|
Die Bilder, die wir uns von der Welt machen, sind durch Medien vermittelt. So begann die Wandlung der Astronomie von einer schauenden und benennenden Wissenschaft des bestirn- ten Himmels hin zur Astrophysik mit dem Blick durch das Medium Fernrohr. Als Galileo Galilei 1608 den Inquisitoren des Vatikans anbot, selbst durch das Fernrohr zu schauen, lehnten sie dies ab, „weil ihrer Meinung nach dieses merkwürdige Rohr die Wirklichkeit nicht zeigt, ja nicht zeigen konnte die theologische Wirklichkeit, wohlgemerkt“, so Harald Lesch in seinem Bei-
trag Schlagzeilen vom Rand der Wirklichkeit. Das Weltbild der modernen Astronomie. Heute ist dieses Weltbild technisch erzeugt. Hoch komplexe Maschinen empfangen aus dem Weltall Radio-, Röntgen- und Gammasignale, für die wir keine Sinne besitzen. Computer erzeugen
aus solchen Signalen Bilder, von denen die Astronomen, die den einst mit Göttern bevölkerten Himmel gänzlich entzaubert haben, behaupten, sie gäben Wirkliches wieder.
In unserer modernen, multimedialen Welt muss sich der Einzelne beständig mit neuen Dimen-
sionen technisch erzeugter Realitäten auseinander setzen. Wer sich in der realen Welt nicht mehr zurechtfindet, sucht sein Heil in den virtuellen Traumwelten der Computernetze. „Der mo-
derne Mensch lebt in einer virtuellen Gemeinschaft, in der sich der ursprüngliche Gegensatz von Privatheit und Öffentlichkeit immer mehr auflöst zu Gunsten einer paradoxen Form kollek-
tiver Privatheit“, schreibt Slavoj Zizek im Essay Die Grenzen der Virtualisierung. Die Grenzlinien zwischen Wirklichkeit und Simulation verschwimmen. Das echte Leben wird nur mehr als vir-
tuelle, beliebig oft wiederholbare Videospiel-Erfahrung wahrgenommen. Im Cyperspace-Hyper-
text des weltumspannenden Mediums Internet sieht Zizek eine quasinatürliche Entsprechung eines solchermaßen entgrenzten Lebens.
Technik als Auseinandersetzung mit Wirklichem wird auch im Medienzeitalter oft nur als Mittel zur Verwirklichung von Zwecken angesehen. Versteht man hingegen Technik als Medium, wird deutlich, dass unsere Weltsicht und unsere Beschäftigung mit allem, was ist, geprägt ist von den Möglichkeiten, welche die technischen Systeme uns vorgeben. Unter dem Titel Mittel oder Medium? schreibt Christoph Hubig: „Erst wenn wir uns damit auseinander setzen, dass die Medialität ein Grundzug des Technischen überhaupt ist, und nicht so tun, als sei die Technik ‚nur‘ Werkzeug, Maschine, … haben wir eine Chance, … die Medialität der ‚neuen Medien‘ als deren Sonderfall zu begreifen.“
Außer Zweifel steht für den Vorstand des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe, Peter Weibel, dass wir uns auf Grund der Weiterentwicklung der technischen Mög-
lichkeiten von den klassischen Vorstellungen dessen, was Menschen sind, verabschieden müssen. Im Interview sagt er: „Es ist ziemlich gemütlich und bieder zu sagen: nur weil ich den-
ke, bin ich. Wenn Maschinen denken können, sieht man, dass das Denken keine humane Ei-
genschaft ist … Das Denken reicht nicht aus, um Humanitas zu legitimieren.“
War für Friedrich Nietzsche die technische Verbesserung des Schreibwerkzeugs die Entwick-
lung vom Schilfrohrgriffel hin zur Schreibmaschine noch gleichbedeutend mit einem Fort- schritt des Denkens, geht heute vielerorts die Befürchtung um, dass die so genannten neuen Medien und virtuellen Welten gleichbedeutend seien mit dem Ende der Kultur. Neil Postman postulierte das Ende der Kindheit, und der Technikkritiker Günther Anders sah schon vor Aus-
rufung des modernen Medienzeitalters im Fernseher ein Medium, das die Menschen zur Un-
mündigkeit und Hörigkeit erzieht. Unter dem Titel Das Ende der Humanität schreibt Volker Kempf in seiner Einführung in die Medienkritik von Günther Anders: „Der Tisch war der Mittel-
punkt der Familie der Fernseher ist der gemeinsame Fluchtpunkt“, und konstatiert die Nieder-
lage des vor seinen Medien- und Kommunikationsgeräten vereinsamenden Menschen:
„Der Masseneremit tritt den Siegeszug an.“
Zu einem gänzlich anderen Schluss kommt Wolfgang Orth in seinem Beitrag Kultur als Medien-
ereignis. Begriffe wie Mediengesellschaft, Informations- und Kommunikationszeitalter sind für ihn nichts sagende Leerformeln. Erst die Medien und die Kommunikation, so Orth, machen die Welt zu dem, was sie von alters her ist, „zur Welt des Menschen“. Es bedarf nicht erst des Blicks auf die so genannten modernen Medien, um die Medienabhängigkeit jedes Sinnes und jeder Bedeutung als den kulturellen Grundverhalt zu erkennen: „Kultur ist die mediale Inszenierung von Sinn auf dem Wege der Etablierung des Menschen.“ Gerade in der Konfrontation mit den neuen Medien, so Orth, stellt sich uns die Aufgabe des „Versehens mit Sinn“. Auch dem Journalist und Fernsehmoderator Friedrich Küppersbusch ist es nicht weiter bang vor den neuen Medien:
„Wir haben noch jedes Medium niedergerockt“,
ist seine Überzeugung und, so führt er im Interview aus: „Authentizität entsteht nicht dann, wenn der Journalist der Fiktion anhängt, er könne sich verschwinden machen, sondern sie entsteht dann, wenn er in einer gewissen Weise erkennbar ist.“
Hinter jeder Kommunikation erhebt sich der Traum eines unvermittelten, das heißt durch kei-
nen Vermittler getrennten und überbrückten Verstehens. Dessen ungeachtet benötigt eine „Philosophie des Sozialen, die von den Positionen ‚Selbst‘ und ‚Anderer‘ ausgeht, … zur Bil-
dung der eigentlichen Sphäre des Sozialen ein Drittes, das zwischen den beiden Polen vermit-
telt, einen Mittler beziehungsweise ein Medium“, schreibt Kurt Röttgers unter dem Titel Engel und andere Mittler. Ein Engel ist für ihn jeder, der im Fluss des sozialen Geschehens eine Bot-
schaft überbringt. Gleichwohl sieht er in den Engeln Parasiten, dem Urbild aller Boten, dem griechischen Halbgott Hermes gleich, der sich auch zu seinem eigenen Nutzen , auf die Kunst der Übersetzung von Werten und Sinn einer Welt in die einer anderen verstand.
War die Nachricht vom Sieg der Griechen in der Schlacht bei Marathon nicht schneller als der Bote, der sie überbrachte, rasen die Bilder von Kriegsschauplätzen heute mit annähernd Licht-
geschwindigkeit um den Globus die Botschaft hat den realen Boten überholt. Die schnellen Transportmittel produzieren mehr und mehr leere Bewegungen, sinnloses Reisen an längst bekannte Orte. Sinnlosigkeit ist hier durchaus wörtlich zu verstehen, schreibt Peter Gendolla in seinem Beitrag Medienzeiten, denn
„Sinn wird von den Zeichen transportiert, und
die gehen inzwischen ihre eigenen Wege.“
Gesprochene Worte sind dem Vergessen anheim gegeben. Die Silbenschrift war das erste Medium, das dieses Verschwinden aufzuhalten vermochte. Dennoch gab Platon der gespro-
chenen Sprache den Vorzug, weil er der mündlichen Tradition folgend das gesprochene Wort begreift „als das mit dem Herzen gehörte, als die Rede des anderen“, zitiert Marie-Anne Berr in ihrem Beitrag Die Schrift: Eine Reise ins Nichts. Platon versteht die Schrift und das Bild nur als Abbilder von etwas, das sie selbst nicht sind, und stellt fest, dass „das Wort nicht durch Buch-
staben und Silben kundgemacht“ werden kann.
Auch Kristin Westphal zeigt Grenzen der Medien auf. Ohne Rückbezug auf unsere Leiblichkeit, erläutert sie unter dem Titel Vom Ver-Rücken der Phänomene, können wir medialisierte Stim-
men nicht wirklich hören. Die bunten Bilderwelten der neuen Medien verbergen, dass der Mensch mit „seiner Stimme in einer unersetzbaren Weise präsent“ ist. Sie ist eine Erschei-
nungsweise der Körperlichkeit, hat Volumen, Alter, Geschlecht… Im Gehörtwerden der Stimme wird man, so Westphal, „zum Anderen (für andere)“.
Hingegen sieht Vilém Flusser, dessen Leben und Denken unter dem Titel Medienwechsel von Nils Röller und Siegfried Zielinski vorgestellt wird, gerade in den neuen Medien die Möglichkeit, das Verhältnis des Fremden und des Eigenen so zu gestalten, dass der Heimatlose und Frem-
de in seiner Würde wahrgenommen wird.
Auch Marshall McLuhan betont die Bedeutung der technischen Kommunikationsmedien für soziale Entwicklungen. Zu der Aussage, dass das Medium selbst schon die Botschaft ist, die es bringt, kommt McLuhan auf Grund der Erkenntnis, dass man zum Verständnis eines Mediums nicht dessen Inhalte studieren muss, sondern dessen innere Logik und gesellschaftliche Auswirkungen. Die elektronischen Medien, so Peter Ludes in seinem Beitrag Medieninter-
pretationen, trugen zu neuen Möglichkeiten der Informationssammlung bei, die nach McLuhan als eine Form der Stammesbildung verstanden werden können:
„Ähnlich wie vor Jahrtausenden Menschen
Nahrung sammelten, sammeln sie jetzt mit Hilfe
der elektronischen Medien Informationen.“
Glück
lautet das Thema der 14. Ausgabe des blauen reiters. Das Streben nach Glück ist so alt wie die Menschheit. Oft in Verbindung gebracht mit der Sinnerfüllung des Lebens, wird Glück, gleich-
wohl es dem Sprichwort folgend auch auf der Straße zu finden ist, als höchstes Gut und Ziel allen Handelns angesehen. Doch schon Rousseau schrieb: „Jeder Mensch will glücklich wer-
den; um aber das Ziel zu erreichen, müßte er zunächst wissen, was das Glück eigentlich sei.“ Die Hinwendung der Philosophie zu Themen wie Glück und gelingendem Leben beginnt, wo das Zutrauen schwindet, dass Glück und Unglück Gaben beziehungsweise Heimsuchungen
der Götter (oder eines Gottes) seien. Bereits für die Vorsokratiker stand der Glücksbegriff in Zusammenhang mit der inneren Verfassung des Menschen und war eng verbunden mit Vernunft und Moralität. Eine Fortsetzung fand das ethische Verständnis von Glück bei Platon, der Glück mit der Idee des Guten in Verbindung brachte. Auch Jeremy Bentham machte „das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl von Menschen“ zur Grundlage seiner Ethik. Schopenhauer allerdings kommt zu dem Schluss:
„Ganz glücklich in der Gegenwart hat sich noch
kein Mensch gefühlt; er wäre denn betrunken
gewesen.“
Zum Thema Glück finden Sie in der 14. Ausgabe des blauen reiters unter anderem Beiträge von:
Rüdiger Safranski: Der Große Mittag. Glücksvorstellungen bei Nietzsche
Annemarie Pieper: Das Glück des Sisyphos
Maximilian Forschner: Glücksbegriffe der Antike
Stefan Gammel: Unglück für Anfänger, Fortgeschrittene, Profis
Pascal Bruckner: Verdammt zum Glück
sowie ein Portrait des Philosophen Herbert Marcuse und ein Interview mit dem Glücksforscher Günther Bien.
Die Themen der folgenden Ausgaben des blauen reiters lauten: Ich, Gerechtigkeit, Bewegung und Endlichkeit.
Siegfried Reusch, Chefredakteur
|