der blaue reiter


Ursula Neugebauer: Simone de Beauvoir 1908–1986; Fotografie in Wachs eingegossen, 27 x 20 x 2,5 cm



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der blaue reiter Ausgabe 33 > zurück zur Themenliste

 



Denkt Simone de Beauvoir „anders“ als…?

Existenzieller Selbstentwurf und gesellschaftliche Prägung

Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre – in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts waren sie ein seltenes Paar, gleichberechtigt nicht nur, sondern auch gleichwertig, und sie haben – fast – das Gleiche gedacht. Aber haben sie es auch in der gleichen Weise gedacht? Oder denken Frauen, dachte Simone de Beauvoir, anders als Sartre, anders, als Männer es taten und tun?

Das andere Geschlecht, Beauvoirs folgenreichstes Buch, betont im Titel schon die Andersartigkeit der Frau. Das Buch selbst aber widerspricht entschieden dieser Vermutung. Frauen sind von Natur aus und wesentlich nicht „anders“ und denken deshalb auch nicht „anders“: „Als Frau wird man nicht geboren, zur Frau wird man gemacht“ (On ne naît pas femme, on le devient), lautet der Leitgedanke von Beauvoirs Analyse der weiblichen Existenz. Die Frau erblickt das Licht der Welt, so ihre Devise, mit keinen anderen Anlagen, mit keinem anderen Verstand als der Mann, doch tut die Welt alles, ihr den Kopf zurecht- und in Richtung Weiblichkeit zu rücken. Deshalb wissen Frauen selbst es nicht, dass Weiblichkeit nicht ihr Wesen ist, sondern eine historisch variable Kombination aus Denkgewohnheiten, die von der patriarchalischen Gesellschaft ihnen, dem „anderen“, dem „zweiten“ Geschlecht (Le deuxième sexe), delegiert und dann als ihr Wesen ausgegeben wurde.
Schon in diesem Satz, der zum Schlagwort der Emanzipation avanciert ist, denkt Simone de Beauvoir wie Sartre, ist doch ihr Diktum nichts anderes als die historische Nutzanwendung des Grundsatzes der existenzialistischen Philosophie, den Sartre 1943 in Das Sein und das Nichts formulierte: „Die Existenz geht der Essenz voraus.“ Der Mensch hat weder ein durch Gott, noch durch die Natur vorgegebenes Wesen; er ist offen für alle Möglichkeiten des Daseins, und diese Offenheit obliegt ihm als Verpflichtung. Ungeprägt, wie er die Welt betritt, besitzt er die absolute Freiheit, sich selbst zu erfinden, und diese Freiheit wird ihm zum obersten Gebot seines Daseins.

 

Als Frau wird man nicht geboren,
zur Frau wird man gemacht.
(Simone de Beauvoir)

 

