen ‚Besitz‘ als unser Bekannter, Freund oder Partner im sozialen Wettkampf aufzuwerten“, konstatiert er unter dem Titel Wir müssen uns ineinander wiederfinden wollen. Dem Prinzip des wechselseitigen Tauschs setzt Derrida das Konzept der Gabe als per Definition nicht erwiderungsfähige Form der Zuwendung entgegen. Freundschaft wird derart zur Verausgabung des Selbst an den Anderen. Auch für Levinas ist die Anerkennung des Anderen als „Anderer seiner Selbst“ ein Schreckgespenst. Werde dadurch doch jede Begegnung mit dem Anderen zu einer Selbstbegegnung, Identität mithin zu einem Gefängnis: „durch alle Abenteuer hindurch findet sich das Bewußtsein als es selbst wieder“, zitiert Urbich. Aus dieser Hölle der Identität führe nur die Erfahrung des Anderen als „absolut Anderen“. So gesehen ist Freundschaft eine Beziehung zwischen Gleichen, die wissen, dass sie ungleich bleiben.
Dass „ein Selbst sich nur im Spiegel eines anderen erkennen kann, mit dem es in seiner ganzen Kreatürlichkeit verbunden und zugleich von ihm getrennt ist“, entspricht auch der Überzeugung von Ferdinand Fellmann. Den titelgebenden Satz seines Beitrags „Lass uns Freunde sein!“ hält er als Wunsch beim Ende eines Liebesverhältnisses für einen Trugschluss des modernen Individualismus der Selbstverwirklichung. Mit dem nüchternen Blick des Soziobiologen kommt er zu dem Schluss, dass alle Beziehungen letztendlich doch nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip funktionieren, „so dass für Freundschaft um der Freundschaft willen kein Platz ist“. Den Grund für die gegenüber der Freundschaft stärkere emotionale Bindung der Liebe sieht er in der Biologie, sprich in der „natürlich“ vorgegebenen Polarität der Geschlechter. Mithin stifte die geschlechtliche Liebe eine persönliche Bindung, die intensiver sei als die immer asexuell vorgestellte Zweckgemeinschaft von Freunden. Dass Freundschaften eine größere Dauer haben als Liebesbeziehungen, zählte jedoch schon zum Erfahrungsschatz des französischen Moralisten Jean de La Bruyere: Verlieben könne man sich auch gegen seinen eigenen Willen und vor allem sei Liebe, solange sie andauere, ein Selbstläufer, wohingegen die Freundschaft einer dauerhaften, intensiven Pflege bedürfe.
Ob man Freundschaften mit Menschen pflegen kann, deren Namen sich nur mittels einer Adressdatenbank erschließen lassen, darf allerdings getrost bezweifelt werden. Hundert, tausend, gar zehntausend Freunde sind noch nicht einmal Kumpane, sondern bestenfalls Kunden, Kommentatoren oder Karteileichen. Doch gerade die Inflationierung des Begriffs „Freund“ macht den Freund umso markanter, stellt der Medienwissenschaftler Jochen Hörisch unter dem Titel „Wir werden voneinander hören...“ fest. Das Phänomen der Überkommunikation ist für ihn kein neues. Lässt doch schon Goethe seine Romanfigur Wilhelm Meister in einem seiner vielen Briefe schreiben: In der Sphäre der gebildeten Familie, „in der ich mich gegenwärtig befinde, bringt man beinahe so viel Zeit zu, seinen Verwandten und Freunden dasjenige mitzuteilen, womit man sich beschäftigt, als man Zeit sich zu beschäftigen selbst hatte.“ Das Gleiche gilt für die Erfahrung, dass Kommunizieren wichtiger ist als das Kommunizierte: „Der Mensch ist ein geselliges, gesprächiges Wesen; seine Lust ist groß, wenn er Fähigkeiten ausübt, die ihm gegeben sind, und wenn auch weiter nichts dabei herauskäme“, heißt es in einem weiteren Brief Meisters. Will sagen: „Sachlich hat’s nicht viel gebracht, aber gut, dass wir drüber geredet haben.“
Die Frage, warum Menschen aneinander Gefallen finden, welchen Gewinn sie aneinander haben und was sie füreinander bedeuten, das Wesen der Sympathie, ist seit alters her ein Rätsel. Vielleicht ist die Frage der Anziehung jenseits biologistischer Erklärungen tatsächlich das, was einen gewichtigen Teil des zoon politicons ausmacht: des mit Seinesgleichen im beständigen Austausch lebenden Tiers, wie Aristoteles den Menschen charakterisiert. Für eben diesen Austausch haben sich Menschen zu allen Zeiten der jeweils verfügbaren Medien bedient, sich mittels dieser ihre Freundschafts-, Liebes- und auch Hassbotschaften übermittelt: Sein ist in Beziehung sein! Und naturgemäß bestimmt jedes Medium zu einem gewissen Teil, quasi als Botschaft seiner selbst, die Beziehungen zwischen denen, die sich seiner bedienen; sei es durch einen begrenzten Umfang oder die „technischen“ Voraussetzungen und Kenntnisse, die das jeweilige Medium erfordert. Entsprechend sind Geschwindigkeit, Oberflächlichkeit und Beliebigkeit für viele Signaturen unserer Zeit. Aber auch wenn es manchem so scheinen mag, dass wenn schon früher nicht alles besser, so doch zumindest Beziehungen vormals langlebiger, inniger und verbindlicher waren, ist das Bedürfnis, das sich heute ausgiebig die sogenannten Neuen Medien zu Nutze macht, nach wie vor das Gleiche: Es ist die Sehnsucht des Ich, im Nach-Außen-Treten etwas über sich selbst zu erfahren. Bei all dem sind Social Networks, wie der Name sagt, „Netze“, mit denen man „Freunde“ fangen kann – man hat sich aber genau dann darin verfangen, wenn das Medium nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern selbst zum besten Freund geworden ist, sprich das Gegenüber, mit dem man kommuniziert, beliebig austauschbar wird.

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur