der blaue reiter


Siegfried Reusch
Chefredakteur
Foto: Heinz Heiss



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der blaue reiter Ausgabe 33 > zurück zur Themenliste

 



Denken Frauen anders?


Die Frage nach dem Denken der Frauen beantwortete die Philosophie über Jahrtausende bestenfalls mit Schweigen. Noch heute mangelt es nicht an abfälligen Bemerkungen über die denkerischen Fähigkeiten von über 50 Prozent der Menschheit, und das Studium philosophischer Texte von Frauen gehört trotz 40 Jahren Frauenbewegung nach wie vor nicht zum Kanon der akademischen Philosophie.
Noch in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts fanden sich im damaligen Brockhaus unter dem Stichwort „Mann“ lediglich Erläuterungen zu Heinrich Mann und Thomas Mann – der Mann als solcher verstand sich von selbst, wohingegen das Rätsel „Frau“ mit zwei Absätzen als erklärungsbedürftig ausgewiesen wurde. Auch heutzutage umfasst das Stichwort „Frau“ in Wikipedia doppelt so viele Zeichen wie das Stichwort „Mann“. Die Frage, warum Frauen erklärungsbedürftiger seien als Männer, beantwortet die Grazer Philosophieprofessorin Elisabeth List im Interview mit Verweis auf die männliche Dominanz in den Wissenschaften: Das Stichwort „Mann“ wurde nicht benötigt, „weil das ganze Lexikon eine Selbstdarstellung der männlichen Welt ist“. Frauen, so List, wurden von Anfang an als Objekte besonderer Art betrachtet und als Bestandteil des Wissensguts objektiviert. Was als allgemein menschlich galt, wurde von der männlichen Lebensform abgeleitet, das Weibliche gegenüber dem Männlichen als bestenfalls defizitär betrachtet. Entsprechend waren Frauen von einem über das karitative Engagement hinausgehenden Denken und Wirken in der Öffentlichkeit ausgeschlossen.
Doch Denken wird erst in der Öffentlichkeit ein Denken von Gewicht. Im Essay Der lange Schatten der Vergangenheit weist Barbara Sichtermann darauf hin, dass „Männer eine Öffentlichkeit schufen, um ihr weltbewegendes Denken darin vorzustellen, zu diskutieren, weiterzuentwickeln, zu überwinden und neu zu entwerfen“, während Frauen zwangsweise und not­gedrungen zu Heldinnen des Alltags und Opfern des Alltäglichen wurden. Weil das Jahrhunderte währende Denkverbot bei Frauen Spuren hinterlassen habe, wüssten viele noch nicht so recht, „ob sie ihren Köpfen so trauen können, wie Männer es immer schon mussten“. Wichtig sei, schreibt Sichtermann, „dass Männer aufhören, Frauen auf ihr Geschlecht zu reduzieren und Frauen aufhören, sich vornehmlich mit ihrer Geschlechtlichkeit zu identifizieren. Wenn das erreicht ist, haben die Individuen freie Bahn, sich im sozialen Leben, in Privatheit und Öffentlichkeit so zu verorten, wie es ihnen gemäß und genehm erscheint.“ Denn die Unterschiede zwischen Männern und Frauen wiesen jenseits der körperlichen Dispositionen eine kleinere Bandbreite auf als innerhalb eines Geschlechts.
Entsprechend weist auch die Neurowissenschaftlerin Bettina Pfleiderer im Interview entschieden auf die Trainierbarkeit des Gehirns und dessen Abhängigkeit von Umwelteinflüssen hin. Obwohl sich naturwissenschaftlich nachweisen lasse, dass die Gehirne von Männern und Frauen Sprache in unterschiedlichen Arealen verarbeiten und Frauen für bestimmte Aufgaben bei gleicher Leistung weniger Energie benötigten, ließe sich seriöserweise daraus weder schließen, dass Frauen effizienter, noch dass sie „anders“ denken.