Beauvoir übernimmt diese These Sartres aber nur zu einem Teil. Die Priorität der Existenz vor dem Wesen ist der Inhalt auch ihrer These, dass „Frau“ nicht geboren werde – on ne naît pas femme. Die grundsätzliche Offenheit der Existenz jedoch, die Freiheit, sich selbst zu entwerfen, diese Möglichkeit kann sie in der Realität der Frauen nicht wiederfinden. Die weibliche Entfaltung und Selbstschöpfung wird von der Gesellschaft durch Mythen und vorgegebene Muster für familiäres und öffentliches Verhalten verhindert. Sartre bezieht sich mit seinem Philosophem auf den Menschen schlechthin; Beauvoir bezieht es – nur – auf die historische Entwicklung des weiblichen Geschlechts. Sartres ontologische Bestimmung des Menschen (siehe Erläuterung) also benutzt sie nur, um die bestimmte historische Situation eines bestimmten Teils der Gesellschaft zu beschreiben. Deshalb konnte Beauvoir, nachdem sie in der Bibliothèque Nationale die Geschichte der Weiblichkeit mit dem ihr eigenen Eifer und durch langes Studium erschlossen hatte, einen anderen Satz aus Das Sein und das Nichts nicht (!) unterschreiben: „Der Mensch ist nichts anderes“, schreibt Sartre, „als das, wozu er sich macht.“ Sartres männliches Subjekt kann, da es durch keine seiner Existenz voraus liegende Essenz geprägt ist, sich selbst als Existenz herstellen; Beauvoirs Frau „wird gemacht“ – on le devient.
Dieser Unterschied von existenziellem Selbstentwurf und gesellschaftlicher Prägung scheidet nicht nur den philosophischen Ansatz beider Werke, er scheidet die Ansicht über die Geschlechter generell und also auch die von den beiden französischen Intellektuellen, die zu ihrer Zeit als die bekanntesten Repräsentanten ihres Geschlechts galten. Solch differenzierender Denkgewohnheit entspringt das Bild, das sich Mit- und Nachwelt von dem denkenden Paar geschaffen haben. Sartre ist, was er aus sich gemacht hat, der Philosoph; Beauvoir ist, was die Gesellschaft in ihr sehen will, die Feministin, die neben ihren provokativen Auftritten nichts geschrieben hat als ein paar Romane über weibliche Probleme. Wenngleich Tradition und Herkunft Simone de Beauvoir von Anbeginn an auf diese Rolle festlegten, so war es doch erst und sehr entschieden die Nachwelt, die sie eindeutig so und nicht anders definieren wollte. Durch die Erziehung in der Familie und durch den Besuch von „Cour Désir“, einer vornehmen Schule für Mädchen aus „gutem Hause“, wurde Beauvoir auf ihre Rolle als Frau allerdings im Sinne der Großbourgeoisie vorbereitet. Als sie in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in der Bibliothèque Nationale mit der Arbeit an Das andere Geschlecht begann, musste sie deshalb konstatieren – und sie tat dies nicht ohne Schrecken –, dass ihre Erziehung als Mädchen Mustern folgte, die sie zur Frau machen mussten, dass all diese Lebensmodelle, die sie leiten sollten, noch dazu ausschließlich von Männern entworfen waren: „Diese Welt ist eine Männerwelt“, schreibt sie im dritten Band ihrer Memoiren (Der Lauf der Dinge, Seite 97), „meine Jugend wurde von Mythen gespeist, die von Männern erfunden worden waren, und ich hatte keineswegs so darauf reagiert, wie wenn ich ein Junge gewesen wäre.“ Schon als Mädchen also war sie ein Wesen, das sich als „Andere“ fühlen sollte in einer Welt, die, von Männern erdacht, sie zur Frau bestimmte.
Wenn Beauvoir als Mädchen nach von Männern erdachten Leitbildern erzogen worden war, so hat sich solche Fremdbestimmung bei der Schriftstellerin von Weltruhm nicht geändert. Nicht allein die Erziehung legt Simone de Beauvoir als Frau fest, die Rezeption vor allem macht sie ausschließlich dazu, und das heißt, zu einem Wesen, das anders denkt und vor allem und am liebsten über das „andere Geschlecht“ denkt. In diesem binär angelegten Weltbild tut sich zwischen männlich und weiblich, zwischen Denken und Fühlen ein Graben auf, der auch zwischen Beauvoir und Sartre eine Grenze zog und aus ihnen ein konventionelles Paar machte, das zu sein sie stets vermeiden wollten. Als das Idol „Beauvoir“ in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstand, war eine andere Interpretation ihrer Paarbeziehung als die vom denkenden Mann und der mit Frauenproblemen befassten Partnerin nicht vorstellbar, und bis heute ist die Festlegung, die das Paar damals erfuhr, nicht revidiert worden. Beauvoirs Leistung für die Befreiung der Frauen ist bedeutend, jedoch nur die eine Seite ihres Wirkens; die Schriften zu diesem Thema machen nur einen Teil ihres Werks aus, das sich darüber hinaus in viele Genres und Themen verzweigt.
