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Siegfried Reusch
Chefredakteur
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Ich

In der Bezugnahme auf sich selbst, im Ich-Sagen, definiert sich der Mensch. Das eigene
Selbst ist uns jedoch derart vertraut und selbstverständlich, dass wir es gewöhnlich nicht hin-
terfragen. So richtet sich das Streben nach Wahrheit und Erkenntnis meist nach außen. Doch
schon Augustinus schreibt: „Gehe nicht nach draußen, gehe in dich; im Inneren des Menschen
wohnt die Wahrheit.“
Entführt und über Wochen alleine eingesperrt in einen Keller fiel die Suche nach einem Ich für
Jan Phillip Reemtsma allerdings nicht sehr erfolgreich aus: „Dieses Ich ist selbst ein Konstrukt. Das Gefühl, eines zu ‚haben‘, ist nicht die Voraussetzung, sondern das Ergebnis seiner Leistung.“
Die Suche nach Halt für das eigene Ich durch eine Überschreitung des Selbst hin zu Gott, wie
Augustinus auf Grund der Unbeständigkeit der menschlichen Natur fordert, ist für Nietzsche
lediglich Ausdruck von Schwäche. Mit dem Gebot „Werde, der du bist“ forderte er vielmehr ein
Übersteigen der menschlichen Haltlosigkeit hin zu einem so genannten Übermenschen, der
völlig frei von den überlieferten Normen der Gesellschaft nur seinem Willen zur Macht folgt; der
sein „Sach“, wie Max Stirner es formulierte, nur auf sich selbst gestellt hat.
Immanuel Kant sah im Ich lediglich eine „einfache und für sich selbst an Inhalt gänzlich leere
Vorstellung … ein bloßes Bewusstsein, das alle Begriffe begleitet“. Das Ich, so Andreas Luck-
ner in seinem Beitrag Mit dem Ich auf Du und Du. Die Deutschen Idealisten, „ist der Name für
die Voraussetzung des Denkens, die es uns allererst ermöglicht, dass wir überhaupt Gegen-
stände erfahren können.“ Mithin ist das Selbstbewusstsein kein theoretisches, sondern ein
primär praktisches Verhältnis zu sich. Auch wenn das Ich letztlich nicht begreifbar ist, ist es
gerade dieses Ich, über das entgegen dem Ryle’schen Vorschlag:

„Leute, hört einfach auf, von 'dem Ich' zu reden,
dann habt ihr auch keine Probleme mehr“

zuallererst nachgedacht werden muss – und, so Luckner, „man kann gar nicht genug darüber
nachdenken!“
Auch Thomas Bach zeigt in seinem Portrait über Edmund Husserl auf, wie wichtig es ist, die
Selbstbezüglichkeit des Menschen zu verstehen: „Eine Philosophie, die um sicheres Wissen
bemüht ist, kann sich bei ihrer Begründung nicht auf die Erfahrung von Welt, sondern nur auf
die notwendige und zweifellose Sphäre des reinen Ichs und Ichlebens stützen.“
Nicht von ungefähr erachtet Thomas Zoglauer das Subjektive als das Gewisseste auf der Welt.
Unter dem Titel Der Mythos des Objektiven kommt er zu dem Schluss: „Wenn die Wirklichkeit
als unabhängig vom Bewusstsein gedacht wird, wird sie eben nur gedacht und ist somit ab-
hängig von einem denkenden Bewusstsein. Insofern ist das Objektive ein Mythos, nicht das
Subjektive.“
Unter dem Etikett des Descartschen „Ich denke“, erscheint für Elisabeth List jedoch lediglich
jenes als Ursache, was tatsächlich die Wirkung des eigenen Tuns ist. Das Ich, mit großem „I“
geschrieben, ist eine Illusion, „eine für manche Zwecke nützliche, für Frauen insbesondere
eine gefährliche“, schreibt sie in ihrem Beitrag Kein Ich, nirgends. Schon gar kein weibliches.
Weil man Subjekt nur werden kann um den Preis der Unterwerfung, ist das Ich etwas, dessen
man sich besser entledigen sollte, als es zu kultivieren, führt sie aus, denn „der Abschied von
den Illusionen des Ichs, missverständlich dramatisiert zum ‚Tod des Subjekts‘, muss keines-
wegs tödlich sein. Er wird und soll uns vielmehr befreien von metaphyischen Lasten.“
Die Überzeugung, auf dem Weg nach innen höchste Selbstgewissheit und einen unerschütter-
lichen Grund für die eigene Existenz finden zu können, beruht Gerhard Gamm zufolge auf dem
Irrtum, dass „die Subjektivität als feststehende, konstante Größe, als ‚stehendes und bleiben-
des Ich‘, wie es bei Kant und Fichte gleichlautend heißt, angesetzt“ wird. Subjekt oder Person,
so schreibt er in seinem Beitrag Chantals Gesichter – Über die Unerreichbarkeit des Selbst
weiter, sind jedoch keine „Substanz, kein in der Zeit sich durchhaltendes Seiendes … Dasjeni-
ge, was die Identität stiftet, entzieht sich selbst der Bestimmung.“ Er kommt zu dem Schluss:

„Das Selbst verfehlt sich ständig.“

Ausgehend von der Frage, wie ein formal richtiges Denken, wie zum Beispiel das „Ich denke,
also bin ich“ Descartes’ oder das „Ich bin Ich“ Fichtes, ohne Verweis auf ein Absolutes Bezug
nehmen kann auf eine Realität außerhalb der Vernunft, entwickelt Klaus Giel in seinem Beitrag Das Ich zwischen Weltflucht und Weltbindung die Philosophie von Walter Schulz. Das Ich der philosophischen Reflexion, so Giel, „ist einerseits das frei aufsteigende, sich aus allen Lebens-
lagen befreiende Ich … das doch andererseits, in der Abhebung von allen Weltgehalten, sich in seiner Weltgebundenheit findet, ohne die es sich selbst entgleiten würde.“

„Das Ich ist nichts für sich selber, es ist nichts
jenseits der Weltbindung und nichts ohne sie.“

Eine strikte Abgrenzung des eigenen Ichs, so der Schauspieler Klaus Maria Brandauer im
Interview, kann es nicht geben: „Wenn man vom Ich spricht, dann denkt man: ich und die andern; genauer: wir und darunter auch ich … Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass alle,
die gelebt haben, die jetzt leben und leben werden, meine Brüder und Schwestern sind …
Und nur dadurch bin ich in der Lage, meinen Beruf tatsächlich auszuüben.“ Sein Schluss:
„Das Wichtigste ist, dass wir die Nähe haben, uns voneinander zu entfernen.“
Dem gegenüber steht heutzutage der Homo oeconomicus, der egoistische, nur seinen wirt-
schaftlichen Interessen verpflichtete Mensch. Von den vor-modernen Krücken des Selbst –
festen Bindungen an eine Religion, eine Nation, ein Geschlecht… – befreit, jeder festen Identi-
tät entkernt, bastelt sich das postmoderne Subjekt aus dem Supermarkt der Lebensentwürfe
und Sinnstiftungsoptionen sein multiples Ich fortwährend neu zusammen. Gleichwohl bleibt
auch der moderne Mensch seinem Erbe und Charakter nach ein Gemeinschaftswesen,
schreibt Laurenz Volkmann in seinem Beitrag Wir. Bausteine des Ich. Bezug nehmend auf so
unterschiedliche Denker wie Adam Smith, C. G. Jung, Michail Bachtin und Emmanuel Lévinas
kommt er zu dem Ergebnis, dass der Mensch sein Selbst nur finden kann durch „das Wieder-
entdecken und Einüben von wechselseitigen gemeinschaftlichen Beziehungen mit dem
Anderen“.
Bazon Brock sieht im Mittelpunkt des Denkens nicht mehr den Egoisten oder dessen Wider-
part, den sich für die anderen aufopfernden Selbstlosen, sondern, so heißt es in seinem
Essay Mihilismus. Selbstverwirklichungsboheme und Individualisierungsterror, den Mihilisten
– den Egoisten wider Willen: „Unter lauter Egoisten aus Überzeugung fristet er sein Dasein
wohl wissend, dass das Konzept des Egoismus zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist.“