Dass Weiblichkeit nicht das Wesen der Frauen, sondern lediglich eine Denkgewohnheit ist, zeigt Hannelore Schlaffer in ihrem Porträt von Simone de Beauvoir. Getreu dem existenzialistischen Grundgedanken, dass der Mensch ein weder durch Gott noch durch die Natur vorgegebenes Wesen habe und damit offen sei für alle Möglichkeiten des Daseins, forderte de Beauvoir auch für Frauen die Möglichkeit, sich selbst frei zu entwerfen. Denn während das männliche Subjekt in einer von Männern definierten und dominierten Welt sich als Existenz selbst „herstellen“ könne, würde die Frau „gemacht“. Obwohl Frauen das Licht der Welt mit keinen anderen Anlagen erblickten als Männer, tue die Welt doch alles, ihnen den Kopf in Richtung Weiblichkeit zu rücken. De Beauvoirs Denken war nicht anders als das ihres Lebensgefährten Jean-Paul Sartre, so das Resümee von Schlaffer, anders war nur, dass eine Frau ihr Denken auch verwirklichen wollte.
Doch die so vehement von Simone de Beauvoir eingeforderte und von ihr auch gelebte Freiheit ist nur dann etwas wert, so deren Weggefährtin und Freundin Alice Schwarzer im Gespräch, wenn man auch das Bewusstsein dafür hat. Nach 40 Jahren Frauenbewegung, die sie entscheidend mit geprägt hat, zieht sie unter dem Titel Hoffnungslos weiblich! eine kritische Bilanz: „Das noch nicht erreichte Ziel lautet: Die Hälfte der Welt für die Frauen – die Hälfte des Hauses für die Männer!“ Auch wenn die Frauenbewegung „ohne Zweifel die folgenreichste soziale Bewegung des 20. Jahrhunderts, eine wahre Kulturrevolution“ war, habe die Propaganda für eine neue Weiblichkeit auch viele Widersprüche produziert. Frauen könnten durchaus emanzipiert und zugleich ganz Frau sein, könnten sich unter Zuhilfenahme von High-Heels und kurzen Röcken durchsetzen, müssten aber wissen, dass dies Verhaltensmuster verfestige, die Frauen zum Objekt machen statt zum Subjekt. Die Voraussetzung für jede Emanzipation sieht Schwarzer nach wie vor in der ökonomischen Eigenständigkeit der Frauen: Frauen, die sich in ihren Kindern und Männern ausleben müssen, weil sie keine eigene Existenz haben, seien eine Belastung für alle Beteiligten: „24 von 24 Stunden Mama, das ist auch für Kinder die Hölle.“
Auch die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken bricht im Interview eine Lanze für die sogenannten Rabenmütter: Dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nur als ein Problem der Frauen und nicht auch der Männer gesehen werde, zeige, dass wir im traditionellen Geschlechterverhältnis stecken geblieben seien. Die weitverbreitete Vorstellung, dass am Wesen der Frauen die Welt als Ganzes genese, hält sie für eine fatale Fehleinschätzung eines Wohlfühlfeminismus, der auf Johann Heinrich Pestalozzis Ideologie der neuen Mütterlichkeit zurückgehe. Die gute Mutter flöße die Milch der frommen Denkungsart nicht nur ihren Kindern, sondern auch ihrem Manne ein; „sie bewahrt ihn vor den Verführungen der Welt und bindet ihn ans traute Heim“. Weil die deutsche Philosophie immer noch der Illusion eines freien, seiner selbst mächtigen Subjekts anhänge, sei sie eine phallizistische Disziplin par excellence. In fast allen Arbeiten deutscher Philosophen zur Subjekttheorie spiele die Geschlechterdifferenz keine Rolle. Deswegen könne man die Bedeutung von Sigmund Freuds Diktum, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause sei, gar nicht überschätzen.
Diesbezüglich eindeutig antwortet im Interview auch Judith Butler: „Über sein Geschlecht kann man nicht rational entscheiden … Nicht wir bestimmen das Geschlecht, das Geschlecht bestimmt uns!“ Mit ihrer These, dass das Geschlecht konstruiert sei, wolle sie nicht die Realität verleugnen oder behaupten, dass die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ falsch oder einfach nur erfunden seien. Auch wenn sich Rollenmuster durch permanente Einübung wie Naturgesetze in Körper einschreiben könnten, sei das reale Erleben von sozialem und biologischem Geschlecht immer Gegenstand von Deutungen. Wichtig ist, zu akzeptieren, so die erste weibliche Adorno-Preisträgerin, dass wir die Welt nur verändern können, indem wir uns als sozial und sexuell bedingte Wesen verstehen. Um zu einem toleranteren Verständnis sexueller Vielfalt zu gelangen, müsse man nicht fragen, wie man aus bestimmten Rollenmustern ausbrechen könne, sondern anerkennen, dass viele Menschen niemals in diesen Mustern lebten.
