der blaue reiter


Barbara Vinken



Leseprobe im Journal-Layout herunterladen

der blaue reiter Ausgabe 33 > zurück zur Themenliste

 



Was heißt schon Frau?

Der Fetisch des universalistischen Subjekts

Barbara Vinken
ist seit 2004 Professorin für Allgemeine und Französische Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie war Ordinaria in Hamburg und Zürich, Gastprofessorin an der New York University, der Humboldt-Universität zu Berlin, der EHESS Paris, der Université Michel de Montaigne in Bordeaux, der Johns Hopkins University in Baltimore, der FU Berlin, am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin und am Franke Institute der University of Chicago.


Frau Vinken, wie erklären Sie sich die plötzliche mediale Präsenz klassischer Themen der Fraueneman­zipation wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die eigentlich ausdiskutiert schienen?

Feminismus ist wieder in, obwohl bis vor Kurzem kein Mensch mehr wusste, was das ist. Politisch ist der Feminismus ein Thema, weil Deutschland sich allmählich im europäischen Rahmen wahrnimmt – und hier fast überall erschreckend schlecht abschneidet. Trotz der Rhetorik des Erreichten und trotz unseres Selbstverständnisses als einer emanzipierten Gesellschaft eröffnen uns diese langsam ins Bewusstsein sickernden Fakten das relative Scheitern des Projekts hierzulande. Es bleibt noch viel zu tun. Es ist erschreckend, wie groß der Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen in Deutschland ist, und wie wenig Frauen bei uns gegenüber anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Schweden und selbst Italien in Führungspositionen sind.

In Ihrem Buch Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos schreiben Sie, dass gerade der Diskurs über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu einer Restauration der Geschlechterordnung führt.

Dass die Vereinbarkeit nur als ein Problem der Frauen und nicht auch der Männer gesehen wird, zeigt, dass wir im traditionellen Geschlechterverhältnis stecken geblieben sind.
Der Kampf um einen gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt verfolgt seit Ende des 18. Jahrhunderts zwei ganz verschiedene Strategien. Die eine Richtung sieht Frauen als Bürger, die als solche die gleichen Rechte wie Männer haben sollten. Die andere Richtung unterstellt, dass Frauen als Mütter die besseren Menschen sind. Leben sie ihre Mütterlichkeit nicht durch eigene Kinder aus, so sollen sie ihre Mütterlichkeit in die Gesellschaft einbringen, weil die Gesellschaft ohne Mütterlichkeit verkommt, kalt und egoistisch wird. Wenn Frauen keine Kinder großziehen, sollten sie als das sorgendere, moralischere, liebendere Geschlecht etwa als Lehrerin, Ärztin oder Krankenschwester arbeiten dürfen, um die Gesellschaft zu verbessern.
Pestalozzi hat diese Ideologie der neuen Mütterlichkeit entscheidend geprägt. Die Mutter ist das Herz der Familie; die Milch der frommen Denkungsart flößt sie nicht nur ihren Kindern, sondern auch ihrem Mann ein. Sie bewahrt ihn vor den Verführungen der Welt und bindet ihn ans traute Heim. Dieser Gedanke wurde vom Privaten auf das Öffentliche ausgeweitet. Die Gesellschaft soll aus dem Geist des Mütterlichen reformiert werden. Diese Strategie eines Mütterfeminismus war in Deutschland viel einflussreicher als der Kampf um die Gleichberechtigung qua Bürger. Für das politische Projekt der Emanzipation war das aber nicht wirklich zielführend.

Ist der Feminismus auch philosophisch wieder ein Thema?

Das Problem ist der Subjektbegriff. Der deutsche Feminismus ist oft bei einer Subjekt-konstitution hängen geblieben, die den idealistischen Subjektbegriff der Aufklärung übernommen hat. Dieser schließt das Weibliche aus und ist grundsätzlich misogyn (frauenfeindlich). Es ist keine gute Idee, dieser männlichen Subjektkonstitution, die von keiner freudschen Infragestel- lung getrübt wird, unter feministischer Flagge hinterherzulaufen. Mir gefällt der französische, sogenannte Differenzfeminismus besser, weil er nicht von einem selbstbestimmten, sich selbst beherrschenden Subjekt der Aufklärung ausgeht. Dem Anderen beziehungsweise dem Differenten wird dort mehr Platz gegeben.

Liegen die Gründe für diese Art der Subjektkonstitution in der Tradition der deutschen Philosophie begründet?

Ja! Die deutsche Philosophie kann sich nicht wirklich aus dem Schatten des Deutschen Idealismus lösen, sie ist antipsychoanalytisch geprägt und bestenfalls ego-psychologisch orientiert. Die deutsche feministische Philosophie bleibt oft in diesem Paradigma gefangen, sie ist nur die spiegelbildliche Kehrseite.

Woher kommt die Illusion des selbstbestimmten Subjekts?

Das Subjekt, so heißt es in der Aufklärung sehr schön, löst sich aus allen Herrschaftssystemen; es emanzipiert sich vom König, von Gott und so weiter, und wird Herr seiner selbst. Deswegen kann man die Bedeutung von Sigmund Freud, der sagte, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause sei, gar nicht überschätzen. In dem Wahn, nicht unterworfen zu sein, wird seine Majestät das Subjekt nur noch stärker unterworfen. Das wird auch am Beispiel des freien Markts deutlich. Der Markt ist zwar frei, aber diese Freiheit verdinglicht das Ich zu einer mehr oder weniger marktgängigen Ware. Wir haben es mit einer ins Paradoxe getriebenen Freiheit zu tun, einer Freiheit, in der es eigentlich keine Freiheit mehr gibt, eine Versklavung im Namen der Freiheit.



Fetisch
von lateinisch facticius für: nachgemacht, künstlich. Allgemein sind Fetische Gegenstände mit übernatürlichen Kräften, die durch rituelle Verehrung aktiviert werden können. In der Psychologie bezeichnet Fetischismus die Steigerung sexueller Erregung beziehungsweise eine Form der Ersatzbefriedigung durch Fixierung auf bestimmte Körperteile oder Gegenstände wie Schuhe, Wäsche und so weiter. Karl Marx zufolge haben auch kapitalistisch erzeugte Waren den Charakter eines Fetischs.