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Sartre war ein Grenzgänger: Verfasser philosophischer Literatur und literarischer Philosophie.
Was sein Werk gleichsam „im Innersten zusammenhält“, ist ein emphatischer Begriff von Frei-
heit, der sich auch in einer tief verwurzelten in mehreren Dramen und Werktiteln artikulierten
Empfindlichkeit gegen alle Formen der Einschließung manifestiert.
Jean-Paul Sartres (19051980) Werk ist nicht nur sehr umfangreich, sondern auch extrem viel-
schichtig. Sein Gewicht ergibt sich nicht zuletzt aus dem Spektrum der Textsorten, in denen
Sartre sich ausgedrückt hat. So hat er philosophisch-systematische Grundwerke verfasst (wie
Das Sein und das Nichts oder Kritik der dialektischen Vernunft), aber auch eine beachtliche
Anzahl von Theaterstücken, eine Reihe von Erzählungen und mehrere Romane, die immerhin
zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur geführt haben; die Annahme dieses Preises hat
Sartre bekanntlich 1964 mit einer spektakulären Geste abgelehnt.
Hölle heißt Eingesperrtsein.
Die berühmtesten Abschnitte aus seinem Roman Der Ekel entwickeln philosophische Grund-
fragen, während manche Passagen von Das Sein und das Nichts geradezu poetischen Glanz
ausstrahlen. Mit Hegels Geschichtsphilosophie sei die „Tragödie in die Philosophie einge-
brochen, mit Kierkegaard die Biographie als Farce oder Drama“. Spätestens seit damals so
argumentiert Sartre in gewisser Nähe zu Brecht sei eben „das Theater philosophisch“ ge-
worden „und die Philosophie dramatisch“.
Einen besonderen Gipfel erreichte Sartres Werk in seinen exemplarischen Porträts und philo-
sophischen Biografien; insbesondere Saint Genet und Der Idiot der Familie sind Dokumente
einer „existentiellen Psychoanalyse“, wie sie Sartre am Ende von Das Sein und das Nichts ge-
fordert hatte. Neben die Hauptwerke tritt eine kaum überschaubare Fülle von Essays, die
Sartre in den zehn Bänden seiner Situations publiziert hat. Unter diesen Essays finden sich
virtuose Texte zur Malerei und Plastik (zu Tintoretto, Giacometti, Masson), zur Literatur (zu Dos
Passos, Faulkner, Ponge), Rezensionen (etwa zu Der Fremde von Albert Camus, zu Die inne-
re Erfahrung von Georges Bataille oder zu Die Liebe und das Abendland von Denis de Rouge-
mont), Physiognomien und Nachrufe, an denen Sartre oft monatelang gefeilt hatte (etwa zu
Camus, Maurice Merleau-Ponty, Paul Nizan). Daneben wurden zahlreiche politische Reden,
Aufrufe, offene Briefe, Manifeste und Pamphlete, Leitartikel aus Les Temps Modernes (der
Zeitschrift, die Sartre 1945 begründet hatte), moralisch engagierte Stellungnahmen zum Neo-
kolonialismus, zum Algerien- und Vietnamkrieg, zum Marxismus und zum Mai ’68 in den
Situations abgedruckt. Schließlich müsste Sartre aber auch als Reiseschriftsteller, Verfasser
von Vorworten und Drehbüchern (etwa zu John Hustons Film über Sigmund Freud), Tage-
buch- und Briefschreiber, ja als geistreicher Interview- und Gesprächspartner gewürdigt
werden.
Sartre hat sich gern als Monstrum betrachtet, das sich bei aller Selbstironie und kritischer
Distanz zu den eigenen Leistungen und Ambitionen doch stets als singuläre, außerordent-
liche Erscheinung wahrzunehmen vermochte. Mit gewissem Stolz hat er gelegentlich darauf
hingewiesen, dass sein Werk, seine Fähigkeit zur Mobilisierung und Ausbeutung der allerletz-
ten Kraftreserven, auch durch den jahrzehntelangen Konsum von Amphetaminen ermöglicht
wurde woraus er immerhin eine subtile Gattungsdifferenz zwischen Literatur und Philoso-
phie ableitete: Die Aufputschmittel wurden abgesetzt, „wenn es darum ging, Literatur zu
schreiben … Ich war der Ansicht, daß die Art, wie man die Worte wählte, wie man sie neben-
einandersetzte, wie man einen Satz baute, kurz gesagt der Stil, und dann die Art, wie man in
einem Roman die Gefühle analysiert, zur Voraussetzung hat, daß man absolut normal ist.“
Ganz im Unterschied zur Philosophie: „In der Philosophie bestand Schreiben … darin, meine
Ideen zu analysieren, und ein Röhrchen Corydran bedeutete: diese oder jene Ideen werden in
den zwei kommenden Tagen analysiert.“
„Der Hunger ist bereits die Forderung
nach Freiheit.“
Autor: Thomas Macho
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