Dieses Werk ist ebenso umfangreich wie das Sartres; was davon wahrgenommen wurde, das waren einst ein paar Romane – Sie kam und blieb (L’Invité), Eine gebrochene Frau (La femme rompue) – und auch diese nur, weil sie angeblich weibliche Schicksale und nichts als diese behandelten; und heute Das andere Geschlecht, diese umfangreiche und kritische Geschichte des Modells „Weiblichkeit“. Das Werk der Beauvoir jedoch erstreckt sich über ebenso viele Gattungen wie das Sartres; teilweise wählt sie dieselben Genres wie der Philosoph, oft jedoch auch verlässt sie dessen Ressort. Auf ihren Reisen in die USA, nach Kuba und Brasilien hielt Beauvoir Vorträge über den Existenzialismus, die freilich den Gedankengängen Sartres folgten, die sie aber so kompetent erläuterte, dass Sartre seinen Weltruhm zu einem Teil ihr zu verdanken hat. In Amerika, Nacht und Tag beschreibt Beauvoir die Reise in die USA von Tag zu Tag (de jour en jour) und schafft damit ein Werk, das in Umfang und Qualität Sartres Die Wörter vergleichbar ist. Beauvoir stellt sich darin als Reiseschriftstellerin vor mit scharfer Beobachtungsgabe, einem kompetenten Urteil und einem außerordentlichen literarischen Stil. Zurückgekehrt, schrieb sie, wie Sartre, biografische Essays, jenen etwa, der einem Band mit Aufsätzen den Titel gab: Soll man de Sade verbrennen? Diese Sammlung aus den achtziger Jahren enthält einige wichtige Beispiele ihres theoretischen Verstands. Ihn belegen aber auch die zahlreichen politischen Aufsätze, die sie in Les Temps Modernes veröffentlichte, jener Zeitschrift, die das Paar nach dem Krieg gründete und deren Herausgeber Beauvoir und Claude Lanzmann, ihr langjähriger Freund, Liebhaber und Wohnungsgenosse, waren. Lediglich auf dem Theater, wo Sartre in den dreißiger Jahren in Paris jenen Ruhm begründet hatte, den er in den Fünfzigern in ganz Europa wieder aufleben ließ, war Beauvoir kein Erfolg beschieden. Ein einziges Theaterstück kam nie zur Aufführung.
Simone de Beauvoir dachte und schrieb also ähnlich wie Sartre, sie dachte auch oft Anderes als er, aber anders gedacht als Männer es tun, das hat sie nicht. Ihr Denken unterschied sich von dem Sartres nicht mehr als das eines jeden anderen der vielen Freunde, die das Paar umgaben, Camus’ etwa, Michel Leiris’, Genets, Lacans, Philippe Soupaults.
Eher wäre Beauvoir vorzuwerfen, dass sich ihre Gedanken und Urteile zu eng an Sartres philosophisches Konzept anlehnten, ja gerade das könnte man ihr als typisch weibliche Denk- und gar Charakterschwäche ankreiden. Sie selbst beklagt in ihrer Autobiografie Die besten Jahre das „intellektuelle Parasitentum“, das sie von Sartres Denken abhängig erscheinen ließ. Wie aber hätte es anders sein können, als dass der schon vom Vater attestierte „männliche Verstand“ des Mädchens sich männliche Denkmodelle suchte, um sich zu betätigen, da andere und gar spezifisch weibliche überhaupt nicht vorhanden waren. Die historischen Umstände verhinderten, dass der männliche Verstand im Kopf dieses – wie auch jeden anderen – Mädchens es weiter brachte als bis zur Musterschülerin eines berühmten Philosophen. In den Existenzialistenkellern von Paris, wo dies so bourgeois erscheinende Paar unter schwarz gekleideten, langhaarigen Intellektuellen die frühen Jahre des Jazz kennenlernte, ließ man Beauvoir ihre Abhängigkeit vom männlichen Denken ihres Partners durchaus spüren. In „Le Tabou“, dem bekanntesten dieser Orte, wo das Paar Stammgast war, kürte man Sartre zum „Gott von Paris“, Beauvoir erhielt den Titel „Notre-Dâme de Sartre“. Gefolgschaften dieser Art wurden eben, und werden noch, bei Männern anders gewertet als bei Frauen: Männer gelten in einem solchen Verhältnis als hoffnungsvolle Schüler, Frauen als Anhängsel. ...

Autorin: Hannelore Schlaffer