Die Vorstellung, dass es eine ursprüngliche Verantwortung für den anderen gibt, dass die
Menschlichkeit des Menschen in der Übernahme dieser Verantwortung besteht und dass
gerade dies den Kern seiner unverwechselbaren Einzigkeit und Individualität ausmacht, steht
im Zentrum der Philosophie von Emmanuel Lévinas. Weder darf zu Gunsten der Subjektivität
das Sein verneint, noch im Namen des Seins auf die Subjektivität verzichtet werden. Eine Versöhnung des Subjekts mit dem Sein kann nur vermittels des anderen gelingen. Unter dem
Titel Das Ich und der andere in der Philosophie von Lévinas schreibt Wolfgang Nikolaus
Krewani: In letzter Konsequenz ist das Ich nur noch Untertan des anderen –

„die vollendete Form der Subjektivität besteht
darin, 'für den anderen zu sterben'“.

Selbst- und Ich-Bewusstsein sind komplexe Eigenschaften höherer sozialer Organismen, die
eine besondere Form des Wissens und der Zuschreibung ermöglichen. Zum Selbstbewusst-
sein, so Rüdiger Vass unter dem Titel Selbstbewusstsein und Gehirn, „gehört auch die Er-
kenntnis, dass es andere (Selbst-)Bewusstseine gibt. Insofern ist der Ich-Begriff auch nicht auf
Gehirnaktivitäten allein reduzierbar.“ Gleichwohl kommt er zu dem Schluss, dass immer mehr
darauf hindeutet, dass das Ich eine neuronale und soziale Fiktion ist und keine Seelensub-
stanz, auch wenn bisher noch keine Region des Gehirns bekannt ist, die immer beim Vollzug
dessen, was wir Selbstbewusstsein nennen, aktiv wird –

„Mein Gehirn denkt, also bin ich“.

Der Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Zizek sieht im Ich mehr als nur ein komplexes Zu-
sammenspiel von Neuronen. Subjektivität ist für ihn auch mehr als das Prinzip der Autonomie.
Im Innersten der Subjektivität, so sagte er im Interview, gibt es einen traumatischen Kern, der
von der Philosophie gleichzeitig erzeugt und verdrängt wird. Im Zentrum des Interesses steht
nicht das Individuum als solches, sondern die Frage:

„Was bin ich für den anderen?“

Die Autoren der folgenden Ausgabe des blauen reiters beschäftigen sich mit den philosophi-
schen Aspekten der 

          
Sexualität

Angesiedelt zwischen biologischer Notwendigkeit und gesellschaftlicher Überformung ist die
Sexualität noch vor der Religion eines der ältesten Mittel zur Erzeugung der Ekstase, des
„Außersichseins“, das den Menschen zur Verfügung steht. In Platons Dialog Symposion
(Das Gastmahl) beschreibt Aristophanes das geschlechtliche Begehren als Sehnsucht nach ursprünglicher Einheit. Anfänglich waren die Menschen aus zwei Körpern zusammengesetzte
Kugelwesen, die von Zeus wegen ihres Aufbegehrens gegen die Götter getrennt und zu ihrer
heutigen Gestalt umgeformt wurden. Die Kraft des Eros, so Aristophanes,

„dies Verlangen eben und Trachten nach dem
Ganzen (nach der verlorenen, wahren eigenen
Hälfte) heißt Liebe“.

In der 16. Ausgabe des blauen reiters lesen Sie unter anderem folgende Beiträge: Nacktheit
und Scham, Das Begehren, Sexualität und Sprache, Die Polarität der Geschlechter, Die Faszi-
nation des anderen Körpers, Gender – Das Geschlecht als soziales Konstrukt.

Die Themen der darauf folgenden Ausgaben lauten: Das Böse, Gerechtigkeit und Geschichte.

Siegfried Reusch, Chefredakteur

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