Auch Petra Gehring verweigert sich einem typisch deutschen Subjektdenken, mit dessen Hilfe versucht werde, die Frau und den Mann dingfest zu machen, und plädiert für einen konstruktiven Umgang mit Differenzen. Gleichwohl hält sie es für eine unglückliche identitätspolitische Idee, das Geschlecht als eine wählbare oder gar umoperierbare Angelegenheit anzusehen: „Ein Individuum ist dann eine Frau, wenn es die Geschichte einer Frau hat“, so die Philosophieprofessorin und Prorektorin im Gespräch. Ein Mann, der darunter leide, keine Frau zu sein, hatte als Mann Kontakt mit Frauen, nicht als Frau mit Frauen, und erlebe mithin andere Beziehungen. Selbst Frauen könnten sich nicht einfach hinsetzen und sagen: „Ich denke jetzt weiblich.“ Eine Frauenquote lehnt sie auch für Philosophieprofessuren ab: „Wir dürfen Frauen nicht die Möglichkeit nehmen, Männer zu schlagen, indem sie besser sind.“
Das männliche Einheitsdenken, der Versuch, die ganze Welt im Begriff einzufangen, entspricht der Basler Philosophieprofessorin Annemarie Pieper zufolge dem männlichen Interesse an Macht: Mann wolle die Vielfalt beherrschen, das Andere in den Griff kriegen. Der ganze klassische Philosophiediskurs sei auf einer bipolaren Logik aufgebaut, die immer eine Seite des Gegensatzpaars zugunsten der anderen ausschließe. Demgegenüber favorisiert die Verfasserin einer feministischen Ethik im Interview das Modell des Rhizoms von Gilles Deleuze: „Die senkrechte Pfahlwurzel entspricht dem Phallusmodell, das Rhizom hingegen verzweigt sich, es ist nicht einheitlich, es duldet Differenzen.“ Schließlich käme auch kein Physiker auf die Idee, dass der elektrisch positive Pol etwas Besseres sei als der negative.
Das Denken in anderen Umständen führt Frauen mitunter in der Tat auf andere Denkwege und zu anderen Ergebnissen als Männer. Entsprechend haben Frauen auch einen anderen Blick auf Frauen, so die Regisseurin Margarethe von Trotta. Allerdings dürfe die Frage nach dem Denken von Frauen nicht nur mit der Muttertagslogik beantwortet werden, wie sie im Interview sagt: „Ein Tag im Jahr ist der Frau und der Mutter gewidmet und dann ist wieder gut, dann kann man für die nächsten Ausgaben wieder nur Männer schreiben lassen.“
Diskussionen um das Geschlecht sind unausweichlich mit Fragen der Differenz und der Subjektivität verbunden. Aber Subjektivität, das Verhältnis von Ich und Du, ist keine Substanz, „ist“ immer nur im Dialog. Antworten, auch je persönliche, lassen sich nur im Miteinander finden. Wesentlich ist, Unterschiede und das „In-Beziehung-Sein“ nicht nur als Möglichkeit oder Chance zu begreifen, sondern als Notwendigkeit. Der Andere ist es, so Johann Gottlieb Fichte, der uns auffordert, uns mit der Frage nach dem eigenen Ich auseinanderzusetzen und unsere Bilder von Welt zu formen. Ein Zuviel an Gleichmacherei erstickt jegliche Kommunikation im Keim: Wo Gleichheit und Einigkeit herrschen, kann es nur Schweigen geben, kann kein Austausch über je verschiedene Sichten von Welt stattfinden. „In-Beziehung-Sein“ bedeutet bei all dem ein Denken aus der Mitte, ein Denken, das Gemeinsamkeiten – und sei es nur die, der gleichen Gattung anzugehören – ebenso betont, wie es Unterschiede, Eigenheiten und Entwicklungen zulässt. Das Denken aus einer gemeinsamen Mitte heraus hat Heinrich Blücher mustergültig für die Beziehung zu seiner Ehefrau Hannah Arendt in Worte gefasst: „Ich garantiere dir die Entwicklung deiner Persönlichkeit, und du garantierst mir die Entwicklung der meinen.“

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur